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Kurz vor der Dämmerung dehnten und streckten sich die Schatten, als ob die herannahende Finsternis nach allem greifen wollte, während die Hitze des ausklingenden Sommertages ihre glühenden Klauen in das pochende Herz der Stadt grub. Aus den Gullydeckeln quoll Dampf und braunes Wasser, die Luft roch nach Verzweiflung und maroder Infrastruktur.
Menschen eilten über die Bürgersteige, der Schweiß lief ihnen übers Gesicht wie Ströme von Tränen, während sie stumm nach jemandem schrien, der sie vor sich selbst rettete. Staus und Gehupe überall, Fäuste reckten sich wütend aus Autofenstern, links und rechts der Straßenschluchten ragten dunkle Gebäude auf – die Türme der Reichen und Mächtigen, die die Bevölkerung in ihrem teuflischen Griff gefangen hielten. Neonlichter knisterten gegen die heraufziehende Dunkelheit an und erhellten die Gesichter der Verdammten und Vergessenen. Die Hitze, die über diese Stadt aus Stahl und Glas hereingebrochen war, ließ die Luft über dem rissigen Asphalt flimmern.
»Wer wird uns beschützen?«, riefen die Menschen klagend, den angstvollen Blick auf den dunkler werdenden Himmel gerichtet. »Wer wird der Held sein, nach dem wir uns so sehr sehnen? Wenn es nur jemanden gäbe, der das Zeug hat, der Held zu sein, den wir verdienen! Nein, der Held, den wirbrauchen.«
Dies war eine kranke Stadt, Tumore hatten sich längst in ihre Knochen und das Bindegewebe gefressen, ohne Hoffnung auf Heilung. Eine Stadt, die in einem Krieg um ihre Seele gefangen war. Wie ein dünner Lichtstrahl, den die Schatten des Bösen vollends zu verschlingen drohten, während Wahrheit und Gerechtigkeit immer weiter an Gewicht verloren und die Waage Richtung Chaos ausschlug.
Aber die Stadt war nicht allein. Sie hatte jemanden, der sie liebte. Jemanden, der sein Leben geben würde, um sie zu retten.
Auf dem Dach eines flachen Gebäudes, das früher ein Joghurt-Laden gewesen und jetzt eine Hipster-Café-Lounge mit Holzstämmen anstelle von Stühlen war, kauerte eine Gestalt wie ein Wasserspeier und beobachtete, wie Hunderte von Jahren Menschheitsgeschichte binnen eines Wimpernschlags vorbeizogen. Der Held der Stadt drehte den Kopf ein Stück, die weißen Linsen seines Helms blitzten auf, während sich der entblößte Mund zu einem wütenden Knurren verzog.
»Dies istmeine Stadt«, fauchte er bedrohlich. »Und ich werde alles tun, um ihre Bevölkerung zu schützen.« Sein Kopf ruckte hoch, als er in der Ferne einen Schrei hörte.
»Horch! Ein Verbrechen ist im Gange.« Er blickte in die Ferne, die Lichter eines nahe gelegenen Mobilfunkmasten blinkten rot, als wollten sie sagen:Ich bin der Puls von Nova City, schwach und unbeständig. Könnte mein Licht doch nur ewig brennen!
»Ja«, flüsterte der Held. »Ich höre dich. Ich sehe dich.« Er erhob sich langsam, seine starken Muskeln bewegten sich sexy unter dem Kostüm, das ein Symbol für Freiheit, Hoffnung und Gerechtigkeit war. Er atmete tief ein. »Und ich kann dich riechen! Aber, Moment, außerdem auchschmecken? Oh mein Gott, was zum Teufel ist das? Verdammte Scheiße, es istüberall.« Er würgte. »Es verklebt meine Luftröhre! Ist jemand gestorben und ins Trinkwasserreservoir gefallen, wo seine aufgedunsene Leiche bald in einer Gasexplosion alles vergif…Nein. Konzentrier dich. Die Dunkelheit hat ihren Weg in die …«
»Jetzt