: Lea Sikor, Bärbel Klein
: Auf(ge)wachsen mit Gewaltfreier Kommunikation Ein Mutmachbuch für Eltern
: Junfermann Verlag
: 9783749505081
: 1
: CHF 18.00
:
: Familie
: German
: 184
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Geliebt ins Leben: die nächste GFK-Generation Gewaltfreie Kommunikation in der Erziehung, einfühlsam mit Kindern kommunizieren: Etliche Bücher behandeln diese Themen - zunächst einmal in der Theorie. Wie aber ist es, mit Eltern aufzuwachsen, die GFK-Trainer:innen sind? Lea Sikor berichtet darüber, wie es war, etwas anders aufzuwachsen als die meisten ihrer Altersgenoss:innen. Was an der GFK-Erziehung ihrer Eltern war hilfreich für ihr späteres Leben? Und was war es eher nicht? Aus der Perspektive einer GFK-Trainerin reflektiert Bärbel Klein Lea Sikors Geschichten und unterfüttert sie mit GFK-Hintergrundwissen. Das Anliegen beider Autorinnen: Aufzeigen, wofür es sich lohnt, die Gewaltfreie Kommunikation zu lernen und den Grundstein zu legen, unsere Welt und die Welt unserer Kinder noch ein wenig schöner zu machen.

Lea Sikor, geb. 1998, ist mit Gewaltfreier Kommunikation aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Göttingen und studiert Kommunikationspsychologie. Sie möchte zukünftig GFK auch beruflich weiterverfolgen. Bärbel Klein, geb. 1960, ist Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation (CNVC-zert.) und Coach für Stressbewältigung (ROMPC®). Als Fortbildnerin in Kitas und Teamerin auf GFK-Familienfreizeiten engagiert sie sich für Gewaltfreiheit im Miteinander von Kindern und Erwachsenen.

1. Was bei mir anders war: Aufwachsen mit Eltern, die cool bleiben


Wenn mich jemand fragt, ob ich während meines Aufwachsens große Schwierigkeiten mit meinen Eltern hatte, ob ich viel rebelliert habe oder ob ich oft mit ihnen aneinandergeraten bin, dann lautet meine Antwort immer: Nein. Nichts davon. Weder hatte ich oft Probleme mit ihnen, noch musste ich rebellieren, noch hatten wir viel Streit. Ich bin in einem wertschätzenden, verbindenden Umfeld aufgewachsen, mit der festen Überzeugung meiner Eltern, dass auch meine Sichtweise es Wert ist, gehört zu werden. Oftmals höre ich Menschen in meinem Alter oder älter von ihrer Jugend reden. Davon, wie schwer sie es hatten und davon, wie oft sie den Eindruck hatten, nicht verstanden zu werden. Und jedes Mal denke ich an meine Jugend zurück und merke: Hey, so etwas gab es bei mir ja kaum. Zumindest nur so selten, dass es heute, einige Jahre später, kaum noch nennenswert ist. Lange Zeit war mir gar nicht so bewusst, warum das eigentlich so war. Ich habe halt coole Eltern, habe ich immer gedacht und oft genau das von meinen Freundinnen gehört. Damit war die Sache klar. Coole Eltern halt.

Ja, aber was heißt denn eigentlich cool? Entspannt? Heute kann ich sagen, dass ein wesentlicher Teil dieses „Cool-Seins“ die Haltung der GFK war, die meine Eltern seit der ersten Sekunde meines Lebens versucht haben zu leben.

Wenn ich heute Eltern mit ihren Kindern sehe, oder wenn ich von Freundinnen über ihre Beziehung zu ihren Eltern höre, dann wünsche ich mir, dass mehr Menschen erleben dürfen, was ich erlebt habe. Dass mehr Menschen auf die Frage: „Hattest du eine gute Verbindung zu deinen Eltern?“ ganz selbstverständlich mit „Ja!“ antworten.

Als ich begann, an diesem Buch zu arbeiten, fragte ich mich u.a.: Wann ist mir eigentlich aufgefallen, dass bei uns manche Dinge anders liefen als in anderen Familien? Was genau machte meine Eltern zu den Menschen, von denen ich heute sage, dass sie „cool“ waren? Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Momente fielen mir ein, angefangen damit, wie selten ich tatsächlichen Streit mit den beiden hatte. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich wirklich, und vor allen Dingen auch längerfristig, wütend war. Viel öfter habe ich jedoch bei Meinungsverschiedenheiten erlebt, dass meine Eltern mit mir auf Augenhöhe sprachen und dass meine Meinung ebenso ernst genommen wurde wie ihre.

Meine Eltern und ich – auf Augenhöhe


Auf Augenhöhe. Das ist eine Beschreibung, die gut auf die Beziehung zu meinen Eltern passt. Wenn ich daran denke, habe ich eine Situation mit meiner Mutter im Kopf, die ich hier gerne mit euch teilen möchte:

Ich bin ungefähr 16 Jahre alt, mitten in der Pubertät also, und wir sitzen, wie jeden Abend, am Esstisch. Eigentlich haben wir die Regel, dass während des Abendessens keine Handys am Tisch sind. Meistens halte ich mich auch daran. Doch heute Abend vibriert mein Handy ständig und irgendwann siegt die Neugierde. Ich nehme es also in die Hand und esse weiter, während ich die neuen Nachrichten lese.

Nach kurzer Zeit räuspert sich meine Mutter. „Lea, wir haben doch die Regel, dass die Handys nicht am Tisch sind. Ich möchte, dass wir sie einhalten, denn ich wünsche mir ein schönes Miteinander und Verbindung zu dir. Kannst du es wieder weglegen?“ Ich kann mir ein genervtes Aufstöhnen nicht verkneifen, lege es dann aber doch zur Seite.

Einige Tage später: Dieselbe Situation, wir sitzen alle am Esstisch. Doch dieses Mal liegt das Handy meiner Mutter neben mir und gibt Geräusche von sich. Mama ist abgelenkt, schaut darauf und tippt etwas. Ich merke, dass mich das nervt. Das ist unfair. „Letzten