Die Todes von Tode Hall
Die Nördliche Rasenfläche
Dienstag, 8:41 Uhr
Die Rasenflächen rund um Tode Hall hatten im Sommer eine triste Senffarbe angenommen, sodass das helle Mauerwerk des siebtbekanntesten in Privatbesitz befindlichen Herrenhauses von Großbritannien ein wenig schmuddelig wirkte. Doch das ließ sich nicht ändern. Es war Mitte August, und in der Grafschaft Yorkshire hatte es seit fast sechs Wochen keinen Tropfen geregnet. Auf den britischen Social-Media-Plattformen wurde fieberhaft über das drohende Aussterben der Eisbären und das nahende Ende der Welt diskutiert. In London, Manchester, Edinburgh, ja, sogar in York ketteten sich wütende junge Leute an Busse und forderten ein Ende des Lebens, wie wir es kennen. Und im Souvenirshop in den alten Stallungen am Ende der Auffahrt sowie in dem an der Kasse und in den drei Restaurant-Cafés von Tode Hall kam es zu einem nie da gewesenen Run auf Eis am Stiel. In sämtlichen Läden auf dem Anwesen war nur noch welches mit Zitronengeschmack erhältlich.
Es war ein außergewöhnlicher Sommer, ein wunderbarer Sommer für fast jeden, und ein nützlicher für Aktivisten, die forderten, dass etwas gegen den Klimawandel getan werden müsse. Trotzdem beklagten sich – wie immer in England – alle.
Sir Ecgbert Tode (52), der zwölfte Baronet, zum Beispiel, der ein dickes Cordjackett, ein Poloshirt und eine lange Hose trug und mit großen Sätzen über den ausgetrockneten Rasen eilte, den Sicherheitscode am Privateingang eingab und dabei imaginäre Fliegen verscheuchte, ließ sich in just diesem Augenblick negativ über seine Körpertemperatur aus.
»Es ist erst halb neun morgens, und schon läuft mir das Wasser herunter, Trudy«, jammerte er. »Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes amKochen. Ist das zu fassen?«
Diese Nachricht hinterließ er auf der Mailbox der ebenfalls zweiundfünfzigjährigen Alice Liddell, die er aus unerfindlichen Gründen »Trudy« nannte und die gegenwärtig als »Event- und Spaßmanagerin« von Tode Hall wirkte, was immer das heißen mochte. Niemand schien es genau zu wissen – am allerwenigsten Alice selbst, die besagte Stelle seit fast einem Jahr bekleidete. Aber es war ein angenehmer Job. Sehr entspannt. Zusatzleistungen waren ein hübsches Cottage hinter einer hohen Hecke inmitten des alten Rosengartens von Tode Hall und ein kleiner Wagen mit kaputten Sicherheitsgurten. Alice, eigentlich eingefleischte Londonerin, hatte einen großen Teil ihrer Kindheit bei ihrer mittlerweile verstorbenen Großmutter, der persönlichen Zofe der ebenfalls verstorbenen Lady Tode, auf dem Anwesen verbracht, weswegen Tode Hall so etwas wie ein zweites Zuhause für sie war. Sir Ecgbert hatte an diesem Morgen ihre Nummer gewählt, weil er sie liebte. Doch natürlich würde er ihr das nicht gestehen.
»Ich bin im Haupthaus«, sagte er stattdessen. »Da ist es wie im Backofen, Trudy. Wie in einem riesigen Backofen …«, hallte Ecgberts Stimme wider, als er den Großen Saal betrat. »Im ganzen Land ist es wie in einem riesigen Backofen, wird mir gerade klar. Es gibt