Kapitel 5
John MacGregor wusste, wer er war und wo seine Stärken lagen. Vor Publikum zu sprechen, gehörte definitiv nicht dazu. Er räusperte sich und tippte nervös auf das Mikrofon.
»Guten Tag. Ich bin John MacGregor, wissenschaftlicher Leiter des Hawaiian Volcano Observatory. Danke, dass Sie heute alle gekommen sind.«
Er wandte sich der Karte zu. »Wie Sie wissen, überwacht dieses Observatorium sechs Vulkane: den submarinen Vulkan Kama‘ehuakanaloa, ehemals Lō‘ihi, den Haleakalā auf Maui sowie vier Vulkane auf Big Island, darunter die beiden aktiven Vulkane Kīlauea, ein verhältnismäßig kleiner Vulkan, der seit über vierzig Jahren ununterbrochen aktiv ist, und Mauna Loa, der größte Vulkan der Welt. Letzterer hat 2022 Lava gespuckt, seit 1984 ist es aber zu keinem größeren Ausbruch gekommen.«
Auf der Karte war der Kīlauea als kleiner Krater neben der Forschungsstation zu sehen. Der Mauna Loa dagegen sah aus wie eine riesige Kuppel. Seine Flanken erstreckten sich über die halbe Insel.
Mac holte tief Luft und atmete aus. Das Mikrofon fing das Geräusch ein.
»Ich muss heute bekannt geben«, sagte MacGregor, »dass eine Eruption des Mauna Loa unmittelbar bevorsteht.«
Die Fotografen sorgten für ein Blitzlichtgewitter. MacGregor blinzelte die weißen Punkte vor seinen Augen weg, räusperte sich abermals und fuhr fort. Wahrscheinlich hatte er sich nur eingebildet, dass die Lampen der Fernsehteams gerade heller geworden waren.
»Wir rechnen mit einer ziemlich großen Eruption«, sagte er, »und wir erwarten sie innerhalb der nächsten zwei Wochen.«
Er hob die Hand, um die Fragen abzuwehren, mit denen er im selben Moment bombardiert wurde. Er drehte sich zu Jenny, die die seismischen Daten an einem Ständer zu seiner Linken aufhängte. Die Abbildung, auf der die Epizentren sämtlicher Erdbeben auf der Insel im Lauf des vergangenen Jahres markiert waren, zeigte dunkle Häufungen in der Umgebung des Gipfels.
»Gemäß der von uns gesammelten und analysierten Daten wird die erwartete Eruption höchstwahrscheinlich bei der Gipfelcaldera erfolgen«, fuhr MacGregor fort, »was bedeutet, dass für die Stadt Hilo aller Voraussicht nach keine Gefahr besteht. Und jetzt beantworte ich gern Ihre Fragen.«
Hände gingen hoch. Mac gab nicht oft größere Pressekonferenzen, aber er kannte die Spielregeln. Eine davon lautete, dass die Lokalnachrichten immer die erste Frage stellen durften.
Er deutete auf Marsha Keilani, die Reporterin vonKHON News in Hilo. »Mac, Sie sprachen von einer ›ziemlich großen Eruption‹. Wie groß genau?« Sie lächelte. »Ich frage für einen Freund.«
»Wir rechnen damit, dass sie mindestens so groß sein wird wie die Eruption 1984. Damals wurden in drei Wochen eine halbe Milliarde Kubikmeter Lava ausgestoßen, die mehr als vierzigtausend Quadratkilometer bedeckten«, sagte er. »Tatsächlich könnte die erwartete Eruption sogar noch deutlich größer sein, vielleicht so groß wie die Eruption 1950. Wir wissen es im Moment einfach noch nicht.«
»Aber Sie haben offenbar eine Vermutung, was den Zeitpunkt anbelangt, sonst wären wir doch nicht hier«, stellte sie fest. »Sprechen wir von zwei Wochen? Oder von früher?«
»Möglicherweise früher, ja. Wir haben sämtliche Daten durchforstet, aber es gibt bislang noch keine Möglichkeit, um den Zeitpunkt einer Eruption exakt vorherzusagen.« Er zuckte mit den Schultern. »Wir sind einfach nicht sicher.«
Keo Hokulani vomHonolulu Star-Advertiser war der Nächste. »Dr. MacGregor, warum drücken Sie sich so vage aus? Sie verfügen über zahllose hoch entwickelte Messgeräte. Sie müssen doch genauere Angaben machen können, was das Ausmaß und den Zeitpunkt anbetrifft!« Keo wusste Bescheid, da er ein paar Monate zuvor eine Führung durch dasHVO bekommen hatte. Dabei hatte er