1. Erwartungsangst: Wenn man schon vor dem Schnitt blutet
Angst gestaltet sich vielfältig. Sie zeigt sich in Form einer Phobie, Sozialangst oder Panik, als Zwanghaftigkeit oder als quälende Intrusion. Sie tritt als körperliches Symptom auf oder als endlose, hartnäckige und nie zur Ruhe kommen lassende Sorgenparade. Und fast immer ist Erwartung mit im Spiel. In der Regel wird sie von unguten Zukunftsahnungen und Zweifeln an der eigenen Leistung, Sicherheit oder Gesundheit begleitet und hat Einfluss auf Lebensentscheidungen. Und natürlich schränkt sie die Freiheit ein, so zu leben, wie man will.
Falls Sie unter einer dieser Ängste leiden, dann kennen Sie also auch Erwartungsangst. Mit einfachen Worten: Erwartete Angst ist erwartetes Leid, das schon vor seinem Eintreffen in die Vermeidung treibt.
1.1 Was ist Erwartungsangst?
Antizipatorische Angst, also vorwegnehmende, verfrühte Angst beziehungsweise Erwartungsangst – gewissermaßen „Vorangst“ – ist Besorgnis um die Zukunft, die Befürchtung einer Katastrophe oder Niederlage. Sie stehen vor einer schwierigen Entscheidung, Situation oder Handlung und es graut Ihnen davor. Es ist das mulmige Gefühl, das Sie beschleicht, wenn Sie Ihrer einfallsreichen Vorahnung auf den Leim gehen und sich von ihr all das Böse aufschwatzen lassen, das Ihnen zustoßen könnte. Sie scheint überall Gefahren zu wittern und klingt wie eine Warnung, stehenzubleiben oder zumindest nur ganz vorsichtig weiterzugehen.
Stellen Sie sich Angst zwiebelartig aus drei Schichten bestehend vor:
- Zuerst fürchtet man sich vor etwas, zum Beispiel: Ich fürchte mich vor Wespen.
- Dann hat man davor Angst, dass man sich fürchtet. Diese „Angst vor der Angst“ kennen wir auch als Panik. Beispiel: Beim Anblick einer Wespe habe ich panische Angst, dass ich die Beherrschung verlieren oder einen Herzinfarkt bekommen könnte.
- Und schließlich gelangen wir zur Angst vor der Angst vor der Angst. Das ist weniger kompliziert, als es klingt. Greifen wir noch einmal das Beispiel mit der Wespe auf: Nächste Woche will ich zelten gehen, aber schon beim Gedanken daran geht es mir schlecht, weil ich eine Wespe sehen, in Panik geraten, die Beherrschung verlieren und durchdrehen könnte. Am besten lasse ich den Ausflug bleiben und sage ab.
Diese dritte Schicht ist die Erwartungsangst. Sie ist ein starker Motor der Vermeidung, weil sie die Aufmerksamkeit auf die negativen Dinge richtet, die eintreten könnten. Fallen diese Vorhersagen nur leicht negativ aus – etwa, dass Sie bei Ihrer Projektpräsentation in Schweiß ausbrechen –, dann glauben Sie, dass Sie es vielleicht trotzdem schaffen und ziehen es durch. Katastrophenvorhersagen jedoch – etwa die, dass Sie eine Panikattacke bekommen, sich total blamieren und es sich bei allen in der Firma für immer gründlich verscherzen – lösen eine Angst aus, die so lähmend ist, dass Sie Ihr Vorhaben nicht ausführen. Erwartungsangst sieht nur einen einzigen Ausweg: die Vermeidung.
Fakt ist: Erwartungsangst ist die dritte Schicht der Angst und der hauptsächliche Motor der Vermeidung.
Befürchtete Niederlagen, Verluste oder Katastrophen erzeugen jedoch nicht nur die Erwartung von Angst und Panik, sondern auch die andere