Prolog
Scarborough, November 1895
Der Sturm hatte nachgelassen. Noch immer brachen sich die schäumenden Wellen an der Mauer der Foreshore Road und spritzten wie jäh aufsteigende Geiser fauchend vor Venetia in die Höhe. Doch das war nur ein schwacher Abklatsch, verglichen mit der gewaltigen Sturzflut, die kaum ein paar Stunden zuvor über den nordenglischen Badeort hereingebrochen war. Das Meer war ein einziges aufgewühltes, schneeig weißes Gebirge gewesen, das ständig seine Form veränderte, ein brüllendes, tosendes Ungeheuer, das selbst für die Jahreszeit, zu der Herbststürme nicht selten waren, mit ungewöhnlicher Gewalt gewütet hatte.
Venetia trat einige Schritte von dem eisernen Geländer zurück, das die Straße säumte, um dem aufsprühenden Tropfenregen zu entgehen, den der Wind gegen die Küste blies. Sie schmeckte das salzige Wasser auf den Lippen und bemerkte, dass sie schneller atmete. Die starken Böen schienen ihr die Luft vom Mund wegzureißen, bevor sie sie inhalieren konnte. Doch sie dachte nicht daran, sich in die warmen und trockenen Wände der kleinen Pension zurückzuziehen, in der sie mit ihrer Mutter abgestiegen war. Um der bedrückenden Atmosphäre dort zu entfliehen, war sie trotzig in die Nachwehen des Sturms hinausgegangen. Und obwohl Venetia rasch festgestellt hatte, dass ihr Regenschirm bei dem starken Wind nutzlos war, hatte sie ihren Weg am Hafen entlang fortgesetzt, war am Fischmarkt vorbeigegangen, wo die Händler ihre Buden mit Brettern vernagelt hatten, und der Foreshore Road Richtung Kurbad gefolgt, um sich von dem erhöht gelegenen Aussichtspunkt das beeindruckende Wogen der Wellen anzusehen. Im Sommer bei Sonnenschein funkelte das Meer wie Geschmeide auf blaugrünem Grund, im Herbst und Winter war es von einem düsteren Bleigrau. An diesem Tag erschienen die Wellentäler unter ihren schneeigen Kämmen jedoch tiefschwarz, noch dunkler als die Wolkenberge über ihnen.
Venetia genoss das ungemütliche, trübe Wetter. Es spiegelte ihre momentane Stimmung wider, die zwischen Wut und Enttäuschung schwankte. Als einzelnes Mädchen, das mit drei Brüdern aufgewachsen war, hatte sie sich früh daran gewöhnen müssen, zurückzustehen. Während ihr Vater George, Lawrence und Ned schon in jungen Jahren ins Theater und Varieté mitgenommen hatte, obwohl sie wenig Wert darauf legten, war es Venetia erst anlässlich ihres achtzehnten Geburtstags das erste Mal gestattet gewesen, ein Bühnenstück von Shakespeare zu sehen. Ihre Brüder hatten von klein auf die Schule besucht, doch Venetia war bis zu ihrem elften Lebensjahr von ihrer Mutter zu Hause unterrichtet worden. Damals hatte ihr das nichts ausgemacht, auch wenn der Lehrstoff ein wenig einseitig gewesen war. Mama hatte ein Talent für das Erlernen von Sprachen. Und da sie in ihrer Jugend einige Zeit als Kammerzofe bei einer wohlhabenden Dame gearbeitet hatte, die die Winter in Südfrankreich verbrachte, sprach Margaret Grey fließend Französisch sowie ein wenig Italienisch und Latein. Überdies besaß sie eine künstlerische Ader und war eine begabte Zeichnerin. Rechnen lag Mama dagegen gar nicht, und so waren Venetias Kenntnisse in Arithmetik eher begrenzt gewesen, als sie endlich eine Schule besuchen durfte. Zum Glück hatte ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Ned ihr das Rechnen beigebracht, wofür er eine besondere Begabung besaß. Eigentlich hatte Venetia sich trotz ihrer behüteten Kindheit nicht sonderlich gegr