: Livia Rose
: Sommerträume und Mondgebäck in der kleinen Teestube Roman | Romantischer Liebesroman in England
: between Pages by Piper
: 9783377900883
: 1
: CHF 5.40
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 322
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Herzerwärmendes Familiendrama im sommerlichen England für Fans von Manuela Inusa und Lucinda Riley  »Er war es, den sie malen wollte! Er und niemand sonst. Da war es wieder, dieses Bild. Tausende Farben explodierten vor ihrem inneren Auge und setzten sich Stück für Stück zusammen, bis sie ihn erkannte.«  Luana braucht einen Neustart. Gemeinsam mit ihrer Großmutter An'an verlässt sie Hongkong, um im fernen England die alte Teestube ihrer Familie neu zu eröffnen. Ihre Großmutter verfolgt jedoch eigene Pläne und schon bald findet sich Luana auf der Suche nach einem alten Familiengeheimnis wieder. Unterstützt wird sie dabei von dem mürrischen Bäcker Ian, der ihr Herz schneller schlagen lässt. Doch die Schatten der Vergangenheit drohen sie einzuholen, und Luana könnte nicht nur ihr Herz sondern auch ihr Leben verlieren ... 

Livia Rose ist das gemeinsame Pseudonym zweier schreibverrückter Autorinnen, die zusammen mit ihren Familien in Wien, Österreich wohnen. Seit gut zwanzig Jahren eng befreundet, arbeiten sie gemeinsam daran, ihre Geschichten in Buchform zum Leben zu erwecken. Auf Instagram findet man sie unter @liviarose.autorin.

Kapitel 3


St. Iluna, Gegenwart


Und das soll Yueliangs Haus gewesen sein?

Verunsichert rammte Luana den eisernen Schlüssel ein weiteres Mal mit voller Wucht in das verrostete Schloss der morschen Holztür. Aber er passte nicht. Ganz egal, was sie auch versuchte. Ratlos trat sie ein paar Schritte zurück, wobei sie über einen Pflasterstein stolperte, der aus dem unebenen Boden ragte, und mit einem schrillen Schrei hart auf dem Hintern landete.

»Tā mā de!«, entfuhr es ihr. Verdammt … Was konnte denn so schwer daran sein, eine Tür aufzusperren, die schief in den Angeln hing und die bei jedem Ruck ein unheilvolles Stöhnen von sich gab?

»Die Ahnen werden nicht besonders erfreut sein, wenn du so in der Gegend herumfluchst, Kleines. Lass es mich noch einmal versuchen …« An’an war neben sie getreten und nahm ihr den Schlüssel aus der Hand.

Luana blies sich eine dicke schwarze Strähne aus der Stirn und rappelte sich hoch. »Bist du auch wirklich sicher, dass wir hier richtig sind? Das Haus sieht ganz schön mitgenommen aus. Ich dachte, Ururgroßvater Roberts Bruder wollte sich darum kümmern?«

Ihre Großmutter lächelte. »Wir sind hier richtig, ganz bestimmt.«

»Wenn du es sagst …« Betrübt reckte Luana das Kinn in die Luft. Ihr neues Zuhause wirkte irgendwie so traurig. Genauso traurig wie sie.

Einem hässlichen, von Efeuranken überwucherten Monster gleich ragte es vor ihnen auf. Einzelne von der Witterung rostbraun verfärbte Ziegel strebten spitz aus den Wänden, und von dem geschnitzten Torbogen, der die Tür ummantelte, waren nur noch klägliche Reste vorhanden. Das hier war also ihr Neuanfang.

Wie von selbst bewegten sich ihre Beine zurück zu dem Haus. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie die Hände auf das von den vereinzelten Sonnenstrahlen erwärmte Gemäuer legte.

Weglaufen ist so einfach.

Luana presste die Stirn an die Wand und schloss die Augen. Vorfreude wurde zu Angst, ließ sie erschaudern und ihr Herz gefährlich schnell gegen ihre Rippen pochen. Ihr Magen vollführte Saltos, die Finger begannen zu schwitzen, und sie krallte sich an den Ziegeln fest, um nicht umzukippen.

Nein, nicht jetzt. Ich habe das alles hinter mir gelassen …

Wagemutig horchte sie in sich hinein und drängte die grollende Finsternis, die wieder einmal im Begriff war, ihre Gedanken zu übernehmen, mit aller Macht zurück. Nein, sie brauchte keine Angst mehr zu haben, denn sie war jetzt hier! Die Flucht aus ihrem selbst erschaffenen Gefängnis war ihr gelungen … Luana neigte den Kopf und linste zu ihrer Nǎinai. Ein sorgloses Lächeln zupfte an den Mundwinkeln der alten Frau, während sie konzentriert den Schlüssel drehte und dabei immer wieder den Winkel veränderte, bis sie den Rost mit einer gleitenden Bewegung durchbrach.

Wenn du nur wüsstest, wie froh ich bin, dass du mich mitgenommen hast!

Erleichtert atmete Luana auf, als ein dumpfes Klicken ertönte.

