Chomolungma
Und der vierte Engel goss aus seine Schale über die Sonne, und es wurde ihr Macht gegeben, die Menschen zu versengen mit Feuer. Und die Menschen wurden versengt von der großen Hitze … und bekehrten sich nicht … (Offenbarung, 16, 8/9)
EINE LETZTE WARNUNG
Während ihr dieses Flugblatt lest, rückt das Ende unaufhaltsam näher und mit ihm die gerechte Strafe für die Menschheit und vor allem für die Bewohner des Westens, die über Jahrtausende hinweg Raubbau an der Natur betrieben und andere Völker rücksichtslos ausgebeutet haben. Jedoch droht mit den Menschen, die wie ein Parasit die Erde aussaugen, auch unser Planet selbst unterzugehen und in diesem letzten Strafgericht vernichtet zu werden. Nur wenn wir bedingungslos umkehren und den von uns allein verursachten Wandel des Klimas beenden, können wir dieses Schicksal, unsere eigene Vernichtung und die Zerstörung der Erde, noch abwenden. Diese Revolution darf keine Rücksicht nehmen auf uns, unsere Bedürfnisse, unsere Gefühle und auf unser Leben. Wenn sie gelingt, werden einige Wenige im Einklang mit der Natur ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit errichten und damit für die Todsünden der Menschheit Buße tun. Dafür aber müssen wir bereit sein, jedes Opfer zu bringen, auch das Opfer unseres eigenen Lebens. Wir, die Unbedingten, werden auf diesem Weg vorangehen und in naher Zukunft Zeichen setzen, die die Menschen aus ihrer Gleichgültigkeit reißen und ihr Gewissen wachrütteln werden, damit auch der Letzte den Ernst der Lage und unsere Entschlossenheit begreift.
Ihr werdet von uns hören!
DIE UNBEDINGTEN
Rebecca legte das Flugblatt beiseite, während ihr Freund Christian sich rasierte und seine kurzen braunen Haare kämmte, bevor beide wenig später in der Küche ihr Frühstück zubereiteten.
»Ich habe vorhin ein Flugblatt gelesen, das ich auf deinem Schreibtisch gefunden hatte«, sagte Rebecca.
»Diese Flugblätter stammen von einer Gruppe, die sich ›Die Unbedingten‹ nennt. Sie werden derzeit überall an der Uni verteilt«, antwortete Christian.
»Ich habe von dieser Gruppe gelesen. Weißt du Genaueres über sie?«
»Ja, ein wenig. Es ist eine radikale Organisation, die mit allen Mitteln eine völlig andere Lebensweise erzwingen will. In sozialen Netzwerken und an der Uni gibt es sogar Gerüchte über geplante Gruppenselbstmorde, mit denen die ›Unbedingten‹ Aufmerksamkeit erregen wollen. Außerdem kursieren Berichte über finanzielle Unterstützung durch reiche Einzelpersonen, Fonds und Stiftungen. Eine Studentin in meinem Seminar hat neulich von dieser Gruppe erzählt, zu der sie vielleicht sogar gehört.«
»Die Ziele dieser Organisation passen zum Thema deines Seminars …«
»Ja. Zwischen chiliastischen Bewegungen des Mittelalters und heutigen radikalen Umweltschutzgruppen gibt es in der Tat erstaunliche Ähnlichkeiten.«
»Wie die Anhänger der chiliastischen Theorien meinen sie, unter Berufung auf die Wissenschaft die Zukunft vorhersehen zu können, und glauben an das bevorstehende Ende der Welt«, sagte Rebecca.
»Genau. Wie du weißt, bezieht sich der Begriff ›chiliastisch‹ auf die Offenbarung des Johannes, wo eine Herrschaft des Antichrist vorausgesagt wird, gefolgt von einem Tausendjährigen Reich der Gerechten und schließlich dem Jüngsten Gericht. Diese Bewegungen und Theorien haben in der Neuzeit viele Nachahmer gefunden, zu denen heute auch Organisationen wie ›Die Unbedingten‹ gehören«, erwiderte Christian und fuhr fort: »Übermorgen Nachmittag kommen übrigens zwei Studentinnen zu uns, die mit mir über ihre Hausarbeiten sprechen wollen. Darunter ist auch die junge Frau, die die ›Unbedingten‹ erwähnt hat … Ich weiß es natürlich nicht genau, aber ich hatte den Eindruck, dass sie vielleicht ein Mitglied dieser Gruppe sein könnte.«
»Übermorgen habe ich keinen Unterricht an der Musikhochschule und bin wahrscheinlich den ganzen Tag zu Hause. Ich werde natürlich mit der Vorbereitung meines nächsten Konzerts beschäftigt sein, aber ich glaube, dass ich trotzdem genug Zeit habe, um einen Kuchen für euch zu backen.«
»Danke«, entgegnete Christian und umarmte Rebecca.
