Die Masse der Menschen führt ein Leben in stummer Verzweiflung.
– Henry David Thoreau
„Wendy, warum soll ich meine Zeit damit verbringen (verschwenden), mich über Narzissmus zu informieren? Verbringe ich nicht schon genug Zeit damit, wenn ich einfach nur versuche, mit ihm klarzukommen? Wie soll mir das helfen? Was ist mit meinem Schmerz? Soll ich ihn etwa bemitleiden wegen seines gestörten Lebens?“ Viele Leserinnen und Leser stellen mir diese wichtigen Fragen. Lassen Sie mich die letzte Frage zuerst beantworten: Nein, sich über Narzissmus zu informieren soll keineswegs dazu führen, dass Sie Mitleid mit dem Betroffenen haben oder ihm Absolution erteilen; aber dieses Wissen kann Ihnen ironischerweise helfen, sich selbst zu befreien undihn zur Verantwortung zu ziehen. Zu viele von einem Narzissten verletzte Menschen werden von Gefühlen wie Selbstzweifeln, falschem Schuldbewusstsein und Hoffnungslosigkeit geplagt. Der Narzisst versteht es meisterhaft, Ihre emotionale Intelligenz in die Irre zu führen, sodass Sie voller Angst und Wut auf der Strecke bleiben – und im Laufe der Zeit können diese beiden Gemütszustände kräftezehrend sein. Je besser Sie die Persönlichkeitsstruktur des Narzissten verstehen, desto besser ist Ihre Chance, sich von Selbstzweifeln, Selbstvorwürfen und dem Gefühl der Machtlosigkeit zu befreien – und desto besser sind Ihre Aussichten, sich selbst zu schützen, Ihre Stimme wiederzugewinnen und Ihr erschöpftes und kostbares Selbst in die Arme zu schließen.
Der Narzisst zieht zugleich an und stößt ab. Er mag wie ein moderner Ritter daherkommen, ein Sir Lancelot unserer Tage, der uns mit seinem großspurigen Charme umgarnt, angetan mit der glänzenden Rüstung unserer Zeit: einem ansehnlichen Investment-Portfolio oder prachtvollen Besitztümern. Aber Vorsicht! Dieser Ritter ist ein meisterhafter Gaukler, der sogar zu einer echten Bedrohung werden kann. Sie laufen Gefahr, zum Opfer seiner Verführungskunst zu werden, doch seine Arroganz, seine herablassende Art, seine Anspruchshaltung und sein Mangel an Empathie sind beklemmend und werden unausweichlich zu frustrierenden und notorisch schwierigen langfristigen Beziehungen führen.
Der narzisstischen Diva begegnet man vielleicht im gediegenen Ambiente einer Konzernzentrale, gekleidet nach der neuesten Mode; möglicherweise auf dem montäglichen Elternabend im Gymnasium, wo sie das große Wort führt; oder beim Delegieren lästiger Pflichten auf der Sitzung eines gemeinnützigen Vereins. Vielleicht ist sie auch der Dame auf dem neuesten Titel einer Hausfrauenzeitschrift verblüffend ähnlich, die, mit einem voluminösen Push-up-BH ausstaffiert, den wundertätigen „Wisch-und-Weg“-Bodenmopp anpreist. Ja, für diese Lady gibt es keine Probleme, immer nur Lösungen, und damit hält sie auch nicht hinterm Berg: „Ich will ja nicht prahlen, aber …“ oder „Ich will mich ja nicht beklagen, aber …“ oder „Mir fällt keine andere Frau ein, die sich so etwas gefallen lassen würde …“.
Sie ist die exaltierteste Leidende, das unschuldigste Opfer. Ihre Selbstaufopferung ist unvergleichlich: „So viel wie ich hat noch niemand für die Menschen in seinem Leben aufgegeben …“ Dieses demonstrativ aufopferungsvolle Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse wird noch verstärkt, wenn andere Menschen ihre Selbstlosigkeit und ihr Verlangen nach Zustimmung mit einem ehrfürchtigen „Wie schaffst du das bloß!“ belohnen. In der Tat, diese entzückende, aber völlig unverfrorene, sich als Märtyrerin aufspielende Matrone giert nach Appla