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»Ach du meine Güte.« Thomas deutete mit einem Kopfnicken auf den jungen Mann, der über den freien Platz vor den Schiffsanlegern zielstrebig auf sie zukam. »Mister Cool himself. Wetten, dass das dieser Typ ist, der noch fehlt? Ich hab immer so ein Glück.«
Thomas Strasser tendierte dazu, vorschnell über jeden zu lästern, der auch nur ansatzweise Wert auf sein Äußeres legte und gutgekleidet war. Ganz besonders dann, wenn es sich um einen Geschlechtsgenossen handelte.
Das mochte daran liegen, dass er selbst mit seinem struppigen Bart, der Nickelbrille und den beachtlich schlecht sitzenden Klamotten wie das aussah, was er auch tatsächlich war: ein Computer-Nerd. Seine Leibesfülle, mit der er seine Unsportlichkeit wie ein Fanal vor sich hertrug, setzte diesem Bild das berühmte I-Tüpfelchen auf.
In diesem Fall konnte Jennifer die Bemerkungen ihres Mitarbeiters jedoch verstehen, denn der Mann, der sie nun fast erreicht hatte, erfüllte das gegenteilige Klischee nahezu perfekt.
Er mochte Anfang dreißig, also in Jennifers Alter sein, womit zumindest die offensichtlichen Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft waren. Zu einer auffälligen knallroten Daunenjacke mit diagonalen weißen Streifen, auf denen in ebenso auffälliger Schrift der NameBogner prangte, trug er eine Skihose in Husky-Grau. Seine Haare waren so akkurat nach hinten gegelt, dass sie wie ein dunkelbrauner Helm um seinen Kopf lagen, das Gesicht war von der Sonne oder in einem Studio gebräunt.
Mit verzückter Miene hielt er sein Smartphone vor sich und machte ein Selfie. Wahrscheinlich dokumentierte er sein Eintreffen, für wen auch immer. Trotz des trüben Wetters trug er eine Sonnenbrille, die mit ihren verspiegelten Gläsern und der geschwungenen Form ebenso gut als Skibrille für Yuppies durchgehen würde. Und genau das war auch der Begriff, der Jennifer einfiel, als er vor ihnen stehen blieb und ihnen das strahlende Weiß seiner zweifellos gebleachten Zähne zeigte, indem er einfach die Lippen zurückzog, ohne dass sich der Rest seines Gesichts auch nur bewegte. Der Arm mit dem Smartphone senkte sich.
»Hi, ich bin David.« Er sah sich um und betrachtete die anderen Mitglieder der Gruppe. »Ihr seid die Digital-Detox-Fraktion, richtig?«
»Ja«, antwortete der Teamleiter des Reiseveranstalters, der neben Jennifer und Thomas stand und sich ihnen kurz zuvor als Johannes Petermann vorgestellt hatte. Er war Anfang fünfzig, die grauen Haare reichten in einer unmodernen Frisur halb über die Ohren. »Das sind wir. Und Sie müssen David Weiss sein, auf den wir schon seit zwanzig Minuten warten.«
»Das tut mir leid«, erwiderte Weiss auf eine Art, die bedeutete:Das tut es nicht. »Also, nicht, dass ich David Weiss bin, das tut mir weiß Gott nicht leid, haha, aber dass ihr auf mich warten musstet. Kommt nicht wieder vor.« Erneut bleckte er die Zähne.
»Okay.« Petermann machte ein paar Schritte und wandte sich der Gruppe zu, die nun vollständig war und mit ihm selbst aus elf Mitgliedern bestand. Nachdem er sich mehrfach die Hände gerieben hatte, was den herrschenden Temperaturen um die minus fünf Grad ohne Handschuhe geschuldet sein musste, zog er ein Blatt Papier aus der Jackentasche.
»So, nachdem wir jetzt also vollzählig sind, heiße ich Sie herzlich am Startpunkt unseres Trips hier in Schönau am Ufer des herrlichen Königssees willkommen. Zuerst stelle ich Ihnen kurz unser kleines Team vonTriple-O-Journey vor. Falls Sie es noch nicht in Ihren Unterlagen gelesen haben, die drei O stehen fürOut Of Ordinary, alsoungewöhnlich. Bei uns können Sie keinen Pauschalurlaub buchen, sondern nur individuell konzipierte Reisen, weswegen Sie ja auch hier sind. Später dazu dann mehr. Anschließend checken wir noch kurz, dass wir auch die richtigen Teilnehmer dabeihaben, und dann kommt der Moment der Wahrheit. In dieser Kiste« – er deutete hinter sich auf eine grüne Kunststoffbox von der Größe eines Reisekoffers – »bewahren wir alle elektronischen Geräte bis zu unserer Rückkehr auf. Keine Angst, die Teile werden entsprechend gekennzeichnet, so dass Sie Ihr Smartphone oder Tablet problemlos wiede