Kapitel 1
Das Erste, was Kate sah, als sie völlig übermüdet die kleine Ankunftshalle des Flughafens von Longyearbyen auf Spitzbergen betrat, war ein riesiger Eisbär, der über der Gepäckausgabe thronte. Natürlich.
Fast hätte sie gelacht.
Wenn sie jedes Mal ein englisches Pfund bekommen hätte, wenn ihr in den letzten Wochen jemand etwas von diesen Tieren erzählt hatte, wäre sie jetzt eine reiche Frau.Gibt es da wirklich Eisbären? Sieh dich bloß vor den Eisbären vor! Hast du keine Angst vor Eisbären? Hoffentlich siehst du dort auch einen Eisbären. Ihre Bekannten und Kollegen an der Uni in London hatten kein anderes Thema mehr gehabt.
Dabei hatte Kate an kaum etwas anderes gedacht als an Spitzbergen. Die Reise, die vor ihr lag, und ihre völlig unerwartete Erbschaft. Und natürlich ihre verstorbene Großtante, von deren Existenz sie bis vor drei Wochen nichts gewusst hatte.
Kate seufzte. Tante Charlotte war ihre letzte lebende Verwandte gewesen. Sie wünschte, sie hätte sie kennengelernt.
Eisbären hatten in ihren Überlegungen eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Aber, ja, offensichtlich gibt es hier welche, dachte sie mit einem schiefen Lächeln und nickte dem ausgestopften Exemplar am Gepäckband freundlich zu.
Das Tier hatte glänzendes, weißliches Fell und einen gedrungenen, kräftigen Körper mit riesigen Tatzen, die in langen, schwarzen Krallen endeten. Der verhältnismäßig kleine Kopf des Bären war ihr zugewandt. Fast hätte sie ihn streicheln wollen. Stattdessen schauderte sie unwillkürlich, denn seine lebenden Artgenossen streiften auf der Insel umher und stellten eine ernste Gefahr dar.
Es war ihr ein völliges Rätsel, wie Großtante Charlotte auf die Idee gekommen war, sich ausgerechnet an diesem merkwürdigen Ort, so verflixt weit im Norden niederzulassen und ein Café zu eröffnen!
Immer mehr Menschen strömten aus dem Flugzeug in die kleine Halle und drängten ans Gepäckband. Kate sah allerlei bunte, offensichtlich teure Outdoorbekleidung: Parkas, Funktionshosen, Skipullover und neu glänzende Wanderschuhe. Aufgeregte Stimmen in verschiedenen Sprachen rollten über sie hinweg und viele der Touristen zückten das Handy, um den eindrucksvollen Eisbären zu fotografieren.
Andere Mitreisende standen entspannt im Hintergrund und sahen angesichts des allgemeinen Trubels eher gelangweilt aus. Kate vermutete, dass dies die Einheimischen waren. So wie Tante Charlotte, schoss es ihr durch den Kopf.
Vielleicht war es albern, aber ein wenig fühlte sie sich ihnen verbunden, diesen Leuten, die hier am Ende der Welt in der Arktis lebten, in der nördlichsten Stadt vor dem Nordpol.
Jedenfalls bin ich nicht bloß eine Touristin, dachte sie mit heimlichem Stolz und lächelte. Tante Charlotte war einer dieser Menschen gewesen und ich habe ihr Café und ihre Wohnung geerbt. Kate schob sich eine blonde Strähne hinter ihr Ohr, die sich aus dem langen Zopf gelöst hatte.
Dennoch verkniff sie sich den Impuls, den Eisbären auch zu fotografieren, so wie die anderen. Das konnte sie immer noch bei ihrem Rückflug nächste Woche machen, damit sie in London einen Beweis zum Vorzeigen hatte.
Zumindest schien ihr Outfit mit Jeans, rotem Wollpullover, roten Turnschuhen und weißer Steppjacke, nicht völlig verkehrt zu sein, wenn sie die Einheimischen betrachtete. Das Packen für diese Woche hatte ihr Kopfzerbrechen bereitet, im Juli sprach man auf Spitzbergen vom Polarsommer, mit Durchschnittstemperaturen kaum über null Grad.
Das hatte sie sich im hochsommerlichen London nur schwer vorstellen können.
Das Gepäckband setzte sich endlich in Gang und Kate erkannte ihren kleinen schwarzen Rollkoffer gleich bei den ersten Stücken. Mit dem Koffer in der Hand drehte sie sich um in Richtung Ausgang und ging mit den anderen Reisenden zu den beiden wartenden weiß-blauen Flughafenbussen, die man durch die großen Panoramascheiben schon von weitem sehen konnte.Flybuss stand auf Norwegisch an den Anzeigeschildern. Der Flughafen war wirklich überschaubar, überhaupt nicht zu vergleichen mit London-Heathrow.
