Lerne von diesem Mann, was du willst, doch im Herzen bist du mein Bruder und der Sohn unseres Vaters. Vergiss das nicht.«
Temuge spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, und er neigte den Kopf, damit sein Bruder sie nicht bemerkte und sich für ihn schämen musste.
»Ich werde daran denken«, antwortete er.
»Dann sag deinem neuen Herrn, er solle zu mir kommen und sich seine Belohnung abholen. Ich werde ihn vor meinen Generälen umarmen und ihnen auf diese Weise zeigen, wie sehr ich ihn schätze. Mein Schatten wird im Lager dafür sorgen, dass man ihn höflich behandelt.«
Temuge verneigte sich tief, ehe er sich abwandte, und Dschingis blieb mit seinen düsteren Gedanken allein. Er hatte gehofft, Temuge würde endlich härter werden und mit seinen Brüdern reiten. Bisher hatte er noch keinen Schamanen kennen gelernt, den er leiden konnte, und Kökötschü war ebenso überheblich wie alle anderen seiner Art. Dschingis seufzte. Vielleicht war ein solches Verhalten gerechtfertigt. Mit dieser Heilung hatte der Schamane etwas Außergewöhnliches vollbracht, und Dschingis erinnerte sich daran, wie dieser Mann sich das Messer durch sein eigenes Fleisch gebohrt hatte, ohne dass auch nur ein Tropfen Blut geflossen war. Von den Chin hieß es, sie konnten Magie wirken, erinnerte er sich. Es wäre von Vorteil, Männer zu haben, die ihnen das Wasser reichten. Abermals seufzte er. Nie hatte er geplant, seinen eigenen Bruder zu diesen Männern zählen zu müssen.
Khasar spazierte durch das Lager und genoss die Geschäftigkeit und den Lärm. Überall, wo ein Fleck Boden frei war, wurden neue Gers errichtet, und Dschingis hatte den Bau tiefer Latrinengruben an jeder Wegkreuzung angeordnet.
Wenn so viele Männer, Frauen und Kinder an einem Ort zusammenlebten, gab es jeden Tag neue Schwierigkeiten, die gelöst werden mussten, und für solche Kleinigkeiten konnte sich Khasar nicht begeistern. Katschiun hingegen schien derartige Herausforderungen zu genießen, und er hatte eine Gruppe von fünfzig kräftigen Kerlen zusammengestellt, die Gruben aushoben und beim Aufstellen der Gers halfen. Khasar konnte zwei von ihnen sehen, als sie gerade eine Hütte bauten, in der die neuen Birkenpfeile vor Regen geschützt werden sollten. Viele Krieger fertigten ihre eigenen Pfeile an, doch Katschiun ließ große Mengen für die Armee herstellen, und vor jedem Ger, an dem Khasar vorbeikam, saßen Frauen und Kinder mit Federn, Faden und Leim, um sie zu befiedern und in Bündeln zu fünfzig Stück zusammenzubinden. In den Schmieden des Stammes brannten Tag und Nacht die Feuer, um Pfeilspitzen zu fertigen, und jeden Morgen wurden neue Bögen zu den Schießständen gebracht, wo man sie ausprobierte.
In dem riesigen Lager wurde gelebt und gearbeitet: Der Fleiß seines Volkes gefiel Khasar. In der Ferne schrie ein Neugeborenes, und er lächelte. Seine Füße folgten einem Pfad im Gras, der bereits bis auf die nackte Erde ausgetreten war. Wenn sie aufbrächen, bliebe von diesem Lager ein riesiges Muster zurück, und er versuchte, es sich vorzustellen.
Gut gelaunt bemerkte er zunächst nicht die Aufregung, die am Kreuzungspunkt zweier Wege vor ihm entstanden war. Sieben Männer standen in einer Gruppe zusammen und bemühten sich, einen widerspenstigen Hengst auf den Boden zu ziehen. Khasar blieb stehen und wollte zuschauen, wie sie das Tier kastrierten, als ein verirrter Huf einen der Männer in den Bauch traf und zu Boden warf. Das Steppenpferd war jung und verfügte über kräftige Muskeln.
Es wehrte sich gegen die Männer und gegen die Seile, die man ihm umgebunden hatte. Sobald der Hengst am Boden läge, würden sie di