»Kein Problem«, sagte sie. »Du weißt ja, dass ich gerne koche und backe.«
»Ja, und zwar ganz hervorragend. Du hättest Chefköchin in einem Gourmet-Restaurant werden können.«
Rebecca lachte und antwortete: »Kochen ist eben eines meiner Hobbys. Es hat eine beruhigende und entspannende Wirkung auf mich … Übermorgen werde ich mir für euch etwas Besonderes ausdenken.«
»Da bin ich gespannt …«, antwortete Christian mit einem Lächeln.
Kurz darauf fuhr Rebecca fort: »Worum geht es eigentlich genau in diesen Hausarbeiten? Du hast mir schon einiges von deinem Seminar erzählt … Es scheint da ja so einige Parallelen zu den ›Unbedingten‹ und zu manch anderem zu geben, was uns heute begegnet.«
»Stimmt … Das Thema der einen Hausarbeit ist Joachim von Fiore und seine Schriften. Joachim von Fiore war ein Abt und Theologe, der im 12. Jahrhundert lebte und eine Geschichtstheorie entwickelt hat, in der von drei Reichen die Rede ist: dem Reich des Vaters, also des Alten Testaments, dem Reich des Sohnes, das mit Christus und dem Neuen Testament begann, und einem zukünftigen Reich des Heiligen Geistes, einer Herrschaft der Gerechten und vom Heiligen Geist Inspirierten, die Züge des himmlischen Jerusalem und des Paradieses tragen sollte. Diesem dritten Reich sollte allerdings eine Herrschaft des Antichrist vorangehen, die durch eine geistliche Führerfigur, wie etwa einen künftigen Papst, den heiligen Franziskus oder auch Kaiser Friedrich II., beendet werden sollte … In der zweiten Hausarbeit geht es dann um das Fortwirken von Joachims Ideen in der Philosophie und Literatur der Neuzeit, etwa bei Autoren wie Marx, Engels, Ernst Bloch oder Arthur Moeller van den Bruck, einem Schriftsteller der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, der den Begriff ›Drittes Reich‹ auf die Politik übertragen hat, bevor ihn dann später die Nazis übernommen haben.«
»Das klingt sehr interessant. Diese Zusammenhänge kannte ich noch gar nicht … Ich lerne eben immer wieder Neues von dir …«
»Wie umgekehrt ja auch ich von dir«, entgegnete Christian und umarmte Rebecca. Dann fuhr er fort:
»Diese Theorien waren immer mit verschiedenen Formen der Endzeiterwartung verbunden, so wie heute eben bei radikalen Umweltbewegungen, die ebenfalls das Ende der Welt kommen sehen. Auch sie halten ihre Befürchtungen für wissenschaftlich erwiesen, genauso wie Marxisten glauben, auf wissenschaftlicher Basis die Zukunft von Gesellschaften voraussagen zu können, und ähnlich wie die Anhänger chiliastischer Theorien des Mittelalters, die ihre Ideen für religiös begründet hielten.«
»Es gibt also ziemlich deutliche Zusammenhänge zwischen der Vergangenheit und Gruppen wie den ›Unbedingten‹ … Vielleicht können wir herausfinden, ob die Studentin in deinem Seminar wirklich etwas mit dieser Gruppe zu tun hat«, sagte Rebecca.
»Ich hoffe es natürlich nicht, aber möglich ist es. Wir werden ja sehen …«, antwortete Christian.
»Wenn niemand etwas dagegen hat, würde ich gerne zumindest bei einem Teil eurer Unterhaltung dabei sein.«
»Natürlich solltest du dabei sein. Schließlich wirst du auch den Kuchen backen.«
»Stimmt«, antwortete Rebecca mit einem Lachen.
Zwei Tage später klingelten zwei etwa 23-jährige Studentinnen an Rebeccas und Christians Wohnungstür. Sie waren etwas größer als Rebecca und hatten dunkelbraune, schulterlange Haare und braune Augen. Beide trugen schwarze Jeans und schwarze Pullover, die sich großenteils unter schwarzen Lederjacken verbargen.
Als Rebecca die Tür öffnete, sagte eine der beiden jungen Frauen: »Mein Name ist Sabrina«, während sie ihre Locken aus dem Gesicht strich.
»Und ich bin Steffi«, sagte die zweite, die ihre glatten Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.
»Kommt herein!«, erwiderte Rebecca. »Christian hat mir schon von euch erzählt … Ich habe übrigens einen Kuchen gebacken, den wir nach eurer Besprechung gemeinsam essen können.«
»Vielen Dank … Damit hätten wir wirklich nicht gerechnet«, sagte Sabrina.
»Nicht der Rede wert«, entgegnete Rebecca. »Kochen und Backen sind mein Hobby.« Danach sagte sie, zu Christian gewandt:
»Ich lasse euch in Ruhe die Hausarbeiten besprechen. Danach essen wir den Kuchen und unterhalten uns ein bisschen.«
»Genau«, antwortete Christian, und Rebecca sagte: »Dann bis gleich«, während Christian mit den beiden Studentinnen in sein Arbeitszimmer ging.
Etwa eine Stunde...