Plötzlich entdeckte sie eine zierliche, brünette Frau, in einer leuchtend pinkfarbenen Windjacke, die ein Schild mit Kates Namen hochhielt und suchend in die Menge der Ankommenden blickte.
»Hallo«, grüßte Kate überrascht, als sie vor ihr stoppte. »Ich bin Kate Sullivan. Warten Sie wirklich auf mich?« Vielleicht war es eine Verwechslung, sie hatte keine Abholung vereinbart.
»Hallo«, antwortete die Fremde freundlich. »Hast du imBamse Bed& Breakfast gebucht?«
Kate nickte.
»Super! Ich bin Marie, die Inhaberin. Ich hatte sowieso am Flughafen zu tun, da dachte ich, ich hole dich gleich ab. Das ist viel besser, als mit dem Bus zu fahren.« Ihr Englisch war fließend, aber Kate hörte einen leichten französischen Akzent.
Kate war mit einem Meter siebzig nicht besonders groß, aber Marie war noch einen Kopf kleiner als sie. Sie hatte wilde brünette Locken und ein herzförmiges, sommersprossiges Gesicht, das fröhlich strahlte.
Kate mochte sie auf Anhieb.
»Das ist wirklich nett von dir, danke«, antwortete Kate und unterdrückte mühsam ein Gähnen. In der vergangenen Nacht hatte sie im Flughafenhotel kaum Schlaf bekommen. Sie hatte sich ihren Besuch auf Spitzbergen bedrückend und traurig ausgemalt, immerhin ging es um den Nachlass ihrer vor kurzem verstorbenen Großtante. Und kalt natürlich, dies war schließlich die Hocharktis.
Aber als die beiden Frauen aus dem Flughafengebäude hinaustraten, begrüßte sie ein leuchtend blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Kate dachte zum ersten Mal, dass es vielleicht schön sein könnte, etwas mehr über diese abgelegene, wilde Insel zu erfahren.
Die Luft war unglaublich klar, man konnte kilometerweit sehen.
Kate atmete tief ein. Sie hatte das Gefühl, dass sie noch nie so frische, reine Luft geatmet hatte.
Der Flughafen lag auf einer kleinen Landzunge direkt am Wasser. Über den breiten, blau glitzernden Fjord hinweg sah Kate auf der gegenüberliegenden Seite eine Kette von dramatisch gezackten, vereisten Bergen.
Sie hielt sich im Allgemeinen nicht für besonders empfänglich für Naturerlebnisse. Natürlich war sie schon an einem hübschen See gewesen und sie mochte die weiten Hügellandschaften Englands. Meist waren allerdings Orte voller Geschichte mehr nach ihrem Geschmack. Doch die unberührte, stille Schönheit der weiten arktischen Landschaft machte einen tiefen Eindruck auf sie. Sie fühlte sich ganz klein.
Kate deutete in Richtung Berge: »Das sieht toll aus.«
Marie stimmte sofort zu. »Das ist der Eisfjord. Ich genieße den Ausblick jedes Mal, wenn ich zum Flughafen komme. Vielleicht kannst du während deines Aufenthaltes eine Schiffstour machen, das ist im Sommer ein großartiges Erlebnis.«
Kate nickte unbestimmt. Sie hatte sich bei ihrem Aufenthalt zwar nur um das Geschäftliche kümmern wollen, aber warum eigentlich nicht? Vielleicht würde sie sich dann ihrer unbekannten Großtante etwas näher fühlen.
Marie deutete auf einen kleinen, leicht zerbeulten roten Wagen auf dem Parkplatz und die beiden Frauen stiegen ein.
»Wohnst du schon lange hier?«, fragte sie, während Marie losfuhr.
Marie schüttelte den Kopf. »Erst seit drei Jahren. Ich brauchte einen Neuanfang und als ich während einer Reise herkam, hörte ich, dass das Bed& Breakfast zum Verkauf steht. Ich habe all meine Ersparnisse zusammengekratzt und seither bin ich hier. Ich habe es keinen Tag bereut.«
Sie sah zu Kate und schenkte ihr ein breites, zufriedenes Lächeln. »Für mich ist Spitzbergen der zauberhafteste Ort auf der Welt. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich hier leben kann.«
Kate räusperte sich. Sie wusste nicht so recht, was sie darauf antworten sollte. Auch wenn die Insel durchaus ihren Reiz hatte, kam ihr das übertrieben vor. Aber vielleicht war es Maries Art, etwas überschwänglicher zu sein. Kate sah sich selbst eher als den zurückhaltenden, vorsichtigen Typ.
Marie schien um die dreißig, etwa in ihrem Alter, schätzte Kate. Ziemlich jung für jemanden, der einen Neuanfang brauchte.
Hast du nicht...