: Frederick Helmut Pinggera
: Das Kartenhaus der Erinnerung
: Books on Demand
: 9783758346811
: Maria Marsala
: 1
: CHF 5.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 138
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Maria Marsala. Eine Saga, zweites Buch. Die Welt ist zugefroren. Schneeschockstarre. Als Violetta, eine dünnhäutige Kellnerin mit viel zu abgebrauchten Händen alte Fotografen vor mich hinstellt, sind es meine Vorfahren. Im Flackern der Kerzen kommen sie zurück ans Licht. Bis ein Windstoß unsere Erinnerungen aus den Fugen bläst und dies Telegramm eintrifft:"Mine ist tot", steht da,"+++stopp+++". Unsere Seelenreise, Band 2.

Geboren 1960, aufgewachsen in dem Dorf oben am Hang: in Stilfs, Südtirol, Ortlergebiet. Lebt in Bruneck und in Mals im Vintschgau. Verheiratet. www.fredericks_traumfabrik.co

#1 SCHNEESCHOCKSTARRE


Schneestarr lag die Welt. Nichts als Spuren unter dem Schnee. Erfroren.

Der Lehrer in diesem Herbst hieß Kurt. Er sprach von »Widerständen«, von »Königen, denen man die Köpfe abschnitt«, und »Menschen, die für die Freiheit« starben. »Tugend und Terror« ließen sich verbinden, und er redete davon, dass »der Kopf des toten Bürgers Luis Capet« das Pflaster hinuntergerollt sei, damals.

Er atmete japsend, schaute. Dann erzählte er von seinen Schafen, »die oben im Berg noch unterwegs sind«. Vetter Hermann dringt mir in den Kopf und seine Stimme. Er sagt: »Dass die Marsala da unten in dem feuchten Loch liegt, das kann man kleinen Kindern vormachen.«

Ich spüre seine großen Tatzenhände in meinem Genick, er hält mich an den Schultern. So neige ich meinen Kopf, fühle mich geborgen in dieser nach dem Lanolin der Schafe riechenden Kuhle und sehe uns das Totenbrett der Marsala durch das Dorf schleifen.

Einsam ziehen wir es hinaus, über Trai bis hinauf zu den »Toten Böden«. »Da steht es mutterseelenallein«, sage ich. Der Lehrer schaute mich an: »Du hast eben laut geredet«, sagt er, »hast du Fieber?«

Ja, hatte ich. Aber ich sage es ihm nicht.

»Jetzt üben wir Familienaufstellung«, der Lehrer Kurt und wir. Er war neugierig, wollte »wissen, wer unsere Ahnen« waren. So nehmen wir Kinder unsere »Aufstellung« ein. Ein Mädchen machte die Marsala: »Nein«, schreie ich, »du nicht!« Das Kind war viel zu jung und grünlich im Gesicht, ganz blond und die Hände waren bis zur Armbeuge übersät mit leichten hellbraunen Sommersprossen. »Das geht nicht«, sage ich bestimmt.

Ein Mongolenkind, das in der Nacht dann vortritt. Ein dunkles Kind in einem grauschwarzen Kittel, die Augenform wie Mandeln. An seiner Hand hielt ich es fest: »Du schon«, sage ich, traumfest geschlossen war mein Blick.

Dem Kind schaute silberfarbenes Haar in sachten Rollen unterm Kopftuch hervor und erdfarben, dunkel, olivenblau schimmerten seine Finger. Es saß unter einer Föhre. Ein schütterer Platz und rundum Schnee. Ich rufe: »Mein Kind, mein Kind, bitte warte auf mich!« »Wo bleibst du denn?«, fragt sie mich breit.

Das Kind, es hob ein Heft empor, das blau war, wie das unsere. »Das Pigna«, denke ich. Es las daraus Geschichten vor. Es waren die unseren, die der Marsala und die meinen. Wir lasen nun gemeinsam, laut. Ich hatte Angst, man würde uns entdecken, und so versteckte ich mich tief unter meiner Decke.

Als es Tag wird, stapfe ich hinaus zum Totenbrett. Kälte herrschte an dem Morgen, da oben, wo Licht und Schatten aufeinandertrafen. Der Landriss und das Brett waren zugeschneit. Mit Fichtenzweigen markiere ich quer über das Schneefeld eine Linie.

Fluchtspur eines Tages.

Sowieso war danach gar nichts mehr. Keine Jahreszeit und kein Gebet. Leere durchzog die Welt und Marsalas Abwesenheit machte sie geruchlos. Selbst Blumen fehlten in dem Frühjahr. Sehnsucht lag in allen Dingen. Ein Trauerspiel.

Alle redeten sie von »der Marsala«. In der Zeitform der Vergangenheit erzählten sie Verwirrendes und bei alledem seien sie »selbst dabei gewesen«. Sie atmeten wie die Untergehenden, fraßen die Wörter aus den Sätzen, verschluckten sie als Ganzes, so wie Echsen ihre Eier.

Die Menschen flüsterten, wenn ich da war. Große Köpfe, Krähenbeine. Dann rasches Wieseln. Fluchtgeräusche.

So streife ich durch Gassen, Menschenrede hörend.

Im Sommer strich ich meinen Kühen ganz langsam, langgezogen über ihr Fell. Akte der Liebkosung. Sie werden ruhig dabei, mir warm. So legte ich mich an ihre Wampe, griff den Ziegen beim Melken an die Euter und fütterte sie mit frischem Wermut von der Arche, bis ihr Ausfluss grün wird und ihre Milch dann auch.

Die Äpfel befreie ich von den alten Zeitungen und gleite mit den Fingerkuppen über deren arg geschrumpelte Haut, stelle mir im Dunkel des Kellers vor, es wäre Marsalas Oberarm.

