Prolog
Simi Valley, Los Angeles,USA
Der Milliardär musste vollkommen den Verstand verloren haben.
Leonard Danquist wurde von zwei starken Händen auf die Rückbank des Grand Cherokee gedrückt. Er versuchte krampfhaft, sich seinem Entführer entgegenzustemmen, aber seine Hände waren mit einem dünnen Kabelbinder gefesselt. Wehrlos sackte er auf den Ledersitz. Die Tür neben ihm wurde zugeschlagen, und ein letzter Hauch der kalifornischen Sommerluft streifte seinen Arm.
Trotz der Klimaanlage liefen Danquist dicke Schweißtropfen über die Stirn. Hinter sich hörte er die Schritte des Fremden auf dem Kiesboden des stillgelegten Stahlwerks knirschen. Verängstigt wandte er sich dem Geräusch zu, aber der Sack, den ihm der Mann über den Kopf gezogen hatte, machte ihn so gut wie blind. Seine Sicht war auf Hunderte kleine Lichtpunkte beschränkt, die schwach durch den grob gefaserten Stoff drangen.
Danquist hatte das Gefühl zu ersticken. Stoßweise atmete er durch den Mund, wodurch seine Brille beschlug. Er hätte niemals hierherkommen dürfen. Das Stahlwerk befand sich am nördlichen Rand von Simi Valley, einem kleinen Vorort von Los Angeles. Das Gelände war menschenleer, die nächste Hauptstraße mindestens eine Meile entfernt.
Er hatte von Beginn an ein schlechtes Gefühl bei dieser Sache gehabt und hätte dem Treffen unter keinen Umständen zugesagt, wenn Bloom ihn nicht ausdrücklich darum gebeten hätte.
Der Milliardär hatte von einer »einzigartigen Gelegenheit« gesprochen. Eine Art Projekt, das den Zielen ihrer Stiftung zum Durchbruch verhelfen könnte. EinVorhaben, wie er betonte. Mehr hatte er jedoch nicht verraten wollen. Danquist konnte sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass Bloom sich wirklich bewusst war, worauf er sich dabei eingelassen hatte. Er kannte ihn inzwischen seit vier Jahren, und es war praktisch ausgeschlossen, dass er mit solchen Leuten Geschäfte machte. Es musste sich ganz eindeutig um einen Irrtum handeln.
Die Vordertür des Wagens wurde geöffnet, und sein Entführer stieg ein.
»Hören Sie«, setzte Danquist mit zitternder Stimme an, »das Ganze ist ein Missverständnis! Ich bin nicht der Mann, den Sie suchen. Was auch immer Sie vorhaben, ich habe nichts damit zu tun!«
Der Mann schloss die Tür und startete den Motor. Das Radio sprang an, und der Jeep wurde durch ein im Presto gespieltes Violinkonzert erfüllt. Perplex stellte Danquist fest, dass es sich dabei um den dritten Satz von VivaldisL’estate aus denVier Jahreszeiten handelte. Die dramatischen Streicherklänge, die das Bild eines aufziehenden Sommergewitters heraufbeschworen, hätten kaum besser zu seiner Situation passen können.
Der Wagen setzte sich in Bewegung und fuhr in einem Bogen den Weg zurück, den Danquist gekommen war. Er sah nach links, wo der gelbe Toyota seiner Frau stehen musste, den er nur fünf Minuten zuvor neben einem alten Backsteingebäude abgestellt hatte. Er glaubte, durch die Fasern des Sacks etwas Helles zu entdecken, aber es war mehr eine vage Ahnung als ein wirkliches Erkennen. Der helle Fleck zog schemenhaft und unerreichbar an ihm vorbei. Der Toyota erschien ihm auf einmal wie aus einer anderen Welt.
»Ihr Name ist Leonard Danquist«, sagte der Mann schließlich. Seine Stimme war tief und rau. »Sie sind der Geschäftsführer der Global Warming League und wohnen mit Ihrer Familie in einem Haus in Santa Ana. Ihre Frau ist Lehrerin an der Madison Elementary School in Lakewood. Sie haben eine dreijährige Tochter und einen fünfjährigen Sohn, den Sie eine Stunde vor diesem Treffen in den Kindergarten gebracht haben.«
»Woher wissen Sie das?«, f