Kapitel 1 –Kayla
Ich sitze am Fenster und beobachte, wie die anderen Patienten mit ihren Familien und Freunden durch die groß angelegte Parkanlage schlendern. Es ist Donnerstag, einer der beiden Besuchstage, welche dieOceanside Rehaklinik anbietet. Heute ist das Wetter besonders schön: Die Sonne scheint und ein leichter Windhauch lässt vereinzelt Palmwedel erzittern. Ihm ist zu verdanken, dass die heißen Temperaturen erträglicher sind. In der Ferne kann ich sogar das Wasser des Pazifiks glitzern sehen.
Es hätte mich deutlich schlechter treffen können. Dave, mein leiblicher Vater, von dem ich erst vor einigen Monaten erfahren habe, hat eine ganze Stange Geld in die Hand genommen, um mich hier in dieser schicken Privatklinik unterzubringen. Fernab von Los Angeles, sodass meine Wunden und auch ich in Ruhe heilen können. Meine Versicherung hätte die Kosten für den Aufenthalt sicherlich ebenfalls übernommen, aber davon wollte Dave nichts hören. Er versucht, die verlorenen neunzehn Jahre jetzt mit Geld wiedergutzumachen.
Das Rascheln von Papier und eine sanfte Stimme reißen mich aus meinen Gedanken und zwingen mich, meine Aufmerksamkeit wieder in den Raum zu lenken, in dem ich mich befinde.
»Was ist das für ein Gefühl zu wissen, dass Sie heute wieder nach Hause können, Kayla?«Nach Hause … die Worte klingen fremd in meinen Ohren. Sie haben keinerlei Bedeutung mehr und lösen keine Begeisterung in mir aus. Denn ein Zuhause habe ich nicht mehr. Zumindest keines, das die Geborgenheit ausstrahlt, die ich normalerweise mit diesem Wort verbinde.
»Fühlt sich nicht wie nach Hause kommen an«, erwidere ich schlicht und drehe mich zu meiner Gesprächspartnerin um. Dr. Joan Miller ist Anfang dreißig, hat gerade ihre Facharztausbildung beendet und mit mir einen harten Brocken als Patientin bekommen.
»Wieso nicht?« Sie sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und ich bereue direkt, etwas gesagt zu haben. Schweigend nestle ich am Saum meines Ausschnitts herum. Eine lästige Angewohnheit, die ich mir in den letzten Wochen angeeignet habe.
»Ich ziehe in ein fremdes Haus. Zu Leuten, die es nicht einmal für nötig gehalten haben, mich zu besuchen, um mich kennenzulernen«, erkläre ich und bemerke, dass Wut in mir aufsteigt. »Zu meinem Vater, der krampfhaft versucht, eine Verbindung zu mir aufzubauen und dabei nicht versteht, dass man neunzehn verlorene Jahre nicht in fünf Therapiesitzungen wieder aufholen kann.«
Dr. Miller nickt. Sie betreut neben meinen Einzelsitzungen auch die Treffen zwischen Dave und mir und weiß deshalb genau, was ich damit meine. Die einstündigen Gespräche laufen immer gleich ab: Er redet, ich schweige und antworte nur, wenn ich direkt angesprochen werde. Das wirkt nach außen hin wahrscheinlich so, als würden mein Vater und ich uns überhaupt nicht verstehen, dabei ist das nicht der Fall. Wir kommen wunderbar miteinander aus, aber diese Vater-Tochter-Therapie ist auf seinem Mist gewachsen, und wenn es nach mir ginge, hätten wir damit ruhig noch warten können.
Ich habe momentan genug mit meinen eigenen Dämonen zu kämpfen und weiß, dass es Dave ähnlich geht. In