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»Wusstest du, dass beim Schach schon nach nur einem Zug vierhundert verschiedene Stellungen möglich sind?« Ethan beugt sich vor Begeisterung über den Tisch und kommt dabei seinem Longdrink-Glas gefährlich nah. »Bereits nach nur drei Zügen sind es schon unfassbare neun Millionen Möglichkeiten. Neun Millionen, Liv! Das geht immer so weiter, was in schier unendlichen Positionierungsvarianten resultiert!«
Ich ringe mir ein Lächeln ab und versuche gleichzeitig, ein Gähnen zu unterdrücken, was schwieriger ist, als man meinen könnte. Sehnsüchtig blicke ich aus dem Fenster nach draußen. Wir sind die Einzigen, die im Gastraum des Lobsterville Grill sitzen, das eigentlich mein absolutes Lieblingsrestaurant auf Martha’s Vineyard ist. Alle anderen Gäste – Touristen wie Einheimische – haben sich einen Platz an den Tischen vor dem Restaurant gesucht und beobachten die Menschen, die auf der Harbor Street in Richtung Strand flanieren, oder die Boote, die in den Hafen einfahren. Natürlich würde auch ich lieber draußen sitzen und die wärmenden Strahlen der langsam untergehenden Sonne genießen, aber Ethan hat darauf bestanden, drinnen zu sitzen wegen seines Heuschnupfens, der ihn im Frühsommer offenbar besonders quält.
»Nein, das wusste ich nicht«, erwidere ich und stelle sicherheitshalber sein Glas ein Stück zur Seite, so wie ich es früher immer bei meiner kleinen Schwester Amy gemacht habe.
Sie ist jetzt dreizehn und gestikuliert immer noch sehr temperamentvoll, wenn sie Geschichten erzählt. Amys Erzählungen sind allerdings deutlich interessanter als Ethans. Sie will Astronautin werden und weiß verrückte Dinge, zum Beispiel, dass das Weltall einen ganz eigenen Geruch hat – leicht verbrannt und metallisch, ein bisschen wie Wunderkerzen. Unglaublich, oder? Wer weiß denn so was mit dreizehn? Ich wusste es nicht, zumindest nicht, bevor sie es mir gesagt hat, und ich bin sechsundzwanzig.
Leider scheint Ethan durch mein höflich gemeintes Lächeln weiter angespornt zu werden, denn er fährt fort: »Und wusstest du, dass im Jahr 1125 das klappbare Schachbrett erfunden wurde?«
Ich schüttele den Kopf und schiele unauffällig auf meine Armbanduhr. O Gott. Erst eine halbe Stunde diesesDate-from-Hell ist um, und wir haben nicht mal das Essen bestellt, weil Ethan mit einem Aperitif starten wollte! Wie soll ich das nur den Rest des Abends ertragen?
Ethan und ich haben uns im letzten Jahr zufällig im St. Francis Seal Rescue Center kennengelernt. Damals war ich Doktorandin der Meeresbiologie an der Boston University und habe in den Semesterferien in der Seehundauffangstation gearbeitet. Ethan ist Grundschullehrer in Edgartown, der größten Stadt der Insel, und hat uns damals mit seiner Klasse besucht, um sich mit den Kindern unsere Robben und Seehunde anzusehen.
Ich bin erst seit einer Woche zurück auf der Insel, um für vier weitere Monate in der Station zu