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Als das Flugzeug zum Landeflug ansetzte, erlaubte sich Woran nur, dicht an Anar heranzurücken, vermied jedoch jede Berührung. Er war viel zu unvorsichtig gewesen,, hatte er erkannt. Warum wurde er bei Anar gleich schwach? Auch jetzt sehnte er sich nach einem Kuss von ihr.
Aber damit musste Schluss sein. Die Landung verlief problemlos. Nachdem sie ihre Sitze verlassen durften, nahm Anar schweigend ihre Reisetasche. Woran fragte erst gar nicht, ob er ihr tragen helfen sollte. Das hatte sie bisher immer abgelehnt. „Endlich sind wir da, bemerkte sie und ging zur Kabinentür. „Ja, wir sind heil angekommen.“ Woran hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt, um nicht in Versuchung zu geraten, Anar anzufassen. „Wir werden einfach so tun, als ob nichts geschehen wäre, nicht wahr?' Woran nickte. „Okay, es bleibt für immer unser Geheimnis.“ „Aber was ist mit deinem Personal? Sie merken vielleicht etwas, wenn sie das Bett machen.“ „Und wenn schon, sie sind loyal und sehr verschwiegen. „Gut zu wissen.“ Anar biss sich auf die Unterlippe, bis sie sich schließlich wieder an Woran wandte. „Ich möchte mich bei dir bedanken. Ohne dich hätte ich den Flug nicht so gut überstanden.“ „Es war mir ein Vergnügen.“ „Jetzt sollten wir gehen, denke ich.“ Bevor sie die Tür öffnen konnte, umfasste er schließlich doch noch ihre Taille. „Warte.'
Er drehte Anar zu sich um, so dass er ihr ins Gesicht sehen konnte. Ihr Blick wirkte müde. „Was gibt es noch?“ „Ich möchte noch einen Kuss.“ „Ich bin nicht sicher, ob wir das tun sollten.“ Woran nahm ihre Hände und legte sie auf seine Schultern.
Nur einen Kuss, um unser Geheimnis zu besiedeln.“ „Einverstanden, wenn es auch bei einem kurzen Küsschen bleibt.“
„Natürlich.“ Aber als er den Kopf senkte und ihren Mund berührte, öffnete Anar einladend ihre Lippen. Sie waren so verführerisch weich, und unwillkürlich drang Woran mit der Zunge dazwischen.
Im nächsten Moment spürte er Anars Zunge, die ihn eifrig willkommen hieß.
Nun gab es für sie beide kein Halten mehr. Eng umschlungen standen sie da und vergaßen völlig ihre Umgebung. Am liebsten hätte Woran seiner Crew jedoch Bescheid gesagt, dass sie noch nicht von Bord gehen wollten. Dann hätte er sich mit Anar wieder ins Bett kuscheln können, und sie hätten sich geliebt, richtig geliebt, ohne so vorsichtig zu sein wie in der vergangenen Nacht. Er war jedoch Realist genug, um einzusehen, dass so etwas nicht ging. Deshalb riss er sich zusammen und beendete den Kuss. „Das dürfte genügen.“ „Das nennst du ein Küsschen?“ Anar versuchte zu lächeln.
„Aber es ist schon okay. Ich werde mich wenigstens immer daran erinnern.“ Als sie wenig später in der königlichen Limousine saß und ins Tal hinunter blickte, staunte sie, wie sehr Tomar gewachsen war. In der Abenddämmerung bot die Stadt einen atemberaubenden Anblick.
Der alte Palast bildete immer noch das Zentrum der Altstadt. Aber am Horizont ragten nun riesige moderne Gebäude mit Glasfassaden und Bürotürme in den blauvioletten Himmel. Anar hatte das Fenster geöffnet, so dass die frische Abendbrise der Wüste ihr ins Gesicht wehte. Falls sie gehofft hatte, dass sie damit auch ihr Kopf frei wurde von den Eindrücken der letzten zwanzig Stunden, so irrte sie sich. Es war ihr, als spürte sie noch immer Worans Hände auf ihrer Haut und seinen Mund auf ihren Lippen. Als der Chauffeur die Limousine in der Kurve ein Schlagloch übersah, stieß Anar gegen Worans Schulter. Sie wehrte sich nicht dagegen, sondern ließ sich einfach fallen, um ihm wenigstens für einen Moment nahe zu sein. Er reagierte jedoch nicht darauf, nahm noch nicht einmal ihre Hand, sondern starrte nur stumm aus dem Fenster. Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass er auf Distanz geht, dachte sie, je früher desto besser. So war es vereinbart. Es enttäuschte sie dennoch. Ich bedeute ihm gar nichts, wahrscheinlich hat er sich nur die Zeit mit mir vertrieben, ging es ihr durch den Kopf. Aber mehr als ein Zeivertreib hatte sie ja auch nicht für ihn sein wollen. Sie musste sich dringend mit anderen Dingen beschäftigen. Morgen früh muss ich meine Mutter anrufen“, bemerkte sie sie zu Woran. Vielleicht könntest du mich daran erinnern, falls ich es in der Aufregung vergesse.“ „Deine Mutter ist schon benachrichtigt. „Du hast mit ihr telefoniert?“, fragte Anar erstaunt.
