Jetzt. Briefgeheimnis
»Dann bist also jetztdu das Opfer?«, frage ich. »Weil ich dich seinetwegen nicht verlassen habe?«
»Nein«, erwidert Georg und steht auf. »Weil du ihn die ganze Zeit übergeliebt hast.«
Er sagt es in einem harten Flüstern, ein gedrosseltes Schreien, das ich gut von ihm kenne – sein Kinder-Tonfall. Anna und Jonas sollten uns nicht hören, nicht beim Streiten, nicht beim Sex. Je älter sie wurden, desto leiser wurden wir. Kein Austausch mehr, weder körperlich noch verbal. Bis Georg und ich irgendwann nicht mehr waren als Atmosphäre, feinstoffliche Stimmungsschwankungen, die sich ab und zu im Flur begegnen – zuvorkommend und kontrolliert. Ein Korsett, das wir uns gegenseitig vor Jahren mit einemIch will angelegt haben.
Georg deutet auf das Kuvert zwischen uns auf dem Tisch. »Liebst du ihn?«, fragt er.
»Keine Ahnung«, sage ich.
Georg hat auf ein Nein gehofft, ich erkenne es an seinem knappen Nicken, an der senkrechten Falte zwischen seinen Augenbrauen, an der Anspannung in seinem Gesicht, insbesondere um den Mund. Ich hätte nicht gedacht, meinen Mann noch einmal so zu sehen, so eifersüchtig. Früher war er es oft. Als wäre ich ein stetiger Drahtseilakt für ihn gewesen, ein ewiges Erobern. Wenn wir ausgingen und ein Mann mich zu lange ansah, griff Georg demonstrativ nach meiner Hand oder küsste mich – als wäre ich sein Revier und damit markiert. Es hat mir nichts ausgemacht, wenn er so war. Im Gegenteil, ich mochte ihn besitzergreifend. Ich,seine Frau, und er, der es jeden wissen ließ. Doch irgendwann hörte das auf. Als wären wir zu Ende gegangen, gefangen in einem endlosen Abspann, in dem man aus Höflichkeit sitzen bleibt, bis das Licht angeht. Mariam war das Licht. Georg hat es eingeschaltet.
Und jetzt steht er da und sieht mich an, direkter und länger, als ich es von ihm gewohnt bin. Und irgendwie selbstgerecht, obwohl es ihm nicht zusteht. Ich mustere ihn – den Mann, den ich so lange kenne und der mir trotzdem fremd ist. Und dann frage ich mich, wann wir zuletzt miteinander gesprochen haben,wirklich gesprochen, nicht nur mit Worten die Luft bewegt, keine leeren Sätze, keine alltäglichen Fragen oder Absprachen, keinBrauchst du jemanden, der dich zum Flughafen bringt?, sondern ein echtes Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich etwas bedeuten – oder wenigstens noch etwas zu sagen haben.
Ich denke an die Situation zurück, als er mir von ihr erzählt hat. An seinEs ist einfach passiert. Gewusst habe ich es schon eine Weile. Seit einem Dienstagabend im März. Georg hatte sich mit einem ehemaligen Studienfreund verabredet, der für ein paar Tage in der Stadt war – jedenfalls hatte er das gesagt. Als er wieder nach Hause kam, roch er frisch geduscht. Sein Haar war feucht, der Duft des Shampoos weiblich. Auf meine Vermutung angesprochen habe ich ihn nicht. Vielleicht weil ich dachte, es würde vorbeigehen, eine holprige Phase in unserer Ehe, wie Schlaglöcher in einer Straße nach einem langen, harten Winter. Gestohlene Nächte, die irgendwann enden würden. Nur dass sie das nicht taten. Aus den Nächten wurden Tage. Und aus den Tagen Wochenenden. Der fremde Shampoo-Duft war irgendwann nicht mehr fremd. Und auf einmal hatte die Frau einen Namen. Nicht nur einen Körper, nicht nur ein Loch, in dem mein Mann verschwinden konnte, wenn es ihn überkam.Mariam.
Georg lässt den Blick sinken, schaut zu Boden. Er war lange nicht so