Kapitel 1
Juli 1950
»Da bist du ja endlich!«, rief Margot, den Kopf mit Dutzenden Lockenwicklern im Haar aus dem Fenster im ersten Stock gestreckt. »Es sind schon alle in heller Aufregung, weil der Ehrengast nicht aufzufinden ist, also beeil dich.«
Eva unterdrückte eine Erwiderung, schob ihr Fahrrad in den Hinterhof und lehnte es an die Hauswand. Sie warf ihren geflochtenen Zopf über die Schulter, der ihr beim Radfahren schon wieder nach vorn gerutscht war. Ihre Mutter hätte es gern gesehen, wenn sie die Frisur ihrer Schwester nachahmte. Sie selbst würde sich die Haare am liebsten nach der neusten Mode bis zu den Schultern kürzen lassen, doch bei der Vorstellung, wie sie mit einer solchen Frisur nach Hause kam, hatte sie das Gezeter ihrer Mutter bereits jetzt in den Ohren. Bei Haaren waren sie sich genauso uneins wie bei Blumen.
Ihr Blick fiel auf das Beet und sie holte tief Luft. Die Blütenpracht war dahin. Wie hatte ihre Mutter bloß die Dahlien abschneiden können? Sie standen bestimmt in der kostbaren Vase auf dem Esstisch. Aber wie schnell waren die Blumen im Haus verblüht.
Bei dem Gedanken an die bevorstehenden Stunden seufzte Eva. Sie freute sich zwar auf ihre Freundin Helga, den Kuchen und die Leichtigkeit am Abend, aber auf die anfängliche Steifheit und die Rede ihres Vaters hatte sie wenig Lust.
Langsam umrundete sie das zweistöckige Haus. Die Blumenkästen auf den Fensterbänken zierten frisch gepflanzte Husarenknöpfchen und Zauberglöckchen in Rot und Gelb. Auf der Straße vor dem Gartenzaun glänzte der Kotflügel des brandneuen Ford Taunus Spezial ihres Vaters in der Sonne. Der Anblick erinnerte Eva immer daran, wie schnell sich ihre finanzielle Lage im letzten Jahr verändert hatte. Von den Trümmern des Krieges war auf ihrem Grundstück nichts mehr zu sehen. Die Fassade erstrahlte in frischem Weiß und die Bretter, die lange Zeit das rechte Fenster im Erdgeschoss verschlossen hatten, waren durch eine Glasscheibe ersetzt worden.
Die Zeiten, in denen ihre Familie Angst haben musste, die britischen Besatzer könnten ihr Haus beschlagnahmen, waren vorbei.
Als Eva durch die Eingangstür trat, stieg ihr der herrliche Duft nach gebratenem Fleisch und Apfelkuchen in die Nase. Ihre Großmutter Ida hatte schon gebacken. Eva hängte die Jacke im dunklen Flur auf, trat in die Küche und gab ihrer Oma einen Kuss auf die Wange. Johanna, das Dienstmädchen, saß auf einem Schemel und schälte Kartoffeln. Das Backwerk stand dampfend auf dem Tisch und verströmte den köstlichen Geruch im ganzen Raum.
»Hätte ich geahnt, dass der Kuchen schon fertig ist, wäre ich früher gekommen«, sagte Eva.
»Hasde mal wieder de Zeit verjesse?« Ihre Oma zwinkerte ihr zu.
»Du kennst mich doch. Ein wundervoller Sonnenaufgang am Rhein und Papier und Stift – mehr brauche ich nicht.«
Ihre Großmutter nickte. »Geh lieber flott nach owe. Din Mam is schon em Schlafzimmer.«
»Dann spute ich mich mal, damit der Löwe nicht zu gefräßig wird.«
»Ich jlaub, dat Raubtier is schon aanjefresse.«
Eva ging die Treppe hoch in den zweiten Stock und legte ihr Tagebuch und den Füller eilig auf der Kommode im Flur ab, bevor sie das Elternschlafzimmer betrat. Ihre Mutter sortierte Garn auf dem Nähmaschinentisch.
»Wo hast du dich wieder rumgetrieben?«, fragte sie und wandte sich zu Eva um. Sie trug ihre kostbaren Perlenohrringe, dazu einen dunkelblauen Faltenrock und eine schwarze Bluse. Wenigstens heute nicht komplett schwarz. Sie hatte die sonntägliche Messe ausnahmsweise ausfallen lassen, und so war auch Eva vom Kirchgang verschont geblieben. Das hatte sie ausnutzen müssen.
»Es ist doch noch Zeit, bis die Gäste kommen.«
Es war erst elf Uhr, ihr Vater hatte für halb eins eingeladen.
