2. Die tragfähige Beziehung in der traumafokussierten Therapie
Viele der Kinder und Jugendlichen, die sich in unseren Praxen vorstellen, haben Traumata innerhalb für sie wichtiger Beziehungen oder Bezugssysteme erlebt. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Bezugspersonen überfordert waren oder aus anderen Gründen nicht in der Lage, ihnen den Schutz und die feinfühlige und engmaschige Unterstützung zu geben, die sie gebraucht hätten. Viele erleben eine nachhaltige Erschütterung ihres Selbst- und Weltbildes.
Nach allen Erschütterungen und Vertrauensbrüchen, die die 16-jährige Lena erlebt hat, hätte sie allen Grund gehabt, ihrem Therapeuten mit großer Skepsis zu begegnen. Ihre Mutter leidet unter einer chronischen Erkrankung und hat Mühe, für ihre drei Kinder zu sorgen. Lenas leiblicher Vater verließ die Familie nach der Geburt des jüngsten Geschwisters, da war Lena vier. Als sie zehn war, zog ein neuer Mann zu Hause ein. Er kümmerte sich gut um Mama und die Kinder, baute eine neue Küche ein und wurde von Nachbarn und Freunden sehr für seine Großherzigkeit und seine ruhige Art bewundert. Lena konnte verschnaufen, sie fühlte sich als Älteste nicht mehr ganz so verantwortlich für die Familie, insbesondere wenn Mama wegen eines Krankheitsschubes nicht viel machen konnte. Sie ließ sich gerne von ihm in den Arm nehmen und kuschelte sich oft dankbar an ihn. Lenas Welt brach zusammen, als sie zwölf war und der Stiefvater begann, sie beim Kuscheln sexuell zu berühren. Über die Zeit schuf er immer wieder Situationen, in denen er sie zwang, sexuelle Handlungen an ihm auszuführen. Lena verstand die Welt nicht mehr. Wie sollte sie sich verhalten? Wie konnte es sein, dass die Person, die ihr Halt gab und der sie vertraute, ihr plötzlich solche Angst machte?
Wie wir inKapitel 1 beschrieben haben, beruhen Traumafolgestörungen zunächst auf überlebensnotwendigen biologischen und psychologischen Anpassungsversuchen an widrige Lebensumstände. Finden Kinder keinen Weg zurück aus ihrem Überlebensmodus in einen entspannten, offenen und bindungsorientierten Zustand, in dem sie das Erlebte verarbeiten können, werden aus ursprünglichen Anpassungsversuchen störende Symptome, die aktuelle Beziehungen belasten. Während die erworbenen Schutzstrategien bei der Beziehungsgestaltung durch den Blick der Traumabrille Sinn ergeben, bringen sie für die therapeutische Arbeit besondere Herausforderungen mit sich. Erstaunlicherweise gelingt es in den meisten Fällen dennoch rasch, eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen, wenn wir einige traumaspezifische Punkte berücksichtigen und typische Fallen vermeiden. Dafür möchten wir Sie in diesem Kapitel sensibilisieren.
Eine in der Arbeit mit traumatisierten Menschen mindestens genauso wichtige Grundlage für die gelingende Therapie ist der Umgang mit uns selbst – innerhalb und außerhalb der Therapiestunden. Das ergibt sich aus der Interaktion zwischen einer besonderen Feinfühligkeit der Patient:innen für Beziehungssignale und unserer eigenen emotionalen Reagibilität. Auf der einen Seite stehen die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen. Ihre Bedürfnisse wurden in der Vergangenheit durch andere Menschen nicht wahrgenommen. Sie haben immer wieder erlebt, dass ihre psychischen oder physischen Grenzen missachtet wurden. Um wenigstens etwas Vorhersehbarkeit und Kontrolle zu schaffen, haben sie ein feines Gespür für den Zustand der Menschen in ihrer Umgebung entwickeln müssen. Sie bemerken oft ganz genau, wie es uns als Therapeut:innen geht und was sie uns zumuten dürfen und können. Gleichzeitig spüren sie oft auch besser als andere Kinder und Jugendliche, was von ihnen erwartet wird, um anderen zu gefallen, um anderen ein gutes Gefühl zu vermitteln und um sie auf keinen Fall zu enttäuschen oder gar gegen sich aufzubringen. Und so begegnen sie auch uns in der therapeutischen Beziehung.
Auf der anderen Seite steht unsere emotionale Ansprechbarkeit. Die Geschichten dieser Kinder zu hören, geht an uns als Therapeut:innen nicht immer spurlos vorüber. Die Abgründe, in die wir mit den Kindern bisweilen blicken, übersteigen das, was wir uns vorstellen möchten. So sollte eine Welt, in der Kinder aufwachsen, nicht sein. Dadurch wird unser Bedrohungssystem aktiviert. Auch erfahrene Therapeut:innen können zeitweise überwältigt sein und mit Gefühlen von Entsetzen, Ohnmacht und Wut in Kontakt kom