Till und Aria
Vincent Voss
»Verdammt, Till!« Sie stößt ihn von sich und versucht zu retten, was zu retten ist, nachdem er sich in ihr ergossen hat.
»Ich …, scheiße …, ich …«, stammelt er.
»Du wolltest aufpassen, du Idiot!«
–
»So eine Scheiße!«, flucht sie, aus dem Anbau der Garage, die sie als Unterschlupf für die letzten paar Tage auf ihrem Weg nach Norden an die Küste genutzt haben. »Und wir haben kein Wasser dafür! Du verdammter Idiot«, hört er sie und sieht sich um, ob er irgendwie helfen kann. Kann er nicht. Sie haben kein Wasser, weil es kein Wasser gibt. Ein Tuch vielleicht, aber er hört bereits, wie Aria Stoff zerreißt. Er steht auf, sieht ihr zu, wie sie versucht, sich im flackernden Kerzenlicht den Intimbereich zu säubern.
»Geh und sieh woanders hin!«, verscheucht sie ihn und saugt so viel Sperma wie möglich mit dem Lappen auf. Abgewandt verweilt er im Eingang, der nur durch einen Plastikvorhang beide Räume trennt.
»Es tut mir leid. Wirklich!« Sie hebt den Blick, er sieht immer noch weg. Aria schüttelt den Kopf. Letztlich muss sie ihm verzeihen, eine andere Option gibt es nicht, wenn sie überleben wollen.
Am nächsten Tag ziehen sie weiter. Aria wird von einer inneren Unruhe gepackt. Eigentlich hatten sie noch ein paar Tage in der Nähe von Handorf südlich der Elbe bleiben wollen, um dann die Elbe über die 404 zu überqueren. Hamburg planten sie im Osten zu umgehen, große Städte sind gefährlich. Alphas, Betas und Plünderer stritten sich um Wasser und Nahrung. Aber in der Nähe von und in Hamburg hatte sich damals 23/24 der Widerstand aufgebaut, und sie und Till haben gehört, dass es in Dänemark noch eine sichere Enklave für Menschen geben soll. Arias zweite Flucht. 2015 war sie mit ihrer Mutter aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Ihr Vater und einer ihrer Drillingsbrüder waren im Mittelmeer ertrunken. Nach knapp einem Jahr Aufenthalt in der Landesunterkunft Rendsburg sind sie dann endlich nach Henstedt-Ulzburg umverteilt worden. Dorthin wollen sie jetzt erst einmal, weil sie sich da auskennt und Ideen hat, wo es noch Nahrung und Wasser geben könnte. Und Ruhe, denn die haben sie bitter nötig.
In der Dämmerung erreichen sie die Elbbrücke Geesthacht. Sie hatten lange gestritten, wo und wie sie die Elbe überqueren wollen, und sich schließlich für die Brücke entschieden. Erst einmal wollen sie die Lage auskundschaften. Es ist Mitte Juni, also bleibt es lange hell. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, wissen sie nicht. Für die Alphas vielleicht ein Vorteil, weil sie wie Menschen sehen. Die Betas nehmen anders wahr, da sind sich Till und Aria sicher. Eher über den Geruch. Sie scheinen Menschen besonders gut riechen zu können, allerdings stinken sie selbst bestialisch nach Pilzen und moderndem Fisch und kündigen sich damit schon lange vor ihrem Erscheinen an. Neben der Brücke in Marschacht finden sie einen ehemaligen Hof. Hinter einem Lkw spannen sie eine Plane auf, tarnen sie mit Ästen und Zweigen, verstecken sich und spähen auf die Brücke. Sie wollen sehen, ob sie von Gangs bewacht würde oder ob die Infiltrierten sie nutzen.
Es fängt an zu nieseln, sie ziehen sich ihre Regenjacken an, aber es bleibt ruhig, bis es dunkel wird. Sie warten den Guss ab. Mit dem Regen war damals die Veränderu