Einleitung
„Meine Mutter hat mir noch nie gesagt, dass sie mich liebhat. Aber ich verstehe das. Es ist nicht ihre Schuld. Sie hatte ja selbst eine schwere Kindheit.“
„Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater mich jemals für etwas gelobt oder mich wertschätzend behandelt hat, während Kritik auf der Tagesordnung stand.“
„Ich habe immer davon geträumt, fernab der Heimat zu studieren, aber das konnte ich meiner Mutter nach der Scheidung nicht antun.“
„Über die Krebserkrankung meines Vaters wurde in unserer Familie nie gesprochen, damit musste ich als Kind allein klarkommen.“
Solche oder ähnliche Aussagen höre ich im Rahmen meiner Beratungen häufig und jedes Mal bin ich aufs Neue bestürzt: Bestürzt darüber, dass jene, denen Gewalt in der eigenen Familie widerfahren ist, häufig empathischer mit den Verursacherinnen und Verursachern1 sind als mit sich selbst; bestürzt darüber, dass Gewalt – insbesondere psychische Gewalt – noch immer etwas zu sein scheint, was billigend in Kauf genommen wird. Weil sie „jedem in der Kindheit irgendwann einmal begegnet ist und man daher keine große Sache daraus machen sollte“. Ich halte diese Behauptung einer Klientin für unzutreffend. Doch selbst wenn wir für einen Moment annehmen, dass sie stimmte, wäre dann nicht der einzig logische Schluss, den Blick für das Thema (psychische) Gewalt weiter zu schärfen, anstatt weiterhin die Augen davor zu verschließen? Nur weil es Kriege gibt, kann dies doch kein Argument dafür sein, den Frieden nicht weiter anstreben zu wollen.
Zur Verwendung des Begriffs „Gewalt“ in diesem Buch …
Jede toxische Familienbeziehung ist von Gewalt geprägt. Unter Gewalt verstehe ich all jene elterlichen Verhaltensweisen, die Kinder absichtlich oder unabsichtlich für die eigenen Zwecke instrumentalisieren, die bedeutsame (systemische) Familiengesetze verletzen und / oder Kindern langfristig Leid zufügen. Ich fasse den Begriff also weiter, als viele es möglicherweise gewohnt sind. Warum ich dies für gerechtfertigt halte und was genau du dir unter den einzelnen Aspekten vorstellen kannst, werde ich im weiteren Verlauf erläutern.
Mit diesem Buch möchte ich für die verschiedenen Ausdrucksformen toxischer Familienbeziehungen sensibilisieren und dazu beitragen, sie als das zu sehen, was sie sind: Formen der Gewalt. Ich möchte Betroffenen Mut machen, sich die nötige Selbstempathie zu gestatten und ihre Wunden (endlich) ernst zu nehmen. Ihnen und den Menschen, die mit ihnen arbeiten oder leben, möchte ich die Varianten und Auswirkungen toxischer Familiensysteme aufzeigen.
Toxische Beziehungserfahrungen in unserer Kindheit sind häufig dafür verantwortlich, dass wir im Laufe unseres Lebens psychisch und psychosomatisch erkranken oder uns in neue ungesunde, dysfunktionale Beziehungsdynamiken begeben. Menschen, die unter Depressionen, Ängsten, diffusen körperlichen Beschwerden oder massiven Beziehungsproblemen leiden, suchen die Ursachen für ihre Schwierigkeiten gemeinhin in der Gegenwart, ohne zu ahnen, dass die Gründe viel weiter zurückreichen.
So erging es auch Caro. Sie ist eine der Betroffenen, der Sie in diesem Buch öfter begegnen werden. An ihrem Beispiel möchte ich aufzeigen, wie toxische Beziehungen sich über das Leben hinweg darstellen und auswirken und zugleic