Kapitel 1
»Kinn hoch, Brust raus, Rücken gerade, Kopf gerade. Ich schaff das«, sprach ich mir selbst Mut zu und zog tief und schnell die Luft ein, während ich mein Konterfei im Flurspiegel meines Elternhauses betrachtete.
Des Kerrighan House.
Einem Zuhause für verwaiste Mädchen. Na ja, das war es jedenfalls früher. Heute war es bloß noch ein Zuhause. Jener Ort, an dem wir »Schwestern« regelmäßig zusammenkamen – wie ganz normale Geschwister, die ihre Eltern besuchten. In unserem Fall war es jedoch nur ein Elternteil – Singular. Aber die Liebe, die Mama Kerri jeder einzelnen von uns schenkte, war tausendmal mehr wert als die jedweder Familie, die ich je erlebt hatte oder in der ich vor meiner Ankunft vor beinahe zwei Jahrzehnten untergebracht gewesen war. Damals war ich acht gewesen, ein verängstigtes, verstörtes kleines Mädchen. Heute, mit sechsundzwanzig, wohnte ich wieder in meinem alten Zimmer, war genauso durch den Wind wie damals und zudem halb wahnsinnig vor Angst.
»Er ist tot«, sagte ich zu meinem Spiegelbild. »Er kann dich nicht mehr kriegen.« Ich beobachtete mein Mienenspiel, zwang mich, das Kinn zu lockern, meine Züge zu entspannen und in den Spiegel wie in eine Kamera zu schauen. Genauso pflegte ich mich auf Shootings vorzubereiten. Als Model musste ich meine Gefühle unter Kontrolle behalten. Und normalerweise beherrschte ich diese Kunst meisterlich. Aber als ich jetzt in den Spiegel blickte, sah ich nicht nur die unzähligen Narben an den Innenseiten meiner Unterarme, sondern auch die Furcht, die ich selbst nach drei Monaten noch nicht hatte abschütteln können.
Von meinen Eltern, die ich nie kennengelernt hatte und deren Bekanntschaft ich selbst irgendwann nicht machen würde, hatte ich das dunkelbraune Haar mit den wunderbaren natürlichen karamellfarbenen und rötlichen Akzenten geerbt, das mir bis zur Mitte des Rückens hinabfiel. Smaragdgrüne Augen, die ein wenig ins Blaue spielten, starrten mich an. Volle Lippen in einem herzförmigen Gesicht, das Frauen und Männer auf der ganzen Welt gleichermaßen bewunderten. Ich fuhr mit den Händen über meine großen Brüste, dann weiter an der Taille entlang bis hinab zu meinen Hüften, die früher einmal sehr üppig gewesen waren. Meine beneidenswerte Sanduhrfigur hatte ein wenig gelitten, denn nach jenem Martyrium hatte ich zunächst ziemlich abgenommen, immerhin aber danach durchaus wieder ein wenig zugelegt. Als Plus-Size-Model für Bademoden und Unterwäsche bevorzugte mich meine Kundschaft in Kleidergröße 42 bis 46. Nachdem ich drei Monate lang körperlich gesundet war, aber seelisch die Hölle durchgemacht hatte, saß Größe 42 immer noch ein wenig locker. Doch ich wusste, dass mein Körper umso heißer und sinnlicher aussah, je fülliger er war. Natürlich hatte ich deshalb noch lange nichts gegen schmal gebaute Frauen. Jede einzelne meiner sieben Pflegeschwestern wog weniger als ich, aber trotzdem waren alle äußerst attraktiv und fühlten sich wohl in ihrer Haut. Genauso war es mir früher auch gegangen, bis ein Teil ebenjener Haut bis zur Unkenntlichkeit verbrannt worden war.
»Addy! Kleines, bist du endlich fertig?«, fragte meine Pflegeschwester und beste Freundin Blessing, während sie auf ihren schwindelerregend hohen Stilettos die Treppenstufen hinabstolzierte.
Ich warf meinem deprimierten Spiegelbild noch einen letzten Blick zu. Ich konnte nur hoffen, d