Kapitel 1:
Wir sind angekommen
Wenn meine Frau Dagmar und ich noch einmal die Wahl hätten – was in unserem Alter wohl kaum noch in Frage kommen wird – nach einem anderen Wohnort Ausschau zu halten, dann fiele unsere Wahl nur auf einen Ort, und das ist Bendestorf.
Seit mehr als vierzig Jahren haben sich in dem Gebiet, wo wir damals unser Haus gebaut haben und es nur drei Nachbarn gab, eine Menge Menschen angesiedelt. Trotzdem hat dieser Ort seinen Reiz und seinen Charme bis heute nicht verloren. Jahrelang habe ich morgens meinen Weg über die Autobahn in das dreißig Kilometer entfernte Hamburg genommen. Wenn ich abends heimkam und kurz vor dem Schierenberg war, musste ich immer zuerst einen Blick auf das historische Gebäude der Thiemann-Scheune werfen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Thiemann-Scheune, in der oft Versammlungen und Besprechungen abgehalten wurden, war der bekannte »Schlangenbaum« – Hotel und Gaststätte – und diente vor allem als Hotel für die vielen Filmschaffenden, die in den Filmhallen von Bendestorf dem Nachkriegsdeutschland die ersten schönen Spielfilme ermöglichten. Hier gaben sich alle Spitzen der UFA die Klinke in die Hand und drehten die ersten spannenden Filme, unter anderem mit der Sünderin Hildegard Knef, die den älteren Deutschen noch ein Begriff sein wird. Rolf Meyer, der erste Deutsche, der von der britischen Militärregierung eine Lizenz bekam Filme zu drehen, übernahm auch noch das ehrenvolle Amt des Bürgermeisters.
Aber auch das ist deutsche Geschichte: Das deutsche Fernsehen, das auch eine Zeit lang in den Hallen von Bendestorf zuhause war, hatte bald seine eigenen Studios in Hamburg-Rahlstedt. Wie oft die Hallen auch von Filmleuten genutzt wurden oder von Musikstudios, später hat es dazu geführt, dass der gesamte Betrieb eingestellt wurde. Für eine bedeutende Filmgeschichte, die wir Rolf Meyer verdanken, gibt es heute zur Erinnerung eine Halle, in der alle Schätze aus dieser ruhmreichen Zeit aufbewahrt werden. Man kann in diesem Zusammenhang, um die Bedeutung dieser Einrichtung deutlich zu machen, nur sagen: Helden gehen und Legenden bleiben.
Wenn ich den Schierenberg entlangfahre – es geht bergauf – säumen bis zum Rolf-Meyer-Weg mehrere Einfamilienhäuser beide Straßenseiten. Dann bin ich angekommen an der Spitze meines Berges und fahre nun wieder ins Tal und zu meinem Haus. Das bezeichne ich als ganz besonderen Charme.
Ich glaube, der liebe Gott muss eine recht schwache Stunde gehabt haben, als er diesen Ort schuf. In den Nachbargemeinden gibt es auch ein paar spitze Zungen, die vielleicht etwas neidvoll auf das wunderschöne Bendestorf schauen und schnippisch meinen, die die dort leben bildeten sich ein, es sei das Blankenese von Niedersachsen.
Aber was soll ich Ihnen noch alles über diesen Ort sagen?
Da gibt es Bendestorfs höchsten Punkt, das ist der Sonnenberg. Schon bei der Nennung dieses Namens wird einem warm ums Herz. Steht man da oben auf dem Sonnenberg, hat man einen wunderschönen Blick auf das Tal, das in unmittelbarer Nähe auch noch eines der schönsten Waldgebiete Niedersachsens bereithält. Es wird nicht nur von den Bendestorfern als besonders schön empfunden. Spaziergänge beginnen in Bendestorf, führen durch einen märchenhaften Wald und enden schließlich an der Waldklinik Jesteburg. Lassen Sie mich bitte noch etwas weiter schwärmen, denn das, was ich Ihnen jetzt sagen möchte, ist auf keinen Fall zu unterschlagen: Dort haben meine Frau und ich, nachdem wir uns etwas eingelebt hatten, die schönsten Stunden verlebt, die man sich denken kann, im Kreise vieler Freunde.
