Unter Geschwistern
Sophie griff zum Telefon und wählte. Am anderen Ende meldete sich eine fröhliche Stimme, die ihrem Bruder Sebastian gehörte.
»Schwesterherz! Wo steckst du? Was machen die Jungs?«
»Ich bin in Bonn, Sweetie. Den Rabauken geht es gut.«
»Bonn? Was machst du denn da?«, wollte ihr Bruder erstaunt wissen. »Gib mir eine Minute, dann bin ich bei Malte angekommen und kann ranfahren. … So, jetzt geht es besser. Auf dem Konto in Flensburg habe ich schon genug Punkte.«
Das war für Sophie eine gute Nachricht, sie wusste, wie wichtig Malte und seine Familie für ihren flippigen kleinen Bruder waren.
»Bist du allein? Oder ist …?«, fragte sie vorsichtig.
»Ja, ich bin allein im Auto.«
»Sebastian, ich muss dir was sagen. Es fällt mir nicht leicht, aber es muss sein.«
»Hey, was bist du denn so ernst? Hat Vater dir wieder eine Predigt gehalten und dich zur Umkehr bewegen wollen?«, grinste er und imitierte seinen Vater mit düsterer Stimme. »Ewig wird brennen deine Seele in den finstersten Abgründen der Hölle unter Qualen, so du nicht wandelst auf den Wegen des Herrn. Tue Abbitte und Buße für deine Sünden.«
Sie erzählte ihrem Bruder von ihrer Krankheit und dass es keine Aussicht auf Heilung gäbe. Außerdem informierte sie ihn darüber, dass seine beiden Neffen voraussichtlich bei ihrem Vater aufwachsen würden, der von seiner Vaterschaft bisher nichts gewusst hatte.
»Sophie, sag, dass das nicht wahr ist! Bitte sag mir, dass das ein ganz schlechter Scherz ist. Dann vergessen wir das Ganze einfach«, bat Sebastian verzweifelt. »Heutzutage kann man doch fast alles heilen. Da gibt es doch Chemotherapien und man kann operieren und Knochenmark spenden und was weiß ich nicht alles. Man muss doch an so einer Sache nicht sterben.«
»Sweetie, das ist kein Scherz. Ich habe Krebs, und zwar einen richtig fiesen Krebs, für den es keine Heilung gibt«, sagte sie und fühlte die Verzweiflung in der vibrierenden Stimme ihres kleinen Bruders.
»Und wie lange hast du noch? Man sieht doch überhaupt nichts. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, da warst du doch ganz gesund! Wie kann das denn sein?«
»Basti, es ist nicht mehr lange. Noch ein halbes Jahr, vielleicht etwas länger«, zwang sie sich mit beherrschter Stimme zu antworten.
»Oh Mann«, flüsterte ihr Bruder traurig und geschockt. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
»Wenn du kannst, komm her. Ich würde dich gern sehen«, bat sie ihren Bruder mit brüchiger Stimme. Und in Gedanken fügte siesolange es noch geht hinzu.
Ihr Bruder schniefte: »Wann soll ich kommen? Sagst du es Mama und Papa? Oder soll ich?«
»Nein, ich rufe sie gleich an. Ich gebe dir Bescheid, wenn ich mich mit den Kindern bei Jan und Elias eingerichtet habe. Wir sehen uns, Sweetie! Ich habe dich lieb«, beendete sie das Gespräch, als sie fühlte, dass ihr die Stimme versagen würde. Ihr kleiner Bruder und ihre beiden Jungs, das war für sie das Wichtigste, was es gab.
Sebastian blieb im Auto sitzen und dann öffneten sich die Schleusen, er weinte hemmungslos. Sein Kopf sank aufs Lenkrad. Plötzlich wurde die Tür seines Autos aufgerissen und eine besorgte Stimme fragte, was denn bloß los sei. Sie gehörte seinem besten Freund, der Sebastians Tränen nicht bremsen konnte und nichts aus ihm herausbekam. Malte lief zurück ins Haus und holte seine Eltern.
Seine Mutter kam als Erste, dann sein Vater, beide brachten den weinenden Sebastian schließlich dazu, auszusteigen und mit ins Haus zu kommen. Dort beruhigte er sich so weit, dass er von dem Anruf seiner Schwester und ihrer schweren Erkrankung erzählen konnte.
»Sophie stirbt an Krebs, an einem ekligen Krebs und sie sagt, dass man nichts mehr machen kann«, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme. »Die Ärzte haben ihr gesagt, dass es überhaupt keine Hoffnung mehr gibt!«
Sein Freund und dessen Eltern schwiegen betroffen und versuchten, Sebastian so weit wie möglich zu trösten. Die Schwester des Jungen war einer der wenigen Aktivpunkte in der Familie Harrach und sie wussten, dass Sebastian seine Schwester heiß und innig liebte. Sein Freund nahm ihn in den Arm und ließ ihn weinen, bis er den ersten Kummer überwunden hatte und ihn verlegen anblinzelte.
»Tschulligung«, krächzte Sebastian etwas heiser.
»Schon ok, Basti, nicht dafür. Es tut mir so leid. Wissen deine Eltern schon Bescheid?«, fragte Malte mitfühlend.
Sebastian schüttelte den Kopf. »Sie will es ihnen selbst sagen.«
»Wann fährst du zu ihr?«
»Wohl ziemlich bald.« Erneut kamen ihm die Tränen und Malte versuchte weiter, seinen besten Freund zu trösten.
Währenddessen führte Sophie ein Gespräch mit ihren Eltern, das erheblich unfreundlicher verlief. Ihre Mutter war erschüttert und traurig, aber ihr Vater reagierte sehr kühl. Als er hörte, dass seine Enkel bei dem schwulen Vater und dessen Lebensgefährten aufwachsen würden, explodierte er und brüllte los.
»Ich dulde nicht, dass meine Enkel von Perversen aufgezogen werden. Es ist schon schlimm genug, dass sie unehelich sind. Aber sie in die Hände von einem charakterlosen Schwanzlutscher und seinem marokkanischen Stricher zu geben, da wären sie in einem Heim besser untergebracht. Sollen daraus drogenabhängige Kriminelle werden?«
Sophie kam fast nicht zu Wort, die Tiraden ihres Familienoberhauptes ließen ihr kaum Luft. Es war nicht die erste Auseinandersetzung, die sie mit ihrem engstirnigen, christlich-fundamentalistisch geprägten Vater führte. Aber dann brachte er etwas, dass es ihr die Sprache verschlug.
»Deine Krankheit ist Gottes Strafe für deinen unmoralischen Lebenswandel. Er schickt dir den Krebs als letzte Warnung.«
»Letzte Warnung vor was? Dass ich eine Familie habe, die dem