Diadine
Diadine war noch nie in ihrem Leben so schnell gerannt. Ihres Schwertes beraubt, ihr Schild geborsten und keine Chance auf Entkommen. Halia Ravissard war dicht hinter ihr. Diadine konnte sie schreien hören: »Stell dich endlich, du feige Cardaire«, aber den Gefallen tat Diadine ihr sicher nicht. Nicht, nachdem sie gesehen hatte, was Halia mit einer ihrer Sparringspartnerinnen angestellt hatte. Als Ravissard war sie es gewohnt zu siegen. Und diesen Sieg würde Diadine ihr verwehren.
Sie erreichte den Quergang der Kampfgrube und sprang in die Höhe, rutschte mit einer Hand ab und prallte gegen die Steine. Dann war Halia heran und der erste Schlag traf Diadine hart in den Nacken. Ein Gefühl, als wäre ihre Wirbelsäule in viele kleine Teile zerfallen. Der nächste Schlag richtete sich gegen Diadines Oberschenkel, und sie krümmte sich vor Schmerzen. Eine ungepanzerte Stelle. Halia schlug zu, gegen Panzer und Fleisch, bis Diadine schließlich die Stimme ihres ehrwürdigen Ausbilders hörte: »Aufhören!«
Ein letzter Hieb gegen ihre Schulter, den Diadine mit einem Keuchen hinnahm, dann trat Halia zurück. »Aufstehen und herkommen«, blaffte Meister Sarlic. Diadine konnte ihre Beine kaum noch fühlen. Sie kauerte mit gekrümmtem Körper vor der Mauer, starrte auf ihr aufgeschürftes Handgelenk und versuchte zu ergründen, was an ihrem Körper noch in Ordnung war.
»Ihr auch«, knurrte Sarlic, und als Diadine nicht reagierte, ging er selbst hinüber und zerrte sie am Arm hoch. Keuchend kam sie auf die Füße und musste wohl oder übel ihrer Bezwingerin Halia in die nachtschwarzen Augen blicken. Die hochgewachsene Ravissard-Tochter hatte nur ein hämisches Grinsen für sie übrig.
Es verschwand allerdings prompt, als Meister Sarlic sich ihr zuwandte: »Euch ist wirklich nicht mehr zu helfen, Lady Ravissard. Ich werde eurem Vater empfehlen, Euch nicht am Kampf teilnehmen zu lassen.«
Tatsächlich wurde Halia blass. »Wie könnt Ihr …?«, begann sie mit bebender Stimme, doch Meister Sarlic ließ sie nicht aussprechen.
»Ich kann, da Ihr Euch den Regeln der Kampfgrube unterworfen habt. Euer Vater hat für Euch gebürgt, damit ich Euch trainiere, so wie alle Fürstentöchter und -söhne. Und er hat mit seinem Blut gezahlt. Fragt Ihr mich ernsthaft, wieso ich mich erdreiste, Euch etwas zu sagen, Lady Ravissard?«
Diadine sah, wie schwer ihre Kontrahentin atmete. Der Zorn wallte in Halia auf, aber sie schloss den Mund, pfefferte ihr Übungsschwert in den schwarzen Sand und stampfte davon, um sich von ihrer Zofe die Rüstung abnehmen zu lassen.
Diadine spuckte ein wenig Blut auf den Boden und taumelte ein paar Schritte vorwärts, doch dann wandte Sarlic seine Aufmerksamkeit ihr zu. Und sie kam nicht besser dabei weg als Halia.
»Und Ihr da, Lady Cardaire – habt Ihr wirklich keinen Anstand gelernt? Wenn Eure Kontrahentin Euch entwaffnet, dann habt wenigstens den Mut, ihr entgegenzutreten, und geht nicht laufen wie ein verängstigtes Kind. Haben wir einander verstanden, Lady Cardaire?«
»Jawohl, Meister Sarlic.«
»Wascht Euch und zieht Euch um, damit Ihr in Euren Geschichtslektionen nicht schon beim Eintreten negativ auffallt.«
»Jawohl, Meister Sarlic«, wiederholte Diadine und verneigte sich vor ihrem Lehrer.
Zum Glück konnte er ihre hochroten Wangen nicht sehen. So gescholten humpelte sie auf die gegenüberliegende Seite der Kampfgrube, wo ihre Zofe mit einem Tuch wartete.
Hinter ihr befahl Meister Sarlic dem nächsten Sparringspaar,