: Emily McIntire
: Scarred Roman
: between Pages by Piper
: 9783377901095
: Never After
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 542
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Er kann sie niemals haben, denn sie gehört der Krone - Der BookTok-Hit über verbotene Liebe und einen abtrünnigen Prinzen Prinz Tristan ist nicht für den Thron bestimmt. Der gehörte seinem Bruder Michael. Dem Bruder, der ihn in der Kindheit quälte und für die Narbe in seinem Gesicht verantwortlich ist. Als Anführer einer geheimen Rebellion will Tristan den Thronerben stürzen. Doch als er Michaels Verlobter Sara begegnet, beginnt für ihn ein neuer Kampf. Ein Krieg, bei dem sich Tristan die Frage stellen muss, was wichtiger ist - die Krone oder die Frau, die sie tragen wird. Saras Plan ist einfach: Sie will den König heiraten und das Geschlecht der Faasa ausrotten, selbst wenn sie sich dabei selbst in Gefahr bringt. Doch sie hat die Rechnung ohne den vernarbten Prinzen Tristan gemacht. Er ist gefährlich. Verboten. Und einer der Männer, die sie töten soll. Doch der Grat zwischen Hass und Leidenschaft war noch nie so schmal. Als Geheimnisse ans Licht kommen, wird Sara unsicher, wem sie trauen kann, und ist hin- und hergerissen zwischen Rache und dem Schurken, den sie nie hätte lieben sollen.

Emily McIntire ist eine internationale Bestsellerautorin und bekannt dafür, Bösewichten in ihren Büchern Happy Ends zu geben. Wenn sie nicht gerade schreibt, kann man sie dabei ertappen, wie sie auf ihren verlorenen Brief aus Hogwarts wartet.

Kapitel 1


Sara

 

»Morgen früh reist du ab.«

Mein Onkel nippt an seinem Wein, seine dunklen Augen sind wie Pfeile, die über den Tisch fliegen und das Fleisch meiner Brust filetieren. Er war noch nie besonders liebevoll, aber er gehört zur Familie, und wir haben das gleiche Ziel.

Für den Mord an meinem Vater wollen wir uns an den Faasas rächen.

Wir haben viele Puzzleteile sorgfältig zusammengefügt, um sicherzustellen, dass ich die Hand des Kronprinzen entgegennehme, wenn er in Not ist. Und nun haben wir endlich die Nachricht erhalten.

Es ist so weit.

Arrangierte Verlobungen sind zwar nicht unüblich, aber in den letzten Jahren ein wenig aus der Mode gekommen. Schließlich schreiben wir das Jahr 1910, das 19. Jahrhundert liegt hinter uns. Und auch in all den Märchenbüchern und selbst hier in den von Armut geprägten Straßen Silvas heiraten die Menschen aus Liebe.

Oder dem, was sie darunter verstehen.

Aber ich habe mich noch nie großspurigen Ideen hingegeben und geglaubt, dass ein Ritter auf seinem weißen Pferd angeritten kommt und mich rettet wie eine hilflose Jungfrau in Nöten. Das mit der Not mag stimmen, aber ich bin keine hilflose Jungfrau.

Außerdem kann man manchmal nur dann echten Wandel herbeiführen, wenn man Teil der Maschinerie wird und die kaputten Stücke selbst herausreißt. Wenn ich also lächeln, flirten und verführen muss, um die Gunst des neuen Königs zu erlangen, werde ich es tun.

Es ist schließlich meine Pflicht.

Meiner Familieund meinem Volk gegenüber.

Silva, das einst für seine reichen Ländereien und seine bahnbrechende Industrialisierung bekannt war, ist nun unfruchtbar und schwach. An den Rand gedrängt wie ein hässliches Stiefkind, das weder die Zeit noch die Aufmerksamkeit der Krone verdient. Völlig unbeachtet mischen sich Dürre und Hungersnot mit der Verzweiflung, die sich wie Risse im Pflaster durch die Straßen der Stadt zieht.

Das geschieht wohl, wenn man sich tief im Wald und hoch in den Wolken befindet. Aus den Augen, aus dem Sinn.

»Du weißt, was auf dem Spiel steht?«, fragt Onkel Raf und reißt mich aus meinen Überlegungen.

Nickend wische ich mir den Mund mit einer weißen Stoffserviette ab, ehe ich sie wieder in den Schoß lege. »Ja, natürlich.«

Er grinst, seine Haut legt sich in Falten, während er mit den Fingern auf den knochigen Griff seines Holzstocks tippt. »Du wirst unserem Namen Ehre machen.«

Das berauschende Gefühl seiner Anerkennung befeuert mich wie eine Kanone und ich setze mich aufrechter hin und lächle ihn an.

»Und vertraue niemandem, außer deinem Cousin«, fügt er hinzu.

Er wirft einen Blick auf meine Mutter. Sie isst ihre Mahlzeit immer brav und ruhig in kleinen Bissen, und ihre widerspenstigen schwarzen Haare, die meinen so ähnlich sind, fallen dabei wie ein Vorhang um ihr Gesicht. Sie nimmt nur selten Blickkontakt auf, hält den Kopf meistens gesenkt und beschäftigt ihre Finger mit Handarbeiten und staubigen Büchern, anstatt eine Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen, die alles übernommen hat, seit Vater sie als Witwe zurückgelassen hat.

Vermutlich wollte sie nie Mutter werden und noch weniger heiraten. Sie hat es nie ausgesprochen, aber das ist auch nicht nötig, denn ihre Taten sprechen Bände. Doch mein Vater wollte sie, und das war alles, was zählte.