Ich habe meinen Sekretär gebeten, sie von London aus anzurufen, damit sie Bescheid weiß und sich keine Sorgen um dich macht.“ „Meinst du nicht, es wäre besser gewesen, wenn ich es ihr selbst gesagt hätte?“ Zum ersten Mal sah Woran sie wieder direkt an. „Ich dachte, es sei besser, wenn es ihr jemand anders mitteilt.“ „Was hat dein Sekretär ihr dann erzählt?“ „Das ich mit dir nach Dubai fliege und du deinen Vater besuchst mehr nicht. Er hat nicht persönlich mit ihr gesprochen, sondern mit einer Manu. Sie wollte es deiner Mutter ausrichten.“
Manu ist das Dienstmädchen. Sie ist ziemlich einfältig. Sie war sicher ganz bestimmt aus dem Häuschen bei diesem Anruf“, erklärte Anar. „Ich hätte lieber selbst mit meiner Mutter geredet.“
Kannst du ja auch morgen früh machen.“
Das hatte Anar nun nicht mehr vor. Jetzt da ihre Mutter es wusste, war es vermutlich besser, sie wartete ein paar Tage, bis sie sich beruhigt hatte. Nach einer Weile passierte der Wagen die Palasttore und hielt im Innenhof. Anar konnte nicht schnell genug aussteigen.
Auch jetzt bestand sie darauf, ihre Reisetasche selbst zu tragen. Zwei livriete Männer, die als Wachen fungierten, öffneten ihnen die schwere Flügeltür zum Foyer. Anar staunte über die Pracht, obwohl sie das Innere des Palastes aus ihrer Kindheit kannte. Den Boden bedeckten nachtblauen Fliesen mit einer umlaufenden weißen Kante, die Wände waren wüstengelb, und über allem wölbte sich eine Decke mit einem Mosaik in Weiß und Gold. Drei großzügige Treppenaufgänge aus weißem Mamor führten zu den Gemächern im ersten Stock. Auf der Haupttreppe stand eine zierliche Frau in schlichtem Schwarz mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen. „Willkommen, Anar, meine Kleine!“ Anar erkannte ihre ehemalige Nanny auf den ersten Blick und ließ sich von ihr in die Arme schließen. „Wie schön dich zu sehen, Yada. Was machst du hier im Palast?“ Weißt du, dein Vater hat viel Personal entlassen, nachdem deine Mutter mit dir fortging.“ Yada begrüßte Woran mit einem tiefen Kopfnicken. „Die königliche Familie war so gütig, mich als Hausdame einzustellen. Die Position ist sehr interessant, obwohl mir nicht viel zu tun bleibt, weil es Personal für alles gibt.“
Sie ist viel zu bescheiden“, warf Woran ein. „Dieser Haushalt würde zusammenbrechen, wenn sie nicht so perfekt für alles sorgen würde.“ „Was sollte ich sonst machen, wo es hier keine Babys mehr gibt?“ Anar lächelte. „Du warst eine gute, wunderbare Nanny, und ich habe es dir ganz bestimmt nicht leicht gemacht.“
Wir sind jedoch, immer gut miteinander ausgekommen, Anar.“ Yada schaute kurz Woran an und senkte den Blick. „Verzeih mir. Ich sollte dich Prinzessin Yanor nennen, jetzt wo du erwachsen bist.“ Anar stutzte, im nächsten Moment lachte sie laut los. „Nein, ich bin keine Prinzessin, ich bin die Göre, die sich bei dir in der Küche herumgedrückt und Süßes genascht hat.“ „Yada hat schon Recht“, erklärte Woran. „Du bist hier eine Prinzessin.“ „Meinetwegen.“ Anar wandte sich wieder an Yada. „Wie geht es meinem Vater?“ „Er wartet schon ganz aufgeregt auf sein Töchterchen, wollte nicht eine Stunde schlafen, ohne dich begrüßt zu haben.“ Anar sehnte sich ja so sehr, ihren Vater zu sehen. Dennoch wollte sie nicht rücksichtslos gegenüber einem Kranken sein. „Schläft er wirklich noch nicht?“ Yada schüttelte den Kopf. „Du kannst dich jedoch, gleich selbst davon überzeugen.“ „Ich werde dich begleiten“, schlug Woran vor. Sie gingen die breite Treppe zu den oberen Gemächern hinauf. Als sie sich der Suite von Anars Vater näherten, blieb Woran stehen. „Wenn er dich über den Flug ausfragt, erzählst du lieber nicht viel.“ „Ich verstehe schon“, erwiderte Anar. Es wird sowieso nur ein kurzer Besuch.“ „Da bin ich mir nicht so sicher. Schließlich hat er dich lange nicht gesehen.“ „Ich freue mich, ihn wiederzusehen, Woran. Du brauchst wirklich nicht mitzukommen.“ „Ich möchte auch wissen, wie es ihm geht.“ Anar bekam es auf einmal mit der Angst zu tun. „Verheimlichst du mir etwas, Woran? Steht es schlimm um meinen Vater?“ „Nein, es ist nicht so ernst“, beruhigte er sie. „Es geht mir mehr um dich.“ Sie musterte ihn entrüstet....