Bull und Cuckold
Der altertümliche Aufzug in dem typischen Wiener Gründerzeithaus quietschte und ächzte, als er sichzwischen seinen beiden mächtigen eisernen Schienen emporhob, die bis zur Decke desStiegenhauses reichten. Zwischen demgrün gestrichenenTreppengeländer, dassich spiralförmig um das Aufzuggestänge wand, und dem Mechanismus befand sich lediglich ein Käfig aus dünnemgrün gestrichenenMaschendraht, der langsam an der vorderen Öffnung des Fahrkorbes vorbeizog, unterbrochen vonverschnörkelten schmiedeeisernen Türen an den Plateaus der Stockwerke.
Bernhard F. dämpfte seine Zigarette im Aschenbecher aus und blickte in den großen Spiegel an der Hinterwand der Kabine. Nein, er konnte sich nicht beklagen, mit seinen 48 sah er noch sehr gut aus, über seinem markanten Gesicht mit seinen braunen Augen wölbte sich eine hohe Stirn, sein immer noch volles dunkles Haar zeigte an den Schläfen erst Ansätze zu einem dezenten Grau, das ihn – zumindest nach der unverminderten Gunst seiner Gespielinnen zu schließen – einen gewissen attraktiven Charme der Reife gab. Natürlich: Seine gesellschaftliche Stellung, sein Vermögen und sein Einfluss in derlokalen Theaterszene schadeten seinem Erfolg bei den Damen sicher auch nicht. Doch Bernhard war mit sich und der Welt zufrieden, besonders in Erwartung dessen, was der Abend mit Bettina B, einer gefeierten Schauspielerinan einem der führenden Häuser der Stadt, noch bringen sollte.
Bernhard drehte sich also um und stieß dieschwarz gestrichene Türe des Aufzuges auf, der mittlerweile im ersten Stock gehalten hatte. Eigentlich war es nach konventioneller Zählweise der dritte Stock, doch nach der traditionellen WienerBezeichnung lagen zwischen Parterre und erstem Stock noch ein Hochparterre und ein Mezzanin.Mit einer schwungvollen Bewegungwarfer die Schachttüre wiederin ihr Schloss und drückte die „Senden“-Taste, die den Fahrstuhl zurück ins Parterre beordern würde. Er holte noch einmal tief Luft, bevor er den Drehknopf an einer zweiflügeligen, rotbraun gestrichenen Wohnungstüre betätigte, der eine erstaunlich laute mechanische Klingel antrieb.Er musste nicht lange warten.
Ein Herrähnlichen Alters wie er selbstöffnete Bernhard die Türe.Er trug einentadellos sitzendem Frack, aber mit der schwarzen Schleife, die ihn als Dienstboten auswies. „Guten Abend, der Herr“, grüßte Franz, der in Wirklichkeit der Ehemann der Schauspielerin war, den Besucher. „Guten Abend, Franz“, grüßte Bernhard mit der größten Gelassenheit zurück, zu der er in diesem Augenblick fähig war. Franz, der die Türe hinter Bernhard schloss und damit hinter dieser hervortrat, bot einen außergewöhnlichen Anblick. Er trug zwar Frack und ein passendes Hemd, auch dazu passende schwarze Schuhe, jedoch fe