Und als sie schwanger wurde, erwarteten sie den nächsten männlichen Erben des Geschlechts der Beatreaux. Stattdessen bekamen sie ein wildes Mädchen mit rabenschwarzen Haaren, Sinn für Abenteuer und einem frechen Mundwerk. Und mein Vater hat mich trotzdem geliebt, wohingegen meine Mutter nie auch nur einen Hauch Zuneigung gezeigt hat.

Als ich ihn verlor, verlor ich auch ein Stück von mir selbst, das nun mitten in meiner Brust eitert und verrottet.

Er zog aus, um die Monarchie um Hilfe zu bitten. Er nahm es auf sich, durch unsere Wälder und das Flachland bis nach Saxum Castle zu reisen. Aber die Krone kümmerte seine Notlage nicht, und mein Cousin Alexander ließ ausrichten, sie hätten ihn wegen Hochverrats gehängt. Weil er es gewagt hatte, ihnen zu sagen, sie müssten mehr tun. Xander versuchte, ihn zu retten, aber als Chefberater des Königs konnte er nicht viel bewirken.

Seitdem ist Onkel Raf unentbehrlich, und auch wenn er mich immer unterstützt hat, sehne ich mich bis heute nach der Umarmung meines Vaters. Stattdessen ist mir nur ein Familienanhänger geblieben, den ich wie einen Schwur um den Hals trage und der mich jeden Tag an das erinnert, was ich verloren habe.

Und wer die Schuld an meinem Kummer trägt.

Während andere Mädchen in meinem Alter von der Liebe träumen, lerne ich, wie man in politische Kriege eingreift, ohne die Etikette zu verletzen. Wenn man die Hölle niederbrennen will, muss man sich das Spiel des Teufels aneignen. Die metaphorische Krone, die mir aufgesetzt wird, ist fast so schwer wie das Wissen, dass alle von meinem Erfolg abhängig sind.

Und die Herrschaft der Familie Faasa währt schon viel zu lange, ihre Macht und ihr Einfluss wurden mit der Zeit verdorben, es geht ihnen nicht mehr um Land und Leute, sondern um Maßlosigkeit und Gier.

Deshalb werde ich an den Hof gehen. Und ich werde tun, was nötig ist, um mein Volk zu retten, und Gerechtigkeit für diejenigen einfordern, die wir verloren haben.

Doch die volle Erkenntnis trifft mich erst Stunden später.

Heute ist mein letzter Abend in Silva.

Mein Herz schlägt einen Stakkato-Rhythmus, während ich mir dicke schwarze Stiefel anziehe, mir den Mantel um die Schultern wickle und mir die wilden Locken im Nacken zu einem festen Knoten binde. Ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf und schaue in den Spiegel, um mich zu vergewissern, dass sie mein Gesicht verdeckt. Ich werfe einen Blick auf die Schlafzimmertür, prüfe, ob sie verschlossen ist, dann drehe ich mich um und eile zum Fenster.

Mein Zimmer ist im ersten Stock, aber die Höhe macht mir keine Angst, denn ich bin schon Dutzende Male die rissige Steinmauer hinuntergeklettert. Auf dem Weg nach unten krampft meine Lunge von den flachen Atemzügen, und Adrenalin peitscht mir durch die Adern, bis ich schließlich mit den Füßen auf dem Gras lande.

Mich hinauszuschleichen ist riskant, aber ich würde es immer wieder tun.

Ich bleibe eine Weile stocksteif stehen und vergewissere mich, dass mich niemand gehört hat, bevor ich um die Ecke unseres heruntergekommenen Anwesens biege. Ich halte mich im Schatten, bis ich beim Kopfsteinpflaster ankomme und am verrosteten drei Meter hohen Tor hinaufblicke. Mir tun die Finger weh, und meine Muskeln brennen, als ich das spröde Eisen hochklettere, ein Bein hinüberschwinge und auf der anderen Seite hinunterspringe.

Sobald mein Fuß auf festen Boden trifft, hole ich tief Luft, und dann bin ich weg, renne den Bürgersteig hinunter, ziehe den Kapuzenmantel enger um mich und hoffe, dass ich auf dem Weg niemandem begegne.

Ich brauche zwanzig Minuten bis zum Waisenhaus am Rande der Stadt. Es ist in einem kleinen, baufälligen Gebäude untergebracht und verfügt über bescheidene Mittel und zu wenig Betten. Aber Daria, die Leiterin, ist eine meiner wichtigsten Kontaktpersonen, und alles, was ich ihr zustecke, gelangt in die richtigen Hände.

»Damit müsstet ihr durchkommen, bis ich mehr schicken kann.« Ich umfasse Darias Hände mit dem Bündel Geld und dem kleinen Korb mit Brot, die ich ihr gegeben habe.

Sie schnieft, und ihre Augen glänzen im schummrigen Kerzenlicht der kleinen Küche. »Danke, Sara! Ich kann nicht …« Von draußen ist ein Geräusch zu hören, und ihr Flüstern bricht ab.

Mein Herz krampft sich zusammen, und ich hole scharf Luft, mein Blick huscht zum dunklen Flur, und ich hoffe, dass keins der Kinder aus dem Bett gekommen ist.

Niemand darf wissen, dass ich hier bin.

»Ich muss gehen«, sage ich, nehme die Hände weg und ziehe mir die Kapuze über den Kopf. »Ich lasse dir eine Nachricht zukommen, sobald ich kann, um mich zu vergewissern, dass es euch gut geht.«

Daria schüttelt den Kopf. »Du hast schon so viel getan.«

»Bitte«, schnaube ich. »Das ist kaum genug.«

Die Uhr...