Ihre Großmutter klatschte freudig in die Hände. »Siehst du, Kleines, ich habe dir doch gesagt, dass uns die Ahnen den Weg bereiten werden!« An’an deutete ihr an, zu ihr zu kommen. »Lass uns reingehen!«

Luana nickte. Gerade als sie nach ihrem alten Lederrucksack greifen wollte, kam neben ihr ein schwarzer Geländewagen mit einem ohrenbetäubenden Quietschen zum Stillstand. Erschrocken sprang sie zur Seite, wobei sie gegen eine dunkelgrüne Straßenlaterne prallte.

»Au, was zum Teufel soll das?«

Fahrig strich sie sich durchs Haar und tastete nach der Beule, die sich gerade auf ihrem Hinterkopf bildete. Der röhrende Motor des Wagens verstummte, und ein Mädchen mit langen blonden Locken stieg aus und rannte tränenüberströmt an ihr vorbei.

»Lass mich in Ruhe, Ian, du bist verdammt noch mal nicht mein Vater!«, brüllte sie, stürmte durch eine verborgene Gartentür in das angrenzende Anwesen und knallte sie mit voller Wucht hinter sich zu.

Ein hochgewachsener, ebenfalls blonder Mann stieg aus dem Wagen.

»Sei froh, dass ich nicht dein Vater bin, denn sonst könntest du jetzt was erleben!«, rief er ihr nach.

»Du kannst mich mal!«, tönte es hinter dem Gartenzaun.

Luana blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete, wie er das Auto mit großen Schritten umrundete.

Wie ein Tiger.

Sein grimmiger Gesichtsausdruck jagte ihr einen Schauer über den Rücken, und sie sprang reflexartig hinter den Laternenmast, obwohl dieser kaum eine Handbreit von ihr verdeckte. Bei den Göttern, was tat sie hier eigentlich? Sie sollte sich lieber umdrehen und ihrer Großmutter ins Haus folgen, anstatt diesen Mann wie eine Verrückte anzustarren! Wie hatte ihn das Mädchen noch gleich genannt?

Sie umklammerte die dunkelgrüne Säule fester, während sein Name in ihren Gedanken widerhallte.Ian …

Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, um abzuhauen, aber ihr Körper wollte ihr einfach nicht gehorchen. War es, weil er überdurchschnittlich groß war und noch dazu so unverschämt gut aussah? Luana schluckte. Nein, sein attraktives Erscheinungsbild war nicht der Grund. Vielmehr war es der Ausdruck auf seinem Gesicht, der ihr seine Gefühle wie durch ein Kaleidoskop offenbarte. Sie sah die Wut und die Sorge. Aber auch Angst. Und zum Schluss … reine, aufrichtige Liebe.

Ich will ihn malen …

Ich will seine Gefühle festhalten …

Ich will ihnfesthalten.

Es war der tiefe Klang seiner Stimme, der sie in die Wirklichkeit hinter die Straßenlaterne zurückholte. Ein wohliger Schauer kroch ihr über den Rücken, wie sie es noch nie zuvor gespürt hatte.

»Dieses Kind macht mich noch wahnsinnig.«

Der Kofferraum klappte zu, und Luana hielt erschrocken den Atem an. Wenn er sie jetzt bemerkte, dann wäre sie für alle Ewigkeit als die verrückte Nachbarin gebrandmarkt. Sie duckte sich und machte einen Schritt in Richtung Haus. Einen zweiten. Aus dem Augenwinkel erkannte sie seine hünenhafte Gestalt. Folgte er ihr etwa?

»Hallo, du!«

Luana erstarrte und biss sich auf die Unterlippe. Ertappt neigte sie den Kopf in seine Richtung. Jetzt stand er direkt neben ihr.

»Sie ist so eine launenhafte Göre!«

Er hat eisblaue Augen. Ich habe noch nie einen Mann mit solchen Augen gesehen.

»Und mir wäre es auch lieber, ich müsste nicht die Rolle ihres Vaters spielen. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert, oder?« Erschöpft atmete er aus. Seine Augenbrauen hoben sich fragend.

Erwartete er etwa eine Antwort von ihr? Aber sie kannten sich doch gar nicht … »Schwieriges Alter?«, murmelte Luana.

Ian zuckte die Schultern. »Sie ist erst siebzehn Jahre alt. Viel zu jung, um mit irgendwelchen dahergelaufenen Typen abzuhängen, die um mindestens fünf Jahre zu alt für sie sind! Aber was bleibt mir anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Ich kann sie ja schlecht einsperren …«

»Das stimmt.«

Luana blickte Ian von der Seite an. Er war ihr so nahe, dass sie die Wärme, die von ihm ausging, durch ihr Shirt spüren konnte. Hitze kroch ihr in die Wangen, und ihr Herz geriet ins Stolpern. Sie wusste ja, dass die Gepflogenheiten in Europa andere waren als in Asien. Es war ihr peinlich. Aber auf gar keinen Fall unangenehm. In ihrem Kopf manifestierte sich ein Bild. Da war eine Anhöhe, die aus einem dichten Wald herausragte. Ein riesengroßer Mond. Ian war dort und sie selbst. Der Drang, in ihren Rucksack zu greifen, um die Szene auf Papier festzuhalten, wurde von Sekunde zu Sekunde stärker.

Drehe ich jetzt völlig durch?

»Sag mal, kennen wir uns? Oder hast du dich vielleicht verlaufen?« Seine schmalen, aber dezent geschwungenen Lippen zeigten die Ansätze eines Lächelns.

Luana fühlte sich ertappt, als ob er sie gerade bei...