: Jess Tartas, (kein Vorname) Schwartz
: Gewalt und Poesie Ein literarischer Dialog
: Frohmann Verlag
: 9783947047970
: 1
: CHF 5.70
:
: Lyrik
: German
: 124
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Diskussion um explizite Gewalt in ästhetischen Darstellungen kennt man vor allem als eine sehr emotional geführte zwischen Eltern und Kindern oder Pädagog*innen und Schüler*innen. Seit Beginn des Gaming-Zeitalters markiert sie eine der härtesten Fronten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Weitgehend unverbunden damit wird künstlerisch dargestellte Gewalt philosophisch innerhalb der Ästhetik des Erhabenen diskutiert. Mit der Erfahrungsrealität von Millionen Menschen, die ästhetisierte Gewalt konsumieren und in manchen Fällen auch produzieren, hat beides wenig zu tun. »Gewalt und Poesie« macht in der Zwischenwelt des Gewaltgenusses ein kleines Versuchslabor auf: Zwei befreundete Erwachsene, ein Horrorcore-Rapper und eine Dichterin, setzen sich dialogisch mit ihrem persönlichen Blick auf Konsum und Produktion ästhetisierter Gewalt auseinander. Es geht dabei nicht um das ob, sondern um das wie. Wie muss ästhetisierte Gewalt gestaltet sein, damit sie nicht unerträglich, sondern individuell goutierbar, reizvoll, unterhaltsam ist?

Jess Tartas ist Schriftstellerin, Dichterin und Bildungswissenschaftlerin. Sie ist Mitgründerin und Koordinatorin der Autor*innengruppe Wortkollektiv. Seit 2010 setzt sie sich für Bildungsgerechtigkeit ein, ihr aktueller Schwerpunkt liegt auf Inklusion im Kulturbetrieb. Sie schreibt u. a. als freie Autorin für Kindermagazine, unterrichtet Schreiben und organisiert Kulturveranstaltungen. Jess Tartas veröffentlicht seit 2002 Texte im Internet, 2019 ist ihre Erzählung »Lange laut lachen« bei SUKULTUR erschienen. Ihre Kurzgeschichten, Lyrik und Prosa sind auf DownbyBerlin, dem Blog des Herzstück-Verlags, und in verschiedenen Zines (zuletzt in mischen, 2022) zu finden.

GEWALT UND POESIE


Ein literarischer Dialog


Jess


VORSEHUNG


Zu lieben ist immer wieder das Mutigste, das ich tun kann, denn mit meiner Hingabe begehe ich Selbst-Mord. Mein Herz gehört mir nicht mehr allein; Stücke von ihm habe ich anderen eingepflanzt. Der in meiner Brust verbliebene Rest ist bereit für alles, was geschieht, aber durch offene Herzen zieht manchmal der heftigste Wind.

Das Leichteste, das ich je tat, war es, den Stecker zu ziehen. Ihr wisst schon, zu bestimmen, dass jemand sterben darf. Die Entscheidung traf ich nicht für mich, sondern für einen Menschen, von dem ich wusste, dass er sterben wollte. In dem Moment habe ich gespürt, wie selbstlos ich sein kann. Und wie wenig Kraft es am Ende wirklich braucht, die eigenen Ängste für andere zu ignorieren, wenn es um Leben und Tod geht.

Ich begehe Selbst-Mord, indem ich schreibe und euch meine Texte zur Verfügung stelle. Sobald ich etwas von mir teile und nicht mehr für mich behalte, dürft ihr damit machen, was ihr wollt. Ihr könnt meine Texte lesen, sie essen, zu ihnen masturbieren, euch verknallen, sie traurig oder peinlich finden. Sobald meine Texte in euren Köpfen sind, gehören sie mir nicht mehr.

Dennoch glaube ich nicht an den Tod der Autorin, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass der Tod der Schreibenden überholt ist.

Ich glaube daran, für immer mit all dem hier verknüpft zu sein, aber dass die Bilder, die ihr nun seht, ganz allein eure sind. Ich glaube daran, über Text und Kunst echte Verbindungen herzustellen, obwohl wir uns nicht einmal gegenüberstehen. Ich denke, das ist Magie.

Als Christiane Frohmann im Sommer 2022 Raffi und mich fragte, ob wir ein Buch über Gewalt und Poesie für ihren Verlag schreiben möchten, sagten wir ohne zu zögern zu. Es war sofort plausibel.

Während sich in Raffis Kunst die Gewalt zumeist vordergründig im Auf-die-Fresse-Stil vollzieht, steckt sie in meinen Texten im Dazwischen. Ihr müsst euch also trauen und spüren.

Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr beim Lesen genauso leidet wie ich beim Schreiben. Ich hoffe, dass ihr euch schneller von meinen Texten erholt als ich mich vom Erleben mancher meiner Geschichten. Autofiktion ist das, was meine Texte ausmacht. Von