Rosskur
Annika sah Matt und den Vollblüter aus der Halle kommen – ein wenig früher als erwartet. Er blieb stehen und warf einen kritischen Blick auf sein nächstes Pferd. Passte etwas nicht? Sie hatte sich sehr bemüht, seine Vorgabe genau zu beachten – Maestoso Peregrina sollte sie nur vorwärts-abwärts lösen. Ihn nachher »in Haltung« zu bringen, wäre eine Sache von wenigen Minuten, hatte er gesagt. Und der Lipizzaner ging schnaubend, in ruhigem Tempo und locker federnd. Trotzdem änderte sich Matts Gesichtsausdruck kein bisschen. Was um alles in der Welt passte ihm nicht? Sie parierte das Pferd direkt vor ihm zum Halt, sprang aus dem Sattel, klopfte den Schimmel liebevoll am Hals. Matt war ebenfalls abgesessen und sie nahm ihm die Zügel seines Vollblüters ab, als er unvermutet mit einem gemurmelten »Bin gleich wieder da« verschwand.
Als er zurückkam, begrüßte und streichelte er sein nächstes Pferd, prüfte dann Sattellage und Gurt. »Zwölftes Loch«, sagte er und wandte sich dem Steigbügelriemen zu.
»Passt, kannst gleich aufsitzen.« Er stockte in der Bewegung, stellte fest, dass die Bügellänge tatsächlich passte, und saß geschmeidig auf. Sie drehte ihm den rechten Bügel passend unter den Fuß und reichte ihm mit fragendem Blick ihre Gerte an.
»Danke, die hätte ich jetzt fast vergessen«, murmelte er, warf ihr einen Blick zu, aus dem sie nichts herauslesen konnte, und ritt dann los. Annika schob die Bügel am Sattel seines Vollblüters hoch, lockerte den Gurt und führte das Pferd Richtung Stall, während sie ihren Zettel aus der Hosentasche zog und sich noch einmal vergewisserte, dass Astino das nächste Pferd war, das er brauchen würde. Sarah hatte ihr vorhin im Vorbeigehen mit erst verständnisloser, dann überheblicher Miene bestätigt, dass das Pferd in der Box mit dem Namensschild »Astino« auch tatsächlich Astino war.
»Mist!«, rief Mechthild, die ihr vom Stall entgegenrannte. »Perry hat einen fetten Wespenstich in der Gurtlage. Der lässt sich da nicht mal hingucken, geschweige denn hinfassen.«
Der trug also heute sicher keinen Sattel mehr, dachte Annika, während sie den Vollblüter absattelte, abzäumte und in seinen Stall brachte. Mit dem Sattelzeug für Matts nächstes Pferd im Arm führte sie der Weg an dem Offenstall vorbei, in dem ihre eigenen Pferde seit zwei Tagen standen. Schimmi döste neben einem der stalleigenen Schulpferde entspannt in der Mittagssonne, während Blacky genervt am Auslaufzaun hin und her tigerte und förmlich jedes Besucherauto zu analysieren schien.
Sie rief nach Mechthild, die Sekunden später neben ihr stand. »Was hast du gerade zu tun?«
»Nichts Wichtiges.«
»Könntest du dann meinen Schimmel durchputzen, einflechten und das Sattelzeug aufrüsten?« Mechthild schluckte. »Er ist wirklich brav, aber nimm ihn raus auf die Stallgasse. Blacky ist manchmal ein bisschen fies, wenn er sich aufregt.« Mechthild nickte zögernd. »Meinen Schrank weißt du? Der schwarze Sattel ist seiner und die Trense mit dem Lederstirnband.«
Mechthild nickte erneut und machte sich sofort an die Arbeit. Sobald das Schaubild vorbei war, saß Annika vor dem Hallentor von Astino ab. Matt sprang von seinem Lipizzaner, drückte ihr schnell die Zügel in die Hand, murmelte: »Ich muss erstmal für kleine Jungs«, und war schon verschwunden.
Hui, der war verdammt nervös, dachte Annika und drehte sich dem Schimmel zu, um ihn zu versorgen.
»Ach, hier bist du!« Sarah kam mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck auf sie zu. »Weißt du, wo Mechthild steckt?«
»Die bereitet gerade die Pas-de-deux-Pferde vor.«
»Hast du ihr das angeschafft? Seit wann hast du was mit der Orga zu tun?«, kam reichlich pikiert. »Außerdem muss die jetzt Perry für dich satteln. Na, dann muss das eben Basti machen.« Damit wollte Sarah sich wieder umdrehen.
