266.
Joe Tack wollte nicht glauben, was er hörte. Das kann nicht euer ernst sein, dachte er. Nein.
Er saß zwischen Red Bull und Mitch Briganti in einem improvisierten Sitzungszimmer im Hotel. Um sie herum am Tisch hatte sich eine Schar Geier versammelt. Auch Rifkin vom FBI war hier. Der Rest waren alles Juristen.
„Ihr… Ihr denkt ernsthaft, dass ich für ein solches Himmelfahrtskommando zur Verfügung stehe?“ fragte Joe ungläubig. „Das war kein makaberer Witz?“
„Nichts an dem hier ist ein Witz“, sagte die Frau. Sie war von der Staatsanwaltschaft, aber Joe hatte sich ihren Namen nicht gemerkt, weil er gehofft hatte, damit durchzukommen. „Wir werden Frank Hoffmann zur Rechenschaft ziehen. Und Sie…“
„Habt ihr irgendwie nicht mitbekommen, was der Kerl für Freunde hat?!“
„Nun, anscheinend nicht mehr wirklich viele“, sagte die Frau. „Niemand bezahlt seinen Rechtsbeistand. Und niemand versucht, die Prozessvorbereitung zu beeinflussen.“
„Ein Prozess, in dem ich euer Kronzeuge sein soll“, stellte Joe klar.
„Ja.“
„Und der Mordanschlag auf diesen Kronzeugen, kürzlich, das war irgendwie kein Beeinflussungsversuch?“
„Wir gehen davon aus, dass dieser Anschlag entweder von der Täterschaft in Eigenregie verübt oder von Frank Hoffmann direkt beauftragt wurde.“
„Der sitzt in Isolation, habt ihr mir gerade erzählt.“
„Naja, es wäre nicht das erste Mal, das sowas trotzdem klappt“, räumte die Frau ein. „Es gibt keine Hinweise auf eine andere Täterschaft.“
„Diese andere Täterschaft, die ihr nicht aussprechen wollt, ist die verdammte CIA“, giftete Joe. „Was denkt ihr, was die für Spuren hinterlassen würde?! Visitenkarten?!“
„Nein, aber Tote“, mischte sich der Kerl ein, der sich Joe gegenüber als sein Anwalt ausgegeben hatte. Duncan Preston. Bulliger Typ, grimmiges Gesicht, Uniform eines Majors. „Ich wage zu bezweifeln, dass die sich mit einem Kugelschreiber hätten in die Flucht schlagen lassen.“
Da ist was dran, dachte Joe widerwillig. Ein Wrack wie er hätte ein Anschlag eines Geheimdienstes kaum überlebt.
„Folgendes wird geschehen“, kam die Frau auf das Thema zurück. „Wir werden Frank Hoffmann anklagen und für seine Verbrechen zur Rechenschaft ziehen. Und zu diesem Zweck werden wir die Vorkommnisse in Fallujah ausgraben. Das Marine Corps hat seine Kooperation zugesichert und stellt uns die Einsatzprotokolle und einen Experten zur Verfügung. Außerdem haben wir Major Charles Huggins zur Anhörung vorgeladen. Wenn es stimmt, dass Sie verkauft wurden, dann kann er Starbright bezeugen.“
„Ihr naiver Wunsch in Gottes Ohr“, murmelte Preston.
„Was er allerdings nicht wird tun wollen“, gab die Frau zu.
„Warum zum Teufel sollte er auch?!“, regte sich Joe auf. „Wie in aller Welt wollt ihr den dazu bringen, zuzugeben, dass er eine Sondereinheit in den Tod gejagt hat, weil er einer Kollegin ans Leder wollte?! Jede einzelne Facette davon ist eine Straftat!“
„Können Sie die Theorie mit der Kollegin belegen?“, fragte die Frau.
„Schlagen Sie‘s nach“, konterte Joe trocken. „Ist aktenkundig. Sgt. L. Hopkins versus Maj. C. Huggins.“
„Er wurde freigesprochen.“
„Oh. Dann muss er wohl unschuldig sein“, giftete Joe.
„Mister Tack, Hopkins hat ihre damaligen Vorwürfe gegen Major Huggins letzte Woche zurückgezogen“, sagte die Frau. „Sie sagt, dass da nichts war. Sie sei nur sauer gewesen wegen dem, was der Mann Ihrer Einheit angetan hat.“
Joe starrte sie fassungslos an.
„Warum zum Teufel sollte sie sowas plötzlich sagen?!“, begehrte er auf.
„Vielleicht, weil es stimmt?“, schlug sie vor.
Auf keinen Fall, dachte Joe. Auf keinen Fall. Was in aller Welt ist in dich gefahren, Hopkins, dachte er. Von allen Momenten auf der Zeitachse ist das hier der blödste. um zu Kneifen. Das darf doch nicht wahr sein!
„Er hat sie belästigt“, stellte er klar. „Sie hatte Angst vor ihm, ich habe ihm gedroht. Und da ein Psychopath wie der kein Nein gelten lässt, kam ihm das Kaufangebot gerade recht. Den Preis fand er offenbar auch ok. Gehen Sie nicht davon aus, dass der Satansbraten plötzlich das Gute in seinem Herzen entdecken wird.“
„Mister Huggins wird morgen mit seinem Anwalt eintreffen“, sagte die Frau. „Wir werden mit ihm verhandeln. Vorgeladen ist er in jedem Fall. Schlimmstenfalls verweigert er seine Kooperation, dann wird seine Aussage nicht über die Protokolle des Marine Corps hinaus gehen und umsonst sein. Das ist alles, was dabei schief laufen kann.“
Ihr habt keine Ahnung, dachte Joe entsetzt.
