: Ursula Guthörl
: Abhärtungen und Freuden Reminiszenzen aus den letzten 100 Jahren
: Frieling-Verlag Berlin
: 9783828038080
: 1
: CHF 9.70
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 200
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jammern die Menschen von heute auf hohem Niveau? Dieser Frage wird unter anderem in den Episoden aus dem Leben von Ursula Guthörl und ihrem Umfeld nachgegangen. Wie war es damals und wie ist es heute? Der Konsum und die Ansprüche der Menschen sind gewachsen. Hat der Mensch dadurch auch in seinem Menschsein Fortschritte gemacht? Informativ und kritisch hinterfragend beleuchtet Guthörl die harten Lebensverhältnisse der Nachkriegszeit, beschreibt die komplizierten Lebensumstände für die Frauen jener Tage und veranschaulicht die mühsame"Annäherung der Geschlechter". Dass jede junge Generation im Laufe der letzten Jahrzehnte mit Herausforderungen zu kämpfen hatte, dokumentiert die Autorin mit spannenden Zeitzeugnissen in Form von Originalbriefen.

Die gebürtige Saarländerin Ursula Guthörl arbeitet nach ihrem Handelsschulabschluss zunächst als Fremdsprachen-Sekretärin. 1965 erfolgt der Umzug nach Luxemburg, wo sie bis 1998 bei der Europäischen Kommission tätig ist. In der Zeit von 1981 bis 1984 gewährt sie sich eine Erholungspause, die sie im Umfeld des Sri Aurobindo Ashrams in Pondicherry (Auroville/Südindien) verbringt. Heute lebt und schreibt die Autorin in Berlin.

Das Berufsleben einer Sekretärin

Mangels finanzieller Unabhängigkeit und eines gut situierten Ehemannes hielt ich es notgedrungen bis zum Alter von 29 Jahren im Elternhaus aus. Mit meiner Mutter hatte ich immer ein liebevolles Verhältnis. Wir waren mehr wie Schwestern. Sie war großzügig und hörte mir geduldig zu oder klagte mir ihr Leid, wenn sie frustriert war. Manchmal sagte sie: „Wenn du doch nur einen netten jungen Mann heiraten würdest. Ich hätte so gern Enkelkinder von dir. Ihr könntet bei uns im Haus wohnen.“ Doch das war für mich absolut undenkbar. Ich sehnte mich nach ferneren Gefilden. Langsam wurde ich jedoch immer deprimierter und lethargischer. Ich sah schon meine Tage bei der Völklinger Hütte enden. Dort wäre ich auf die Dauer eingegangen wie eine Primel ohne Wasser. Wenn ich morgens aus dem Zug stieg, suchte ich mir meinen Weg fast blind bis zum Betriebsbüro. Die Hochöfen bliesen völlig filterfrei den Dreck in die Luft und der ekelhafte graue feine Sand setzte sich in den Augen, Haaren und allen Poren fest. Ich litt sehr unter Akne. Man konnte kaum atmen.

Abends, wenn ich nach Hause zurückkehrte, sagte meine Mutter: „Du stinkst ja fürchterlich!“ In meinem Kohlenwertstoffbetrieb wurden aus Kohle alle möglichen ungesunden, übel riechenden Produkte hergestellt. Dazu gehörten Pech, Teer, Benzol, Naphthalin und so weiter. Gleich neben dem Bür