1. KAPITEL
„Niemand wird dir Geld leihen, Selene. Sie haben alle zu viel Angst vor deinem Vater.“
„Nicht alle.“ Selene setzte sich auf die Bettkante und streichelte ihrer Mutter über das Haar. „Mach dir keine Sorgen. Ich werde dich von hier wegbringen.“ Sie sagte „von hier“, meinte aber, wie sie beide wussten, „von ihm“.
„Das sollte eigentlich ich dir versprechen“, erwiderte ihre Mutter kläglich. „Ich hätte ihn schon vor Jahren verlassen sollen. Aber als ich deinen Vater kennengelernt habe, war er so charmant. Alle Frauen rissen sich um ihn, und er hatte nur Augen für mich. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Gefühl ist?“
Wie sollte ich, wo ich doch den größten Teil meines Lebens auf dieser Insel gefangen gewesen bin? schoss es Selene durch den Kopf. Aber sie wollte ihrer Mutter nicht noch mehr wehtun. „Es muss sehr aufregend gewesen sein“, sagte sie deshalb. „Er war so reich und mächtig.“ Sie würde niemals den Fehler machen, sich von ihren Gefühlen über den wahren Charakter eines Mannes täuschen lassen.
„Ach, warum reden wir überhaupt von weggehen, wo wir doch genau wissen, dass er uns nie fortlassen wird? Er wird alles tun, um der Welt da draußen das Bild der perfekten Familie zu bieten.“ Ihre Mutter drehte sich mit dem Gesicht zur Wand.
„Wir fragen ihn gar nicht“, meinte Selene unbeirrt. „Es istunsere Entscheidung. Höchste Zeit, der Welt zu zeigen, dass das Bild von der heilen Familie eine Lüge ist.“
Es wunderte sie nicht, dass ihre Mutter stumm blieb. Zu lange hatte ihr Vater ihr Leben diktiert und kontrolliert.
Trotz der drückenden Sommerhitze und der Tatsache, dass ihr festungsähnliches Heim keine Klimaanlage hatte, fröstelte Selene. Wie viele Jahre dauerte es, bis der Mensch den Glauben verlor, dass es sich lohnte, um sein Leben zu kämpfen? Wie viele Jahre, bevor sich Hoffnung zu Hilflosigkeit wandelte, Zorn zu Duldung und der Widerstandsgeist gebrochen wurde? Wie viele Jahre, bis auch sie sich wie ihre Mutter lieber im Bett mit dem Gesicht zur Wand drehen würde, anstatt sich dem Leben zu stellen?
Hinter den geschlossenen Fensterläden schien die Sonne an einem strahlend blauen Himmel, und das Mittelmeer glitzerte in unwahrscheinlichem Blau. Für viele Menschen waren die griechischen Inseln ein Paradies. Für manche der Inseln mochte das zutreffen. Selene kannte nur diese eine, und Antaxos war alles andere als ein Paradies. Abgeschnitten von den Nachbarinseln durch gefährliche Untiefen, in denen Felsen wie die spitzen Zähne eines Monsters aus dem Meer ragten, und durch den Angst einflößenden Ruf des Eigentümers, kam Antaxos eher der Hölle als dem Himmel gleich.
Fürsorglich deckte Selene ihre Mutter mit dem kühlen Laken zu. „Überlass alles mir.“
„Mach ihn nicht wütend.“
Eine verzweifelte Warnung, die Selene schon so oft gehört hatte, dass sie es gar nicht mehr zählen konnte.
Traurig betrachtete sie ihre Mutter. Deren kühle, nordische Schönheit hatte einst die Aufmerksamkeit des reichen Playboys Stavros Antaxos erregt, und geblendet von Reichtum und Macht, war sie seinem Charme erlegen, ohne zu erkennen, was für ein Despot er eigentlich war.
Eine falsche Wahl, dachte Selene. Ihre Mutter hatteeine falsche Wahl getroffen, und die Folgen hatten dafür gesorgt, dass sie im Lauf der Jahre all ihren