KAPITEL 1
Gleich nach der Schule gingen die anderen beiden ihre Räder holen, und um Punkt Viertel nach zwei trafen sie sich alle vor Petes Haus. Josie brachte sein vergilbtes Schnorchelzeug und seinen krummen alten Fischspeer mit, genau wie Pete erwartet hatte. Der kleine Abe Wyman hingegen hatte nichts dabei außer einer winzigen silbernen Digitalkamera, die vor seiner schmalen Brust baumelte wie bei einem Touristen. Pete bot ihm an, die Schnorchelmaske seiner Schwester zu benutzen. Aber da machte Abe ein Gesicht, als habe man ihm gerade gesagt, er solle vom Empire State Building springen.
»Bist du verrückt?«, rief er empört zu ihnen in die Garage. »Ich werd noch nicht mal in die Nähe des Wassers gehen.«
Pete drehte sich zu Josie um, der mit der Anprobe der neuen Tauchweste beschäftigt war, die Petes Vater sich kürzlich gekauft hatte. »Er geht noch nicht mal ins Wasser?«, fragte er verblüfft.
»Nö, macht nur Fotos«, erwiderte Josie und blickte gutgelaunt von dem Regler zum automatischen Aufblasen der Weste auf, an dem er gerade herumspielte. »Jede echte Expedition braucht einen Fotografen.«
Pete schüttelte unzufrieden den Kopf. Er war von Anfang an dagegen gewesen, die quengelige kleine Brillenschlange mitzunehmen. Doch Josie hatte sich irgendwie von Abe rumkriegen lassen, und jetzt wusste Pete nicht recht, wie er damit umgehen sollte. Schon hob er an, bei seinem besten Freund ein weiteres Mal gegen die Entscheidung zu protestieren. Aber irgendwas daran, wie erwachsen und männlich dieser in der Tauchweste wirkte, die er über seine muskulösen braunen Schultern gezogen hatte, hielt ihn davon ab. Und so fuhr er schließlich einfach mit leicht beleidigter Miene fort, seine Ausrüstung zu packen.
Er schob die teure neue Druckluftharpune in seinen Rucksack, die sich sein Vater zusammen mit der Weste gekauft hatte, und als darunter ein großes gezacktes Tauchmesser zum Vorschein kam, steckte er vorsichtshalber auch das mit ein. Dann stieg er auf sein Rad und machte sich mit den anderen auf den Weg nach Baker’s Point. Die nördliche Spitze der schmalen Barriereinsel, auf der sie lebten, lag nur etwa zehn Minuten von seinem Zuhause entfernt.
In der Sonne funkelnde weiße Wärmeschutzdächer, wie frisch gewaschen wirkendes Bermudagras – der tropische Sturm »Howard« war endlich weitergezogen. Drei Tage lang hatte Pete zu Hause sitzen und am Fernseher dabei zuschauen müssen, wie sich das sommerliche Unwetter immer weiter Floridas Ostküste hinaufschob. Als es mit seinen langen Wolkenarmen schließlich auch das kleine Amberly Beach unter sich bedeckte, das ziemlich genau in der Mitte des vor der Küste verlaufenden Inselstreifens lag, schien draußen vor den Fenstern endgültig die Welt unterzugehen. Jetzt jedoch war der Himmel wieder blau, alles glänzte, und nur hier und da erinnerte noch ein abgerissener Palmwedel oder eine aufgeplatzte Kokosnuss an die ungemütlichen Tage.
Sie folgten der langgezogenen Hauptstraße von Amberly Beach bis zu dem Punkt, wo eine Schiffsdurchfahrt den dünnen Landstreifen begrenzte. Dann stiegen sie von ihren Rädern und schoben sie einen schmalen, dicht umwachsenen Pfad entlang Richtung Strand. »Seid ihr sicher, dass es hier keine Schlangen gibt?«, fragte Abe ängstlich vom Ende ihres kleinen Trupps, und einmal mehr schüttelte Pete demonstrativ den Kopf.
Der Pfad führte zu einem alten, halb vom Sand begrabenen Parkplatz. Hier ließen sie ihre Räder liegen und bahnten sich durch hüfthohen Strandhafer und eng an den Boden geklammerte Tintenbeerenranken einen Weg über die Dünen. Etwas weiter rechts gingen die niedrigen Sandhügel in den sorgsam gepflegten Rasen von einem der großen Anwesen über, die an diesem Ende von Amberly Beach das Meeresufer säumten. Links trotzte ein halbverfallenes Hotel mit hohen, hölzernen Giebeln dem unsteten tropischen Wetter. Unmittelbar neben dem Hotel streckte sich eine Mole aus künstlich aufgeschütteten Felsen weit hinaus aufs Meer. Und hinter der Mole und hinter dem dunkelblauen Wasser des Schiffskanals waren die ersten Häuser von Tarpon Shores zu erkennen, der nächsten kleinen Inselgemeinde, die in nördlicher Richtung vor der Küste lag.
Pete stapfte d