1: Das Erbe der Cura: Pflege und Sorge
»Heilen ist meist eine traditionelle Art und Weise,
Menschen zu pflegen und zu trösten, während sie genesen.«
(Ivan Illich)9
Die Geschichte der Cura
Unser Leben und Sein sind wesentlich mit Sorge verbunden.10Sorge bedeutet aber keineswegs nur etwas Negatives im Sinne von:besorgt seinodersich Sorgen um etwas machen. Wir können auchfür etwas sorgen,etwas besorgen, jemanden versorgenund sogarvorsorgen. Leben bedarf ständig bestimmter Besorgungen sowie der Für- und Vorsorge. Menschen sorgen indes nicht nur für sich selbst und ihre unmittelbaren Nachkommen. Sie kümmern sich auch um die Gemeinschaft, in der sie leben. Und als Teil der Biosphäre sorgen sie für ihre Mitwelt.11Zu dieser Mitwelt gehören nicht nur die Mitmenschen sowie das soziale und kulturelle Umfeld, sondern die gesamte Natur einschließlich all ihrer Lebewesen (Tiere und Pflanzen) sowie die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Menschen betreiben in dieser Mitwelt Ackerbau und Tierhaltung – sie sammeln und ernten, was Mutter Erde freigibt. Solange sie klug sind, sorgen sie für ein Gleichgewicht, sodass alles zusammenhält.
Allein und auf sich gestellt sind die Herausforderungen des Daseins für den Einzelnen nur mit Mühe oder gar nicht zu bewältigen. Menschen leben daher in Gemeinschaften. Diese sind aber nur dann überlebensfähig, wenn sie – so der Philosoph und Kulturkritiker Ivan Illich – einen »brauchbaren Verhaltenskodex bieten«, der an die Herausforderungen des Zusammenlebens angepasst ist.12Sorge und Pflege spielen in dieser Hinsicht eine grundlegende Rolle. Es gehört zu unseren Wesensmerkmalen, dass wir Schwache und Hilfsbedürftige pflegen und für ihre Belange Sorge tragen. Es verwundert daher nicht, dass dieses Merkmal des menschlichen Daseins und Miteinanders bereits in der römischen Mythologie in einer Fabel über die Schöpfung des Menschen zum Ausdruck kommt. In dieser Fabel geht es um eine allegorische Gottheit, die Sorge und Pflege symbolisiert.13
Es war einmal eine Göttin, die den Namen Cura trug. Eines Tages saß Cura sinnend am Ufer eines Flusses. Sie betrachtete die sanften Wellen und sah etwas im Wasser. Sie griff danach und hielt ein Stück lehmhaltige Erde in ihren Händen. Sofort begann sie damit zu spielen und sie zu formen. Ihre geschickten Hände ließen bald eine schöne Figur entstehen. Diese zog auch die Aufmerksamkeit von Jupiter, dem Göttervater, auf sich. Er bemerkte, was Cura da erschaffen hatte und fand Gefallen an der Figur. Cura bat nun Jupiter, der von ihr aus einem Stück Lehm geformten Figur Geist einzuhauchen. Und Jupiter erfüllte ihren Wunsch. Als Cura nun dem neuen Wesen einen Namen geben wollte, verwehrte Jupiter ihr dies jedoch.14Er selbst beanspruchte das Privileg, dem neuen Wesen einen Namen zu geben. Er hatte ihm doch Geist eingehaucht und es damit zum Leben erweckt. Ein Streit entbrannte zwischen den beiden Göttern, der wiederum die Aufmerksamkeit von Tellus, der Erdgöttin, erregte. Sie trat hinzu und erklärte, dass nur ihr das Recht zustehe, dem Wesen einen Namen zu geben. Denn Cura habe es zwar geformt, und Jupiter habe ihm Geist eingehaucht. Da es aber aus Lehm geschaffen wurde, sei es ein Teil von ihr, das heißt von Tellus. Ein Wesen aus dem Schoße von Mutter Erde.
Die drei Götter stritten nicht lange, sondern einigten sich auf Saturn als Richter. Saturn, der Gott der Zeit, fällte nach Prüfung aller Sachverhalte eine kluge und gerechte Entscheidung, d