WAS IST EINE SUCHTERKRANKUNG?
Das folgende Kapitel beleuchtet das komplexe Thema der Suchterkrankungen aus biologischer, psychologischer und sozialer Perspektive. Es werden aktuelle Modelle der Suchtentwicklung sowie Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit beschrieben. Zudem wird die Rolle von adäquaten Behandlungsangeboten und zeitgemäßen Therapieansätzen verdeutlicht. Auch nicht-substanzgebundene Suchterkrankungen wie pathologisches Glücksspiel oder eine Esssucht weisen ähnliche Symptome wie substanzgebundene Suchterkrankungen auf und bedürfen einer umfassenden Behandlung. Nicht zuletzt werden die Herausforderungen im Umgang mit Suchterkrankungen verdeutlicht und die Notwendigkeit einer ganzheitlichen und personalisierten Behandlung betont.
EINLEITUNG
Suchterkrankungen betreffen nicht nur das gesamte Spektrum der medizinischen Fachdisziplinen, sondern zählen auch zu den schwersten Erkrankungen des psychiatrischen Formenkreises. Eine psychiatrische Erkrankung bedarf einer multifaktoriellen Betrachtung: Während bei einigen Betroffenen genetische Faktoren oder körperliche Begleiterkrankungen relevant sind, liegen die Krankheitsursachen bei anderen in kritischen Lebensereignissen. Somit sind allgemeine Prognosen über das individuelle Risiko einer Suchterkrankung oder die Schwere des Verlaufes nicht seriös möglich. Es ist wichtig, zu verstehen, dass Suchterkrankungen nicht dem Behandlungsmodell von Infektionen folgen, die z. B. durch Antibiotika innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums geheilt werden. Vielmehr zeigt sich ein chronischer Verlauf, vergleichbar dem Bluthochdruck oder der Zuckerkrankheit. Eine anhaltende Linderung der Beschwerden erfordert in den meisten Fällen eine dauerhafte Lebensstilveränderung. So verwundert es nicht, dass „Impfungen“ zur Behandlung von Nikotin- oder Kokainabhängigkeit laut Forschungsergebnissen keinen nachhaltigen Erfolg bringen.
Eine Besonderheit von Suchterkrankungen ist, dass es im Lebenszeitverlauf häufig zu psychiatrischen (wie Depressionen oder Angststörungen) und körperlichen (wie Organschädigungen oder Infektionserkrankungen) Begleiterkrankungen kommt. Vielfach sind (nicht behandelte) psychiatrische Grunderkrankungen die Ursache, dass sich sekundär eine Substanzgebrauchsstörung entwickelt. Dadurch fällt es Betroffenen zunehmend schwer, eine Abstinenz zu erreichen.
Im menschenrechtlichen Kontext des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen – der sogenannten UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) – wird deutlich, dass Personen mit schwerwiegenden Suchterkrankungen unter Umständen mit den Anforderungen in ihren alltäglichen sozialen Rollen nicht zurechtkommen. In der Präambel der UN-BRK, die 2008 von Österreich ratifiziert wurde, wird betont, dass Behinderungen aus einer Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und umweltbedingten Barrieren entstehen, die sie an der vollen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern. Dies betrifft insbesondere Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, und somit auch Personen mit chronischen Suchterkrankungen. Über Jahre unbehandelte bzw. fortbestehende Suchterkrankungen führen