: Daisy Waugh
: Die Tote im Herrenhaus Kriminalroman
: Goldmann Verlag
: 9783641264451
: 1
: CHF 2.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
Hollywood im Herrenhaus von Tode Hall. India und Egbert Tode sind begeistert, dass auf ihrem herrschaftlichen Anwesen ein Film gedreht wird. Ein Sommer mit glamourösen Stars steht ihnen bevor! Doch als sich eitle Schauspieler und wild entflammte Frauen, die alle hinter dem Filmstar Oliver Mellors her sind, in der Halle tummeln, wird schnell klar, dass die Filmbranche ein wahres Haifischbecken ist. Ein böses Ende erscheint unvermeidlich, aber niemand hätte damit gerechnet, wie böse es wird. Doch dann findet man Rapunzel Piece tot in der Speisekammer. Rapunzel spielte gerne ihre Macht aus, denn sie besaß die Rechte an dem Theaterstück, das in Tode Hall verfilmt wird. Und wirklich niemand konnte die hochgradig unsympathische Frau ausstehen. Aber ist das ein Mordmotiv?

Daisy Waugh, die Enkelin des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh, ist Autorin und Tarotkartenlegerin. Sie hat eine Reihe von Romanen sowie diverse Sachbücher, Zeitungsartikel und Kolumnen verfasst. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie in Barnes, South West London. Mit »Die tote Lady« hat sie eine Reihe von humorvoll-nostalgischen Kriminalromanen um die skurrile britische Landadelfamilie von Tode Hall begonnen.

Die Todes von Tode Hall


Die Nördliche Rasenfläche


Dienstag, 8:41 Uhr

Die Rasenflächen rund um Tode Hall hatten im Sommer eine triste Senffarbe angenommen, sodass das helle Mauerwerk des siebtbekanntesten in Privatbesitz befindlichen Herrenhauses von Großbritannien ein wenig schmuddelig wirkte. Doch das ließ sich nicht ändern. Es war Mitte August, und in der Grafschaft Yorkshire hatte es seit fast sechs Wochen keinen Tropfen geregnet. Auf den britischen Social-Media-Plattformen wurde fieberhaft über das drohende Aussterben der Eisbären und das nahende Ende der Welt diskutiert. In London, Manchester, Edinburgh, ja, sogar in York ketteten sich wütende junge Leute an Busse und forderten ein Ende des Lebens, wie wir es kennen. Und im Souvenirshop in den alten Stallungen am Ende der Auffahrt sowie in dem an der Kasse und in den drei Restaurant-Cafés von Tode Hall kam es zu einem nie da gewesenen Run auf Eis am Stiel. In sämtlichen Läden auf dem Anwesen war nur noch welches mit Zitronengeschmack erhältlich.

Es war ein außergewöhnlicher Sommer, ein wunderbarer Sommer für fast jeden, und ein nützlicher für Aktivisten, die forderten, dass etwas gegen den Klimawandel getan werden müsse. Trotzdem beklagten sich – wie immer in England – alle.

Sir Ecgbert Tode (52), der zwölfte Baronet, zum Beispiel, der ein dickes Cordjackett, ein Poloshirt und eine lange Hose trug und mit großen Sätzen über den ausgetrockneten Rasen eilte, den Sicherheitscode am Privateingang eingab und dabei imaginäre Fliegen verscheuchte, ließ sich in just diesem Augenblick negativ über seine Körpertemperatur aus.

»Es ist erst halb neun morgens, und schon läuft mir das Wasser herunter, Trudy«, jammerte er. »Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes amKochen. Ist das zu fassen?«

Diese Nachricht hinterließ er auf der Mailbox der ebenfalls zweiundfünfzigjährigen Alice Liddell, die er aus unerfindlichen Gründen »Trudy« nannte und die gegenwärtig als »Event- und Spaßmanagerin« von Tode Hall wirkte, was immer das heißen mochte. Niemand schien es genau zu wissen – am allerwenigsten Alice selbst, die besagte Stelle seit fast einem Jahr bekleidete. Aber es war ein angenehmer Job. Sehr entspannt. Zusatzleistungen waren ein hübsches Cottage hinter einer hohen Hecke inmitten des alten Rosengartens von Tode Hall und ein kleiner Wagen mit kaputten Sicherheitsgurten. Alice, eigentlich eingefleischte Londonerin, hatte einen großen Teil ihrer Kindheit bei ihrer mittlerweile verstorbenen Großmutter, der persönlichen Zofe der ebenfalls verstorbenen Lady Tode, auf dem Anwesen verbracht, weswegen Tode Hall so etwas wie ein zweites Zuhause für sie war. Sir Ecgbert hatte an diesem Morgen ihre Nummer gewählt, weil er sie liebte. Doch natürlich würde er ihr das nicht gestehen.

»Ich bin im Haupthaus«, sagte er stattdessen. »Da ist es wie im Backofen, Trudy. Wie in einem riesigen Backofen …«, hallte Ecgberts Stimme wider, als er den Großen Saal betrat. »Im ganzen Land ist es wie in einem riesigen Backofen, wird mir gerade klar. Es gibt