VII BANGES WACHEN, BÖSER TRAUM
Heute
Übergangslos erwachte ich und fand mich in einer Leseecke des Geschichtsinstitutes. Luisa hatte die Schnauze an meine Hand geschoben und leckte meine Finger.
»Ach, Luisa!« Ich wischte meine Finger an der Jeans ab und streichelte ihr den Kopf wie vorher im Traum Luigi. »Wollen wir gehen?«
Ihr grinsendes Hecheln sagte eindeutig Ja.
Ich packte zwei Bücher, die ich mitnehmen wollte, in meinen Rucksack, gab die anderen zurück und schlenderte gemächlich Richtung Altstadt. Meine Gedanken sprangen wie Pingpongbälle durch meinen Kopf, prallten ab, wurden zurückgeschleudert und kreisten um sich selbst in der immer gleichen Frage: Warum diese Anschläge auf Damiano und auch auf mich? Irgendwo in diesen Büchern, in der Geschichte um Damianos Familie, musste die Lösung liegen, da war ich mir sicher. Zumindest fast sicher. Oder ging es doch um etwas anderes, viel Banaleres? Irgendeine Ehrschuld, einen betrogenen Ehemann, einen eifersüchtigen Höfling?
Aber Damiano hätte davon gewusst und es mir erzählt, zumindest dessen war ich mir gewiss. Oder? Wie gut kannte ich ihn denn wirklich? Nein! Unsinn! Damiano war sich keiner Schuld bewusst, die so eine tödliche Revanche gerechtfertigt hätte. Im Gegensatz zu anderen Höflingen hielt er sich auch kaum bei Hofe auf, sondern war meistens für den Erzherzog auf Reisen und hatte noch dazu keinerlei Ambitionen, die Rangleiter des Hofes hinaufzuklettern und politische Macht zu gewinnen. Geld war ihm auch so gut wie gleichgültig. Außerdem, wie sonst sollte Obersthofmarschall Baron Leczyińsky in die Geschichte verwickelt sein?
In der Galerie wuselte eine Schulklasse Teenager mit ihrer engagierten Kunstlehrerin zwischen den Bildern umher. Soviel ich verstand, sollten sie sich ein Bild aussuchen, das ihnen besonders gefiel, und darüber referieren. Gilbert schien heilfroh, mich zu sehen. Die Mädchen interessierten sich vor allem für ihn, dann für Luisa und – als die sich genervt brummend unter den Schreibtisch verzogen hatte – endlich für die Bilder. Dabei gefielen den meisten Damians Fotos im Nebenraum am besten, vor denen sich die Jungs schon die ganze Zeit herumdrückten. Es roch verräterisch nach Zigaretten. Den Stummel entdeckte ich zeitgleich mit der Lehrerin in der großen Rauchglasschale auf einem der Skulpturen-Sockel, die eigentlich ein Objekt war und kein Aschenbecher. Aber zumindest hatten sie ihn nicht einfach in eine Ecke geworfen. »Ach, den muss einer von den Presseleuten hinterlassen haben, die rauchen doch immer«, stoppte ich die Lehrerin, die sofort zu schimpfen begann, worauf die Jungs mir nicht mehr von der Seite wichen. Wer weiß, vielleicht hatte ich damit ja in dem einen oder anderen den Begeisterungsfunken für die Kunst entzündet.
Auf jeden Fall waren die Jugendlichen angetan von Damians Fotos und gaben so interessierte und originelle Kommentare zu den Porträts ab, dass mir das Herz aufging. Damian würde sich freuen, wenn ich ihm abends davon berichtete. Die jungen Leute versprachen, zur Weihnachtsfeier zu kommen und ihre Eltern mitzubringen, und bis sie schließlich zur Tür draußen waren und Gilbert und ich uns erschöpft auf die Stühle sinken ließen, war es Mittag.
Gilbert sperrte die Galerie zu und ich lief hinauf in die Wohnung. Auf Frau Meisners Stockwerk dröhnte Salsa-Musik, sie machte wohl gerade ihre Gymnastik – hoffentlich würde ich im Alter auch so eine fitte Dame sein. Ein gutes Vorbild hatte ich mit ihr. Aus unserer Tür duftete es dafür himmlisch. Vater hatte thailändisch gekocht: Gemüse mit Kokos und Koriander. Gemeinsam studierten wir beim Essen meine ausgeliehene