»Du musst dich noch frisieren, umkleiden und frisch machen, wenn ich mir deine Hände ansehe.« Ihre Mutter machte ein Gesicht, als hätte sie eine Kakerlake gefunden. Nur ein paar Tintenflecke, kaum der Rede wert. »Und du weißt, wie dein Vater Unpünktlichkeit hasst.«
»Du oder Papa?«, gab Eva zurück und erntete einen vernichtenden Blick. Sie sollte es sich mit ihrer Mutter nicht verscherzen, wenn sie den Tag überstehen wollte, doch manchmal konnte sie nicht an sich halten. Um einem größeren Konflikt aus dem Weg zu gehen, lief sie in die kleine Kammer im Keller, die ihnen als Waschraum diente und in der sich ihre Toilette befand.
Sie wusch sich die Hände und das Gesicht am Waschbecken. Im letzten Jahr hatte ihr Vater eine Dusche installieren lassen, doch am gestrigen Samstag war Badetag gewesen, da wäre es nur unnötige Wasserverschwendung, sich noch mal unter den Brausekopf zu stellen.
Vera kam hereingestürmt, hielt aber inne, als sie Eva bemerkte. Das zehnjährige Mädchen der Familie Preuß, die bei ihnen im Dachgeschoss lebte, sah sie mit großen Augen an.
»Wolltest du zur Toilette?«, fragte Eva.
Vera blickte hektisch über die Schulter und schüttelte den Kopf, wobei ihre Affenschaukeln wippten. Sie hatte die beiden Enden der geflochtenen Zöpfe hoch ins Haargummi gezogen, sodass sich zwei Haarschlaufen gebildet hatten – so wie es bei Mädchen früher Mode gewesen war.
Eva trocknete sich mit dem Handtuch ab. »Geh ruhig hier. Ich bin fertig und steh draußen Schmiere, dass niemand reinkommt.« Sie zwinkerte Vera zu und schloss die Tür hinter sich. Erst vor zwei Tagen hatte sie mitbekommen, wie das Mädchen heimlich ihre Toilette benutzt hatte, anstatt das wackelige Ding am anderen Ende des Kellers, das fast auseinanderzufallen drohte und nur durch einen Vorhang vom restlichen Kellerraum getrennt war.
Vera kam nach kurzer Zeit wieder heraus. »Danke«, flüsterte sie und schlich auf leisen Sohlen nach oben. Die Familie hatte gelernt, sich in diesem Haus unsichtbar zu machen. Ihr Vater begegnete ihnen nur ungern, obwohl er sich Freunden gegenüber damit brüstete, eine fünfköpfige Familie unter dem Dach zu beherbergen. Als ob das eine Besonderheit wäre. In jedem Haus in Düsseldorf lebten mehrere Familien, meist auf wesentlich weniger Platz, als sie zur Verfügung hatten.
Familie Preuß kam aus dem Memelland, hatte dort einen Gutshof mit weiten Ländereien gehabt, doch nach dem Krieg war ihnen nichts davon geblieben. Herr Preuß verdiente den Unterhalt bei verschiedenen Bauunternehmen eher schlecht als recht, sodass ihnen neben der Miete kaum ausreichend Geld für Lebensmittel blieb. Evas Großmutter brachte der Familie immer wieder etwas vom Mittagessen, meist kochte sie heimlich mehr, damit genug übrig blieb.
Eva lief die Treppe hinauf bis ins Obergeschoss und ging in das Zimmer, das sie sich mit ihrer Schwester teilte. Margot saß vor dem Schminktisch und zog ihre Augenbrauen nach.
Ihre Mutter hatte Eva das blaue Kleid, das sie kürzlich genäht hatte, aufs Bett gelegt. Den edlen Seidenstoff hatte ihr Vater organisiert. Das Kleid war hochgeschlossen und für Evas Empfinden viel zu eng am Hals, genau wie an der Hüfte. Der Rock ging ihr bis zu den Knöcheln – überhaupt nicht zeitgemäß. Außerdem drückten beim Sitzen die Knöpfe am Rücken.
Kurz entschlossen nahm sie das luftige, karierte Sommerkleid aus dem Schrank und zog es an. Es reichte bis zur Wade, die gerafften Ärmel konnte sie wahlweise über den Schultern tragen oder ein Stück hinunterziehen, zudem war es in ihrer Lieblingsfarbe Gelb.
Margot drehte sich zu ihr um. »Das wird Mama nicht billigen.« Sie betastete ihre hochtoupierte und gelockte Haarpracht.
Wie auf Befehl kam ihre Mutter hereingerauscht. »Das ziehst du nicht an«, sagte sie zu Eva.
»Hab ich ihr auch schon gesagt.« Margot grinste in den Spiegel und schmierte Make-up auf ihr Muttermal über der Lippe, sodass es nicht mehr zu sehen war.
»Aber es ist viel bequemer und passt besser zu den sommerlichen Temperaturen«, widersprach Eva.
»Soll Gert denken, du willst dich an alle Männer heranmachen?«, fragte ihre Mutter.
»Ich glaube, er würde sich freuen, wenn er mich darin sieht.« Der Ausschnitt erlaubte einen Blick auf ihr Dekolleté, dennoch war es nicht unanständig.
»Keine Widerrede. Ich will nicht, dass man hinter vorgehaltener Hand über meine Töchter tuschelt. Und die ziehst du auch noch an.«...