„Unser stärkstes Beweisstück sind allerdings die Toha-Tsu-Daten“, fuhr die Frau fort. „Wir werden präsentieren, was wir aufgearbeitet haben.“
„Und mein Mandant wird dazu unter Eid aussagen, unter
Zusage von Straffreiheit“, sagte Preston.
„Wird er das?!“, wunderte sich Joe.
„Haben Sie Frank Hoffmann auf Toha-Tsu gesehen?“, fragte Preston.
„Gesehen, gehört, gespürt, gerochen und verdammt nochmal geschmeckt. Ja.“
„War er an der Folter beteiligt?“
„Natürlich. Als Komponist, Dirigent und geiferndes Publikum in Personalunion.“
„Bitte sehr“, wandte Preston sich an die Frau. „Mein Mandant wird zu Frank Hoffmanns Beteiligung an jedem Ihrer Videoausschnitte aussagen.“
Joe starrte den Kerl fassungslos an.
„Und warum sollte der Mandant das tun?“, fragte er. „Hat er einen Schlaganfall?“
„Weil er kein Trottel ist“, gab Preston zurück. „Auf jeden Fall bis dato nicht war. Volle Kooperation, Corporal Tack. Das ist unser…“
„Wow, nennen Sie mich nie wieder so.“
„Bitte?“
„CPL Tack wurde unter dem Deckmantel von Phantom Fury von Charles Huggins in Fallujah zu Schrott geschossen. Tragisch, aber wahr.“
„Nein“, sagte Preston unbeeindruckt. „Wurde er offensichtlich nicht, denn er sitzt vor mir. Sie sind, und waren immer, Angehöriger des USMC.“
„Sind Sie verrückt, Preston?! Ein Totenschein dürfte ja wohl aus Austritt reichen, oder?!“
„Nein. Im Gefecht gefallene Soldaten sind Soldaten. Bestattet auf Armee-Friedhöfen, in Uniform, auf Armee-Kosten.“
Joe zögerte. Da ist was dran, dachte er. Verdammt.
„KIA ist kein Austritt“, stellte Preston klar. „Sie unterstehen den Rechten und Pflichten eines Marine, CPL Tack. Und Sie werden kooperieren. Sichern Sie uns Straffreiheit zu“, wandte er sich an die Frau. „Und Sie kriegen, was Sie brauchen. Wenn nicht, dann… dann bleibt er etwa so kooperativ, wie er gerade ist, aber mit meiner Unterstützung.“
„Sie kennen unser Angebot, Preston“, konterte die Frau. „Immunität steht erst zur Debatte, wenn die Klage gegen Frank Hoffmann steht. Kein Prozess, kein Kronzeuge. Kein Kronzeuge, kein Deal.“
„Wir werden da sein“, nickte Preston. „Corporal Tack wird uneingeschränkt kooperieren und beisteuern, was er beisteuern kann.“
„Corporal Tack wird niemandem in den Arsch kriechen und dabei Kopf und Kragen riskieren!“, protestierte Joe.
„Doch“, konterte Preston. „Wer am Arsch ist, muss meistens irgendwann auch rein. Das wird er erkennen, und er wird die Ohren anlegen, die Luft anhalten und tun, was nötig ist!“
„Bestens“, nickte die Frau, bevor Joe reagieren konnte und packte ihre Unterlagen zusammen. „Mister Tack, Ihr Anwalt wird Sie auf Ihre Anhörung vorbereiten. Ich empfehle Ihnen dringend, auf ihn zu hören. Wir arbeiten hier nicht gegen Sie, solange wir nicht müssen. Wir sehen Sie als Opfer. Also…“
„Oh, wie nett!“, giftete Joe.
„Das ist ein juristischer Begriff, keine Beleidigung“, ließ die Frau sich nicht beirren. „Helfen Sie uns. Sie helfen sich damit selber. Haben Sie noch Fragen?“
„Das… Das ist jetzt nicht ernst gemeint, oder?“
Die Frau sah ihn irritiert an.
„Das mit den Fragen“, präzisierte Joe. „Ob ich noch welche habe. Ernsthaft?“
„Ja.“
„Ich weiß noch nicht einmal, wie lange ich im Koma lag, verdammt!“, rief Joe. „Und kaum kriege ich ein Auge wenigstens halbwegs auf, ziehen Sie hier diese kafkaeske Scharade ab und fragen mich dann, ob ich Fragen habe?!“
„Kafkaesk?“, schmunzelte die Frau.
„Was ist?!“, fuhr Joe sie an. „Nur, weil ich Ihnen aus zweihundert Metern das Ohrläppchen piercen kann, kann ich nicht lesen, oder was?!“
„Nein“, sagte sie unbeeindruckt. „Präzisionsschüsse sind unheimlich komplexe Berechnungen, habe ich mir erklären lassen. Sie sind ganz bestimmt...