1 Scheitern – ein komplexer Begriff
In der großenEncyclopédie der französischen Aufklärer Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d'Alembert findet sich kein Lemma „échec“ im Sinne von „Niederlage“, wohl aber ein Eintrag zum Schachspiel (Échecs), in dem erwähnt wird, dass der Verlust der Figur des Königs die Niederlage besiegle, was man mit der Formel „échec& mat“ (im Deutschen „schachmatt“) bezeichne.1 Untersucht man die Etymologie der deutschen Entsprechung ‚scheitern‘, gelangt man in die seemännische Sprachwelt: Scheitern bezeichnet in diesem Zusammenhang das Zerschellen eines Schiffes in Holzstücke, die Holzscheite.2 Wendet man Scheitern im übertragenen Sinne auf menschliches Handeln an, so ist damit im Deutschen – ebenso wie im Englischen mit den Terminifail/failure – zumeist Misserfolg, Versagen oder Niederlage gemeint. Ausgedrückt wird damit ein „Mangel an persönlicher Kompetenz und Ausdauer beziehungsweise […] ein Fehlverhalten“.3 Die Bedeutungsgehalte des BegriffesMisserfolg lassen sich in der Moderne häufig mit dem individuellen professionell-beruflichen und ökonomischen Scheitern verbinden.4
Für die Wahrnehmung von Scheitern als fehlerhaftem Verhalten und Inkompetenz lässt sich hier bereits konstatieren, dass es einer Form von kommunikativer Interaktion zwischen demjenigen, der scheitert und den beobachtenden Akteuren bedarf. Im Zuge dieses im weiteren Sinne kommunikativen Prozesses wäre es jedoch zu kurzgegriffen, von Scheitern lediglich als bloßem Feststellen menschlicher Makel durch andere zu sprechen. Es lässt sich vielmehr darüber hinaus aufgrund der komplexen Wahrnehmungs- und Deutungsfähigkeiten des Menschen als ein äußerst vielseitiges, ambivalentes Phänomen beschreiben. Scheitern kann geradezu moralisch-kulturell überhöht und in verschiedene Richtungen gedeutet werden. Einerseits können Außenstehende scheiternde Personen mit stark negativen Reaktionen wie Hohn, Spott und Verurteilung belegen. Handeln und Identität der Gescheiterten werden einer moralisierenden Bewertung unterzogen, an deren Ende oftmals ein Urteil gefällt wird – auf diese Weise wird Scheitern im eigentlichen Sinne erst kommunikativ produziert und menschlich erfahrbar. Andererseits ist auch Identifikation mit Gescheiterten durch Mitgefühl, Aufmunterung bis hin zu Solidarisierung beobachtbar. Menschliches Scheitern meint also mehr als individuellen Misserfolg in Form eines Fehlers, einer Niederlage oder Versagens. Stattdessen verweist Scheitern auf ein breites Spektrum zwischenmenschlicher Kommunikativität und Emotionalität.
In der Einleitung einer 2015 publizierten Aufsatzsammlung kommen Stefan Brakensiek und Claudia