Auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit
Mit Interesse verfolge ich die Entwicklungen im Bildungssystem der Bundesrepublik, insbesondere aber im Bundesland Sachsen-Anhalt. Seit Jahren gibt es die verschiedensten Reformbestrebungen in Deutschland, wo Bildungspolitik Ländersache ist und die Kultusministerkonferenz (KMK) Empfehlungen erarbeitet. Mit der Föderalismusreform I von 2006 wurde bekanntlich ein Kooperationsverbot in der Bildungspolitik zwischen Bund und Ländern vereinbart. Laut Einschätzung des (im Jahr 2012) Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaft GEW4, Ulrich Thöne, ist der „Wettbewerbsföderalismus gescheitert - ein Kooperationsgebot notwendig“. Er bezeichnete die Bildungslandschaft in Deutschland als „bildungspolitischen Flickenteppich“ mit der Folge, dass die Bildungsgerechtigkeit weiter abnimmt. „7,5 Millionen Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, sind kein Problem einzelner Bundesländer, sondern ein gesellschaftlicher Skandal, der alle betrifft.“ (E&W 04/2012, S. 29)
Eine vom Bundesbildungsministerium geförderte Studie „LEO 2018 - Leben mit geringer Literalität“ stellte den Rückgang dieser Zahl (Stand 2011) als Erfolg dar. Dennoch sind das 6,2 Millionen Erwachsene, die nicht richtig Deutsch lesen und schreiben können. 52,6 Prozent von ihnen haben Deutsch als Muttersprache. Die Mitteldeutsche Zeitung5 berichtet weiter: „Auch bei jenen Erwachsenen, die zwar zusammenhängende Texte verstehen, aber dennoch nicht gut lesen und nur sehr fehlerhaft schreiben können, gab es einen Fortschritt. Hier verringerte sich die Anzahl von 13,4 Millionen im Jahr 2011 auf nun 10,6 Millionen Menschen.“ (MZ, 8. Mai 2019, S. 23)
Was kann, bzw. muss, gegen das Zurückbleiben in der Schule von so vielen jungen Menschen getan werden? Wer ist verantwortlich? Ist das nur Sache der Politik? Können es die Lehrerinnen und Lehrer in einer „Schule für alle“ richten? Viele von ihnen machen sich Gedanken. So z. B. die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny in ihrem Buch6 „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“. Gleich auf der Umschlaginnenseite ist zu lesen: „Wer ist schuld an der aktuellen Schulmisere? Es sind nicht die ehrgeizigen Eltern, die im Grunde nur das Beste für ihre Kinder wollen. Auch nicht die Lehrer, die sich zwischen Bildungs- und Sortierauftrag komplett aufreiben. Doch am allerwenigsten sind es die Schüler, die heutzutage - vorschnell - als lernfaul und unmotiviert abgestempelt werden. Schuld istein Schulsystem, das sich unerbittlich und bürokratisch über das Wohl der Kinder stellt - und damit über die Möglichkeiten und Fähigkeiten jedes einzelnen Schülers.“
Jörg Dräger (ehemals Bildungspolitiker in Hamburg) veröffentlichte das Buch7 „Dichter, Denker, Schulversager - Gute Schulen sind machbar - Wege aus der Bildungskrise“ mit einer „Politischen Gebrauchsanweisung“ von Klaus von Dohnanyi. Dräger schreibt in seiner Einleitung8: „Bildungskrise in der Bildungspolitik: Abgesehen von dem Rückstand der Bundesrepublik in internationalem Vergleich ergibt sich ein wahrhaft erschütternder Unterschied zwischen den verschiedenen Bundesländern. Dieser Unterschied hängt weder von der Sozialstruktur noch von den Finanzen der verschiedenen Bundesländer ab, sondern ergibt sich lediglich aus dem unterschiedlichen Ausbau des Schulwesens.“
Des Weiteren verweist er auf den Pädagogen und Philosophen Georg Picht, der schon 1964 in seinem Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“ den „Lehrermangel und die Bildungs-Kleinstaaterei der Bundesländer ebenso wie die mangelnde Chancengerechtigkeit des deutschen Bildungswesens“ kritisierte.
Diese Probleme bewegen uns auch heute noch, sogar in zunehmender Weise.