Ein Muttertier hat es mir angetan. »Glangga«, eine zierliche graue Kuh mit viel zu großer Schelle. Ich trage sie ihr, so kann sie in Ruhe weiden. Mit ihr rede ich und führe sie eines Tages hin zu Marsalas Totenbrett. Das hatte die Schrift tief eingesaugt. Aber es stand da, kerzengerade, wie ein Fanal.

Die Erde dort oben roch nach Erdspalt, Weite. Ihr.

Im folgenden Winter halte ich mir eine schmale Gehspur offen, die nur die wilden Tiere kreuzten.

Oben war der Rabe mein Wächter. Aufgeregt hüpfte er hin und her, schien wie verstört. So füttere ich ihn mit getrocknetem Sanddorn, bis er rot wird in den Augen.

Dann schaue ich ihm kerzengerade in sein Licht, »pieneben«.

Da blinzelt er.

Die Monate messe ich in Schuhgrößen, taste mich mit ausgestreckten Händen blindlings durch die Gassen und zähle die Abfolge der Schritte. Wintermüdigkeit und knochenschwere Lethargie, die in mir saßen.

Da kehrte eines Tages das Licht zurück, kroch früher über die Berge als sonst. Ostlicht, flach noch und kraftlos. Vater trug es in den Augen, als er sagte, dass wir »heuer Scheiben schlagen gehen, miteinander«.

Die Menschen schieben die dumpfen Köpfe aus den Türen. Die Korntruhen in den Hütten waren leer. Vorsichtig keimen Saatkartoffeln. Eine schwache Sonne zieht der Erde doch die weiße Decke vom Leib. Leise Hoffnung.

Übermütig feiern die Menschen das Fest »Lichtmess«, schauen gebannt heraus aus ihrer müdtrüben Verzweiflung: »So kommt das Leben in die Welt zurück«, sagt der Pfarrer bei der Messe.

»Nichts von dem ist wahr«, rufe ich nach vorne: »Sie ist tot geblieben, unsichtbar.« Ich redete von der Marsala und nahm an, dass es heuer finster bleiben würde, beim Scheibenschlagen.

Vater sagt mir, ich solle mich »herrichten, vorbereiten« und dass wir »zum Tischler Leonhard gehen«. Er redet leise und es klang, als müsste ich zu einer Beichte.

Melancholisch drehte »Leanart« die Holzstücke in seiner Drechselbank. Dem Baumrumpf schnitt er Scheiben vom Leib. Der war festgezurrt und eingespannt in grobe Klemmen. Leonhard lächelte verschmitzt, schliff die Flächen fein und glatt und hieß mich, mit den Fingerchen darüber zu rutschen. Holzmaserungen, die sich zeigten, glänzend wurden unter meinen Fingern. Relikte ferner Jahre, die sich auftaten, Holzlandschaften, keine gleich wie die andere. Jede Scheibe bekam ihre eigenwillige Textur, während ich über sie fuhr.

»Neun davon«, sagt mein Vater. »Neun?«, fragt der Mann zurück.

Ich war noch bei den Schlangenlinien, die sich durch die Scheiben zogen, und sie sahen aus wie Lebenslinien. Mein Vater stand da, zählte mit den Fingern: »Neun davon, vier für die Geschwister, vier für seine Vorfahren, eine große für ihn.« Er zeigte auf mich.

Dem Tischler war das klar, offenbar wusste er mehr als ich. »Vier Geschwister?«, frage ich. »Ich kenne nur zwei.« »Die anderen beiden«, sagt mein Vater, »sind nur kurz in die Welt gekommen.«

Dann drehte er sich, redete wegwärts mit leicht gespitztem Mund und dünner Stimme: »Anna und Anton.« Er schaute an mir und an allem vorbei, hinaus durch das Tor. Vater weinte.

Als Leonhard vor uns steht, hat er neun Scheiben in der Hand. Vater, der sich wieder gefasst hat, sagt, mir zugewandt: »Die große wird die schönste. Schnitz sie und bemale sie mit einem Sonnenrad. Die schlägst du deiner Marsala!«

»Unserer«, sage ich.

Wie? Ich sollte darauf Muster schnitzen? In die Lebenslinien fahren? Mir war unwohl. Ich spürte das Rattern, das Zittern, das Raspeln des Schleifblatts auf trockenem Holz: Erschütterungen in meiner Seele. »Grobiane«, sage ich. Aber es ging unter im Gefräse.

»Schnitzeisen«, die man mir reichte. Je weiter ich in das Holz eindringe, desto mehr scheint es sich zu öffnen, gibt Strukturen frei, an denen ich mit den Schnitzeisen sachte entlangfahre.

Maserungen zuerst, dann vertiefte Kanneluren, langsam bildet sich eine Silhouette. Nein, kein Gesicht wollte ich, nur Schemen. Und so schnitzte ich mir die, an der meine Sehnsucht hing, die jetzt nicht mehr ganz so Tote, in das Holz da. Schreibe darunter: »Auferstehende.«

Mit geschliffenen Eisen ritze ich feine Lettern in die Rücken der Scheiben: ein »KG« für den älteren meiner Brüder, zweimal ein »A« für die verlorengegangenen Geschwisterchen und ein »GK« für einen nach mir geborenen.

Wie Frühjahrslicht strahlen die Augen meines Vaters, als ich auf die Scheibe der Marsala zeige: Eine Rosette mit verzierten Blumen hatte ich auf die große Scheibe gemalt. Blüten in drei Farben: »Grün für das Leben, Rot für das Sterben, Gelb für die Auferstehung.« Vater schaute. Er meinte, ich...