»Sarah, ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast«, setzte Annika in aller Ruhe an. »Aber der Chef hat den Schaubilderplan ziemlich durcheinandergewirbelt und Perry fällt aus. Basti ist hoffentlich in der Halle, weil er da gebraucht wird. Mein Pferd kann ich selbst satteln, so versnobt bin ich nicht, dass ich einen Kammerdiener brauche.«
»Kammerdiener ist gut!«, schnaubte Sarah amüsiert. »Derweil gibst du ja hier grad Matts Kammerdiener!« Dann sah sie sich um und schob mit genervtem Augenrollen nach: »Mann, ist der schon wieder auf ’m Klo?«
Einen Augenblick musterte Annika die Kollegin. Nicht dass sie noch nie über Kollegen oder Chefs gelästert hätte – aber in dem Ton? Zu so einem Thema? Und gleich am zweiten Arbeitstag? Warum genau sie die Bemerkung nicht einfach überging, wie es sonst ihre Art war, wusste sie nicht. »Das geht uns wohl nichts an, ich habe jedenfalls nicht gefragt.«
Sarah verdrehte erneut die Augen. »Bist du empfindlich! Stell dich nicht so an, hier geht’s burschikoser zu als im Verlag.«
Diesmal ignorierte sie Sarahs Ansage. »Der aktuelle, gültige Plan einschließlich Kathrins neu verteilter Aufgaben hängt übrigens an der Stalltür, vielleicht solltest du dich lieber an den halten, damit wir nicht gegeneinander arbeiten?«
»Willst du mir jetzt vielleicht schon Vorschriften machen? Fängst ja früh an!« Angepisst sah Sarah ihr ins Gesicht und reckte ihr Kinn angriffslustig vor.
Das Streitgespräch wurde unterbrochen, als Matt mit genervtem Gesichtsausdruck auf die beiden Frauen zutrat, Astino kurz abklopfte, den Gurt prüfte und mit einem leisen »Bügel?« auf Annikas Nicken wartete. Annika beförderte eine Flasche Apfelschorle aus ihrem »Servicegürtel« und hielt sie Matt fragend hin, während sie mit einem Lappen in der anderen Hand Astinos schaumbedeckte Maulspalte abwischte.
»Oh, danke – mir klebt die Zunge grad so am Gaumen.« Er stürzte fast den halben Inhalt runter.
»Perry fällt aus«, klärte sie ihn dann auf.
»Fuck! Und jetzt?« Er fuhr sich genervt durch die Haare, bevor er die Kappe wieder aufsetzte. »Verdammt blöde Idee!«, ranzte er dann richtig sauer in ihre Richtung.
»Ich könnte meinen Schimmel nehmen«, schlug Annika ungerührt vor. »Dann müssen wir bloß umdisponieren. Der springt keinen Wechsel durch – geht nicht als Werbung für klassische Dressurausbildung. Dafür piaffiert er sicher.«
Matt schnaubte und warf ihr einen Blick zu, der ihr durch Mark und Bein ging. Verachtung traf es wohl am ehesten. »Hm, klar«, murmelte er. »Grundschule kann er noch nicht, aber an der Uni hat er schon das zweite Examen.«
Getroffener als sie sich selbst eingestehen wollte, schob sie Matt den rechten Bügel unter den Fuß und bemerkte, dass er keine Sporen angelegt hatte. Einen Moment war sie versucht, ihn mit dem Problem allein zu lassen, entschied sich dann aber, das Ganze erwachsen anzugehen. Sie zog sich ihre Stecksporen von den Absätzen, bog sie ein wenig auf, weil sie für Männerschuhe zu schmal waren, und steckte sie ihm an die Stiefel. Verblüfft musterte er sie dabei.
Maestoso Peregrina war rasch aufgeräumt, das Sattelzeug für Corleone ebenso schnell geholt. Annika öffnete gerade die Boxentür, als Sarah vorbeischlenderte. »Übrigens, Corleone ist der in der Box daneben«, ließ sie beiläufig fallen.
Annika sah sie verwundert an, war doch der Fuchs, zu dem sie gerade wollte, adrett hergerichtet. Sein Boxennachbar war zwar auch Fuchs, aber weder eingeflochten noch geputzt. »Ja, manchmal stellen wir halt auch Pferde um und so schnell ist das Boxenschild nicht mitgewandert.«
Sarah machte keinerlei Anstalten, Annika zu helfen. Also packte sie sich eine Bürste und ein Zopfgummi, säuberte das Pferd, das glücklicherweise nicht vor Dreck strotzte, und flocht einen Mozartzopf in die Mähne. Matt würde sich garantiert über die »Mädchenfrisur« freuen, dachte sie augenrollend.
Entgegen ihrer sonstigen sorgfältigen Art trabte Annika relativ rasch an und verzog das Gesicht. Ja, Corleone stand als Programmpunkt »junges Pferd« in der Liste, aber ein so offenbar unerfahrenes Pferd hätte sie selbst niemals bei einem öffentlichen Auftritt gezeigt. Der fühlte sich an, als hätte er noch keine Handvoll Male einen Sattel auf dem Rücken gehabt.
Matt schnappte entsetzt nach Luft, als er von Astino abgesessen war und sich seinem nächsten Pferd zuwandte. »Bist du verrückt? Du solltest mir Corleone bringen«, fauchte er. Annika blieb die Spucke weg, als sie realisierte, dass Sarah sie an der Nase herumgeführt hatte. Betreten blickte sie zu Boden, während Matt nach kurzem Überlegen vorsichtig in den Sattel stieg und etwas murmelte, was sich verdächtig nach »aufpassen wie auf ein Kleinkind« anhörte.
Während...