: Jessica Amankona
: Das Vermächtnis von Murano Roman – Das bewegende Familienepos, so schillernd und farbenfroh wie das berühmte Muranoglas aus Venedig
: Heyne Verlag
: 9783641298975
: Die Murano-Saga
: 1
: CHF 8.90
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: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wo Träume aus Feuer und Sand entstehen

Murano, 1893: Eine gute Partie zu machen interessiert Orietta Volpato wenig. Als rebellische Tochter einer venezianischen Glasbläserfamilie träumt die Zwanzigjährige vielmehr davon, eines Tages den Betrieb der Familie zu übernehmen. Ihr großes Idol ist die einflussreiche Salondame Sibilla Veridiani. Orietta tut alles dafür, eine der heißbegehrten Eintrittskarten zum Maskenball der Veridiani anlässlich des Karnevals zu ergattern. Kurz bevor sie ihrem schillernden Traum ganz nah ist, trifft sie bei einer Gondelfahrt auf einen mysteriösen Fremden, der ihr Herz ungewohnt höherschlagen lässt. Doch dann verspielen ihre Brüder die Manufaktur, und Orietta ist die Einzige, die das Erbe ihrer Familie jetzt noch retten kann. Trifft sie die falsche Entscheidung, könnte nicht nur ihr Leben in tausend Scherben zerspringen.

Jessica Amankona wurde 1987 in Osnabrück geboren, und wuchs in einem Frauenhaushalt mit vier Schwestern und ihrer Mutter auf. An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studierte sie spanische und französische Philologie. Neben dem Schreiben führt sie auf Instagram einen wachsenden Buch-Blog und wenn sie nicht gerade selbst fiktive Welten erschafft, träumt sie sich gerne in ferne Zeiten oder Länder. Für ihren Debütroman »Das Vermächtnis von Murano« hat sie akribisch recherchiert, und ist selbst auf den Spuren der Glasbläser durch die Gassen Venedigs gestreift.

Kapitel 1


Mein Liebster …

O du mein Geliebter …

Verehrter Francesco …

Sie wusste nicht einmal, wie sie beginnen sollte. Enerviert ließ Orietta den Kopf auf die Tischplatte sinken. Mit fünf kleinen Schubladenkästchen, einem verschließbaren Rollo und vier schlanken Holzbeinen sah ihr Sekretär aus wie ein kleines Klavier aus Nussbaumholz, und das dumpfe Pochen, das bei der Berührung mit Oriettas Stirn entstand, erfüllte sie beinahe mit demselben Unmut, wie es der Zusammenklang vieler gleichzeitig falsch angeschlagener Tasten getan hätte. Die Angst, den Brief nicht mehr rechtzeitig fertig zu bekommen, ließ ihre Ohren heiß werden.

Doch sie war ja selbst schuld.

Tagsüber hatte die Arbeit in der Glaswerkstatt Vorrang. Heute etwa hatte sie den Transport eines Kronleuchters aus changierendem Muranoglas von der Glashütte der Familie Volpato zum Palazzo eines noblen Kunden im Sestiere San Polo, Calle del Paradiso, begleitet. Eine halbe Stunde lang hatte sie zitternd neben der Fracht auf der kalten Bank eines Vaporettos gekauert, doch das Verfahren, das dem Leuchter in einem riesigen, mit Wasser gefüllten Fass die risikoarme Fahrt durch das enge innerstädtische Kanalgeflecht ermöglichte – und das ihrem Einfall zu verdanken war –, hatte sich auch dieses Mal wieder bewährt. Anders als in einem mit Watte gepolsterten Karton konnte der achtarmige Leuchter auf diese Weise weich in seiner Verpackung treiben, statt auf einem sperrigen Lastenwagen über das Pflaster zu holpern. Abends wiederum wanderte sie – manchmal sogar noch in ihren Träumen – die deckenhohen Regale und Vitrinen ab, die beim kleinsten Lichteinfall eine funkelnde Schatzhöhle aus dem Warenlager machten. Wann sollte sie also Zeit haben, irgendwelche Gefühle zu Papier zu bringen?

Zur Unterstützung rief sich Orietta nun ihre Schilderungen aus den vorherigen Briefen ins Gedächtnis, und schon bald kratzte die Feder wieder über das Papier. Zunächst zaghaft, dann immer entschlossener füllte sie zwei Seiten mit ihrer verschnörkelten Handschrift. Gerade hatte sie den Abschiedsgruß unter das Ende gesetzt, als ein kurzer Blick auf die Wanduhr sie daran erinnerte, endlich zusammenzupacken und nach unten zu gehen. Sie fixierte die eingerollten Seiten mit einer rosafarbenen Satinschleife, dann gab sie einen Pumpstoß Rosenduft in die Luft und schwang den Brief hindurch. Bereits aus dem Zimmer geeilt, kehrte sie noch einmal zu ihrem Schreibtisch zurück und parfümierte auch ihr geflochtenes dunkles Haar, das wenigstens duften sollte, wenn es schon so zerrauft von ihrem Kopf abstand. Ihr letzter Griff ging zum Wintermantel, den sie sich auf der Treppe überzerrte, während sie nach unten lief und aus der Ladentür schlüpfte. Die eine Hand noch am Knauf, schoss die andere bereits hoch an das dort schaukelnde Windspiel. Kein Geräusch der Welt war für Orietta so sehr verknüpft mit ihrem Leben und ihrer Familie, denn seit sie sich erinnern konnte, erklang tagsüber die sanfte Melodie der mundgeblasenen Glastropfen, wenn Kunden eintraten. Jetzt in der Nacht jedoch hätte der glockenhelle Klang der gesamten Nachbarschaft ihren heimlichen Ausflug verkündet, also hielt Orietta das kühle, bunt schillernde Glas behutsam fest. Während das Windspiel längst zur Ruhe gekommen war, hämmerte Oriettas Herz noch immer in ihrer Brust.

Sie betrat die schmale Gasse zwischen dem Nebengebäude und dem Glaswarenladen ihrer Eltern, wo sich in den oberen beiden Geschossen die Wohnung und unten die Ladenfläche befand. Schnellen Schrittes ließ sie das Schaufenster mit der Markise und dem »Geschlossen«-Schild hinter sich, den Schriftzug, der in großen Lettern über dem Eingang auf der rot getünchten Wand angebracht war und allen Passanten und Besuchern mitteilte, wer hier Unikate aus Glas zum Verkauf anbot: die Vetreria Volpato.

Vom Ufer des Hauptkanals aus, der wie eine Lebensader die Insel durchzog, fiel ihr schwaches Lich