3. Kapitel
Als Margarete noch Anikó war, träumte sie von einer Hochzeit in der kleinen Feldsteinkirche, vor dem hölzernen Altar und dem Triptychon, das Maria und die Heiligen zeigt. Unter deren sanftmütigen Blicken wurden seit jeher alle Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen der Szájers gefeiert. Es sollte eine Hochzeit in Tracht sein, mit Gottes Segen und einem rauschenden Fest. Tagelang würden die Vorbereitungen andauern, das ganze Dorf war eingeladen, sie würden all die alten Bräuche zelebrieren, um Mitternacht gäbe es Wirscht und Sulz, die Kapelle würde »Schön ist die Jugend« spielen, und es würde getanzt bis zum Morgengrauen.
Doch nun reicht es nicht einmal mehr für eine Verlobung, schnellstmöglich muss die Trauung vollzogen werden, bevor sich Margaretes Bauch verräterisch wölbt. Sie versucht, es mit Fassung zu nehmen, sagt sich, dass Verlobungen aus der Mode kommen. Eine Mitgift hätte sie ohnehin nicht zu erwarten, bei ihren Eltern reicht das Geld kaum fürs Nötigste. Und sie darf nicht vermessen sein. Lenz heiratet sie, das ist erst mal alles, worauf es ankommt. Selbst dass er Protestant ist, gerät zur Nebensache.
Es ist ein gewöhnlicher Dienstag im Februar, der Himmel trägt ein wässriges Grau, hinter dem sich die Vormittagssonne nur erahnen lässt. Passanten in dicken Mänteln eilen vorbei, nur schnell ins Warme, die feuchte Kälte zieht in die Knochen.
Es ist vereinbart, dass sich die kleine Hochzeitsgesellschaft direkt vor dem neu gebauten Behördenhaus trifft, in dem auch das Standesamt untergebracht ist. Sechs Etagen Beton, zwei Nuancen dunkler als der Himmel, reihenweise Fenster. Davor ein gut besuchter Parkplatz, ausgebreitet wie ein bunter Flickenteppich.
Wo bleibt er nur? Margarete sieht sich um, ihr Herz ist ein Klumpen aus Furcht. Er wird sie doch nicht im letzten Moment sitzen lassen? Auch ihre Eltern sind stumm und zittrig vor Aufregung, nur ihre Tracht hält sie zusammen. Sie tragen ihre schönsten Sachen, der Vater den dunklen Doppelreiher, an dessen Saum er ohne Unterlass nestelt. Die Mutter den Rock aus festem dunkelblauem Stoff mit weißem Muster, der weit und ausladend schwingt. Das dicke schwarze Kopftuch. Über der Bluse ein weiteres Tuch, über dem Rock eine Schürze. Diese vielen Schichten dunkler Stoff, acht Meter sind nötig für die Röcke, und immer diese Tücher, niemand trägt hier noch Tücher.
Margarete ist der Aufzug ihrer Eltern peinlich. Sie hätte mit ihnen besprechen sollen, was sie anziehen. Doch als sie von zu Hause aufbrachen, war es zu spät, ihre Garderobe noch zu ändern.
Sie selbst hat sich für ein schlichtes beigefarbenes Kostüm mit Hahnentrittmuster entschieden, das ihrer Figur schmeichelt. Sie hat es zwar extra für die Hochzeit gekauft, wird es später aber auch zum Unterrichten anziehen können. Darüber einen dünnen Mantel, in dem sie jetzt entsetzlich friert.
Als Lenz’ Wagen endlich auf den Parkplatz einschert und er aussteigt in seinem feinen dunklen Anzug und einem Strahlen im G