Während wir unser Haus bauten, nahmen wir einen ganz deutlichen Brandgeruch wahr – das traditionsreiche Haus Meinsbur – ein ganz besonderes Haus – stand in hellen Flammen. Heute strahlt es wieder in altem Glanze. Besitzer haben zwischenzeitlich gewechselt, aber von seinen Wohlfühl-Elementen hat es nichts eingebüßt. Dort haben wir uns oft getroffen, dort entstanden herzliche Freundschaften.
Da war Bruno, er hatte einen Fahrdienst: Taxi und Bus, erst fuhr er in der Hochzeit die Stars, brachte sie nach Bendestorf, später erweiterte er seinen Fahrdienst und fuhr Kinder zu Schule und noch anderswohin. Wir trafen uns immer, und er brachte seine Lebensgefährtin Uschi mit. Da war Günther, der einen Autohandel hatte an der Hauptstraße von Bendestorf.
Noch viele andere Bendestorfer nahmen an diesen Treffen teil.
Ich werde nicht vergessen, dass ich einen Anruf bekam von einem Chefredakteur der Hamburger Bild-Zeitung, der hier in Bendestorf lebte und mich bat, mit ihm gemeinsam im historischen Haus Meinsbur das Ottilie-Springer-Zimmer einzuweihen. Ob es heute noch vorhanden ist, wäre zu überprüfen, wenn endlich die schreckliche Seuche, die allen Menschen furchtbar zu schaffen macht, einen Besuch wieder möglich werden lässt.
Einige Jahre später gründete ich mit viel Prominenz aus Hamburg und ganz Deutschland im Hotel Meinsbur die Internationale Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gesellschaft. Um nur einige wenige Persönlichkeiten zu nennen: Es waren Loki Schmidt, Professor Hermann Rauhe, Leiter der Hamburger Theater- und Musikschule sowie unser Freund Max
Schmeling und vor allem Justus Frantz. Er verspätete sich zu unserer Gründungsversammlung und schwebte dann sanft mit einem Hubschrauber auf dem Grundstück des Hotel Meinsbur ein.
Erwähnen möchte ich – so wurde mir von Leuten, die es wissen müssen, erzählt –, dass auch der Verleger Axel Springer zeitweise bei seiner Mutter in Bendestorf gelebt hat. Später, als ich mich in Hamburg mit der letzten Kriegsruine, die wir in der schönsten Stadt der Welt, wie behauptet wird, noch haben, befasste, lernte ich auch Henri kennen, der damals der Bürgermeister in Bendestorf war. Erst später, gemütlich bei einem heißen Rum, erzählte er mir, dass er nun die Gelegenheit wahrnehmen wolle, mir zu sagen, er sei ein echter Fan von mir, denn das, was ich in Hamburg mit St. Nikolai mache, sei eine bedeutende Sache. Die letzte Kriegsruine, ein Mahnmal, das wir heute unbedingt brauchen, denkt man nur daran, was in Rostock, was in Mölln, was in Hoyerswerda gleich nach der Wiedervereinigung in Deutschland passierte.
Später lernte ich Peter kennen, er war der nächste Bendestorfer Bürgermeister und erzählte mir ganz beiläufig, ich wäre ihm ja längst bekannt, denn ich hätte einmal eines seiner Gebäude in Hamburg sanieren dürfen. Auch Peter zog sich nach langer ehrenamtlicher Tätigkeit aus diesem Amt, auf das man sehr sehr stolz sein konnte, zurück.
Wie doch die Zeit vergeht, nun kenne ich schon den dritten Bürgermeister dieser so reizvollen Gemeinde, und das ist Bernd. Zu ihm habe ich eine ganz besondere