: Marie-Astrid Hugel, Roberto Berardinelli, Pauline Spychala
: Politisches Scheitern Ein ambivalentes Phänomen im Europa der Vormoderne (11.-18. Jahrhundert)
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783111087207
: Colloquia AugustanaISSN
: 1
: CHF 53.20
:
: Geschichte
: German
: 235
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Das politische Scheitern im Europa der Vormoderne ist bis heute von der Geschichtswissenschaft mit wenigen Ausnahmen nicht als eigenes Themenfeld beforscht worden. Ausgehend von einem integrativen Politikbegriff im Sinne der Neuen Politikgeschichte widmet sich der Band solchen historischen Akteuren und Gruppen, Bestrebungen und Entwicklungen, deren originäres wie zugeschriebenes Scheitern eine essentielle Bedeutung für kollektive Ordnungssysteme entfaltete.

Der Untersuchung im Rahmen des Sammelbandes liegen drei elementare Fragen zugrunde:Was wird als Scheitern betrachtet?Wer betrachtet Scheitern?Wie verändern sich diese Konstellationen im Verlaufe derZeit? Zur Beantwortung der Fragestellungen mobilisieren die versammelten Fallstudien, die vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert reichten, Konzepte und Methoden aus der Politik-, Kommunikations- und Medienwissenschaft.

Gem insam ist allen Beiträgen das Aufdecken synchroner wie diachroner Perspektivität. Anstatt verabsolutierende Bewertungskriterien zur Analyse des politischen Scheiterns zu postulieren, wird dieses relational erforscht, d.h. im Rahmen einer permanent praktizierten Akkommodation zwischen verschiedenen Perspektivebenen, deren Identifizierung und Synopsis zum historischen Erkennen von Scheitern in seiner Ambivalenz befähigt.



Marie-Astrid Hugel undRoberto Berardinelli, EHESS Paris / Universität Heidelberg;Pauline Spychala, UPEC Paris / Universität Münster.

Einleitung


Marie-AstridHugel
RobertoBerardinelli
PaulineSpychala

1 Scheitern – ein komplexer Begriff


In der großenEncyclopédie der französischen Aufklärer Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d'Alembert findet sich kein Lemma „échec“ im Sinne von „Niederlage“, wohl aber ein Eintrag zum Schachspiel (Échecs), in dem erwähnt wird, dass der Verlust der Figur des Königs die Niederlage besiegle, was man mit der Formel „échec& mat“ (im Deutschen „schachmatt“) bezeichne.1 Untersucht man die Etymologie der deutschen Entsprechung ‚scheitern‘, gelangt man in die seemännische Sprachwelt: Scheitern bezeichnet in diesem Zusammenhang das Zerschellen eines Schiffes in Holzstücke, die Holzscheite.2 Wendet man Scheitern im übertragenen Sinne auf menschliches Handeln an, so ist damit im Deutschen – ebenso wie im Englischen mit den Terminifail/failure – zumeist Misserfolg, Versagen oder Niederlage gemeint. Ausgedrückt wird damit ein „Mangel an persönlicher Kompetenz und Ausdauer beziehungsweise […] ein Fehlverhalten“.3 Die Bedeutungsgehalte des BegriffesMisserfolg lassen sich in der Moderne häufig mit dem individuellen professionell-beruflichen und ökonomischen Scheitern verbinden.4

Für die Wahrnehmung von Scheitern als fehlerhaftem Verhalten und Inkompetenz lässt sich hier bereits konstatieren, dass es einer Form von kommunikativer Interaktion zwischen demjenigen, der scheitert und den beobachtenden Akteuren bedarf. Im Zuge dieses im weiteren Sinne kommunikativen Prozesses wäre es jedoch zu kurzgegriffen, von Scheitern lediglich als bloßem Feststellen menschlicher Makel durch andere zu sprechen. Es lässt sich vielmehr darüber hinaus aufgrund der komplexen Wahrnehmungs- und Deutungsfähigkeiten des Menschen als ein äußerst vielseitiges, ambivalentes Phänomen beschreiben. Scheitern kann geradezu moralisch-kulturell überhöht und in verschiedene Richtungen gedeutet werden. Einerseits können Außenstehende scheiternde Personen mit stark negativen Reaktionen wie Hohn, Spott und Verurteilung belegen. Handeln und Identität der Gescheiterten werden einer moralisierenden Bewertung unterzogen, an deren Ende oftmals ein Urteil gefällt wird – auf diese Weise wird Scheitern im eigentlichen Sinne erst kommunikativ produziert und menschlich erfahrbar. Andererseits ist auch Identifikation mit Gescheiterten durch Mitgefühl, Aufmunterung bis hin zu Solidarisierung beobachtbar. Menschliches Scheitern meint also mehr als individuellen Misserfolg in Form eines Fehlers, einer Niederlage oder Versagens. Stattdessen verweist Scheitern auf ein breites Spektrum zwischenmenschlicher Kommunikativität und Emotionalität.

In der Einleitung einer 2015 publizierten Aufsatzsammlung kommen Stefan Brakensiek und Claudia