2. Nachrichtenflut und Doomscrolling – der Datenhighway in unser Gehirn
Von Elke Hartmann-Wolff, Wissenschaftsjournalistin
Gänzlich unscheinbar wirken die bedruckten Blätter aus dem 16. Jahrhundert, dabei stellen sie eine Erfindung dar, die fortan unsere Vorstellung von der Wirklichkeit maßgeblich bestimmen sollte. Im Jahr 1502 tauchte zum ersten Mal das Wort „Zeytung“ als Überschrift auf einem Druckwerk auf, es bedeutete in jenen Tagen so viel wie „Nachricht“ oder „Botschaft“; schon bald wurde es zu einem Gattungsbegriff. Die Zeitung wurde zum ersten Massenmedium und läutete damit eine beispiellose Erfolgsgeschichte ein.
Anfangs lasen fliegende Händler der weitgehend analphabetischen Bevölkerung die Nachrichten auf Marktplätzen vor. Auf die Schlagzeile „Newezeytung von orient und auffgange“ etwa folgte ein Bericht über den Eroberungskrieg der Franzosen auf Lesbos. Man kann sich vorstellen, wie der sprachkundige Händler die versammelten Bürger mit seinen Schilderungen von apokalyptischen Ereignissen wie Kriegen, Hungersnöten, Naturkatastrophen und Seuchen in seinen Bann schlug.
Etwa 500 Jahre später tragen wir die Apokalypse in der Hosentasche mit uns herum. Rasch mittels Geheimzahl oder Gesichtserkennung das Smartphone entsperrt, einige wenige Fingerbewegungen auf dem Bildschirm, und schon spielen sich die dramatischen Ereignisse nicht länger in den entferntesten Winkeln unseres Planeten ab, sondern in den subkortikalen Windungen unseres Gehirns.
Seit der Einführung des Internets können wir uns rund um die Uhr und nahezu in Echtzeit über das Geschehen in der Welt informieren. Mit der Erfindung des Smartphones zudem an jedem Ort. Wir haben die Wahl aus einem schier unendlichen Angebot. Die Macher sind sowohl professionelle Medienunternehmer als auch mehr oder minder professionelle Amateure. Mitunter lässt sich schwer ausmachen, woher der „Content“, wie Inhalte heutzutage genannt werden, von Websites, Social-Media-Plattformen wie Twitter, Instagram, TikTok, Facebook oder Messenger-Apps wie Signal oder Telegram stammt. Wer fürchtet, auch nur eine Schlagzeile zu verpassen, aktiviert einfach die Benachrichtigungen und bekommt diese mit einem Warnton automatisch auf den Bildschirm geschickt. Die sozialen Medien sind zudem bewusst darauf angelegt, unser Belohnungssystem im Gehirn zu aktivieren. Erhält einer unserer Beiträge ein Like, wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet.1
Der digitale Strom an Informationen wird nicht nur immer breiter, er fließt auch immer schneller und reißt nie ab – aber immer häufiger die Nutzerinnen und Nutzer mit sich. Das noch recht junge psychologische Phänomen trägt den Namen „Doomscrolling“. Der Kunstbegriff setzt sich aus den englischen Wörtern „doom“, was so viel wie „Untergang“ und „Verderben“ bedeutet, und „scrolling“, der Verschiebung des Bildschirms, zusammen. „Doomscrolling oder auchDoomsurfing wird definiert als die übermäßige Zeitspanne, die Menschen der Aufnahme von dystopischen Nachrichten widmen.“ Daraus entwickele sich eine „manchmal suchtähnliche Tendenz, weiterhin durch schlechte Nachrichten zu surfen oder zu scrollen, auch wenn diese Nachrichten traurig, entmutigend oder deprimierend sind“.2
Unser Gehirn ist eine Prognosemaschine, durch die wir erfahren, wo uns Gefahr droht oder Belohnung in Form von Nahrung, sicherer Behausung oder Sex erwartet. Daraus hat sich ein evolutionsbiologisches Programm entwickelt, dem wir uns nicht entziehen können. Sein Fachbegriff lautet Negativitäts-Bias. Der Psychologe Roy Baumeister bringt diesen Verzerrungseffekt mit „Schlecht ist besser als gut“ auf den Punkt: „Organismen, die sich besser auf schlimme Dinge einstellen, dürften eine Bedrohung mit größerer Wahrscheinlichkeit überleben und somit ihre Gene weitergeben.“3
Beim Doomscrolling wendet sich dieser tief verankerte Trieb gegen uns. Auch wenn der Begriff erst seit dem Jahr 2018 im Internet kursiert und dann mit dem Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 in den Alltagswortschatz übergegangen ist, gehen Psychologen, Neurow