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Es ist ein ungewöhnlich warmer Tag für Mitte Oktober. Als ich am späten Nachmittag vor der Gartenpforte des Seaside Cottage parke, steht die Sonne schon so tief, dass ich sie hinter den Dünen, die das Haus vom Strand trennen, nicht mehr sehen kann. Auf Martha’s Vineyard kann das Wetter in dieser Jahreszeit rau und ungemütlich werden, und es gibt fast jedes Jahr viel Regen, Schnee und die eine oder andere Sturmflut.
Aber heute zeigt sich der Herbst von seiner allerbesten Seite. Der Himmel über mir ist fast wolkenlos und von lila-roten Streifen durchzogen. Ich brauche einen Moment, um die Handbremse des Pick-ups festzustellen, weil ich mich nicht erinnern kann, ob das der Hebel neben dem Lenkrad ist oder der Knopf in der Mittelkonsole. Ich bin nicht wirklich vertraut mit dem großen Truck, der meinem besten Freund Flynn gehört. Er hat mir das Auto geliehen, damit ich meine Einkäufe erledigen kann, während mein eigener Wagen in der Werkstatt ist.
Endlich finde ich den richtigen Knopf, stelle den Motor ab und steige aus, insgeheim erleichtert, dass ich nicht versehentlich die Motorhaube geöffnet oder die Scheibenwischer betätigt habe.
Wie immer, wenn ich nach Hause komme, wird mir beim Anblick des kleinen, zweistöckigen Steinhauses mit seinen Sprossenfenstern und den blauen Klappläden ein wenig wärmer ums Herz. Die rechte Seite und der Schornstein sind von kleinen weißen Kletterrosen bewachsen, die mittlerweile verblüht sind und dringend zurückgeschnitten werden müssten. Neben der Haustür steht die verwitterte Holzbank, auf der meine Großmutter Louise im Sommer morgens gerne ihren ersten Kaffee trinkt und die Schmetterlinge und Bienen im Vorgarten beobachtet, die emsig summend zwischen den farbenprächtigen Wildblumen hin- und herfliegen. Die Blätter der Laubbäume seitlich des Cottage beginnen gerade, sich orange und gelb zu verfärben, was in schönem Kontrast zu dem Dunkelgrün der Tannen und Kiefern steht, die den Weg zum Haus säumen. Es wird noch ein oder zwei Wochen dauern, bis das Laub seine volle Herbstfärbung erreicht hat und wir den Indian Summer erleben werden, für den Neuengland so berühmt ist.
Als ich die Ladeklappe des Pick-ups herunterlasse, geht die Haustür auf, und meine Freundinnen Josie und Liv kommen heraus.
»Wir dachten, dass du vielleicht Hilfe gebrauchen kannst!«, ruft Liv mir entgegen, während sie den Vorgarten durchquert und ihre immerzu herunterrutschende Brille hochschiebt.
Josie nimmt sich noch die Zeit, eine Jacke über ihren Strickpulli zu ziehen, bevor sie Liv folgt. Die beiden haben zusammen Meeresbiologie in Boston studiert und sind vor zwei Jahren während der Sommerferien das erste Mal auf Martha’s Vineyard gewesen. Der Zufall wollte es, dass sie zwei Zimmer im Seaside Cottage gemietet haben. Was damals nur als Urlaub geplant war, wurde für beide zu einem dauerhaften Aufenthalt. Liv ist mittlerweile im St. Francis Seal Rescue Center, der lokalen Seehundauffangstation, angestellt, und Josie arbeitet imCCS, dem Center for Coastal Studies.
»Euch schickt der Himmel!«
Seufzend werfe ich einen Blick auf die Ladefläche, auf der sich die Kisten mit meinen Einkäufen stapeln.
»Puh, das ist ganz schön viel«, sagt Josie neben m