1. Was ist EFIT? Wir zeigen es Ihnen!
Dieses Kapitel soll Ihnen schnappschussartig zeigen, wie der Veränderungsprozess bei einer Klientin abläuft, die durch extreme sexuelle und physische Gewalt in der Kindheit schwer traumatisiert wurde und noch immer unter den Folgen leidet. So erfüllt Henny im gleich folgenden Fallbeispiel sämtliche Kriterien für eine komplexe entwicklungsbedingte Posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS). Damit Sie sich ein Bild machen können, wie EFIT in der Praxis aussieht und vor den abstrakteren Begriffen der Theorie und Praxis erst einmal ein Bauchgefühl dafür bekommen, schauen wir uns einige Interventionen an, die die Therapeutin (Sue Johnson) mit ihr durchführt.
Hennys Portrait einer Veränderung umfasst Ausschnitte aus Sitzungen der Anfangsphase, vom Ende der Phase 1 (Stabilisierung) und schließlich aus Phase 2 (Restrukturierung, Erweiterung der Arbeitsmodelle des Selbst und des anderen), wo Henny einschneidende Veränderungen an der Organisation ihrer emotionalen Welt und an ihrem Selbstbild vornimmt. Letzteres zuerweitern ist das ultimative Ziel der EFIT, um derEinengung entgegenzuwirken, die nicht nur in der Person selbst, sondern häufig auch im Kontakt mit anderen chronisches psychisches Leid verursacht. Dazu stimmt sich die EFIT-Therapeutin in jedem Moment auf die Klientin ein, wobei sie sich an der Landkarte der elementaren menschlichen Verletzlichkeiten orientiert, die ihr die Theorie und Wissenschaft der Bindung an die Hand gibt (Johnson 2020b). Die in jeder Einzel-, Paar- oder Familiensitzung genutzte Makro-Intervention namens EFT-Tango wird in diesem Kapitel nur angerissen und neben weiteren Mikro-Interventionen im späteren Verlauf des Buchs detailliert erläutert.
Fallbeispiel: Henny
Kichernd und mit federndem Schritt betritt Henny mein Zimmer. Sie hat volle blonde Locken und trägt schwere Wanderstiefel. Sie spricht sehr schnell und geht sofort in den Kontakt zu mir. Mit ihren 50 Jahren hat sie verschiedene Berufe ausgeübt. Zurzeit arbeitet sie als Fachlektorin und Sportlehrerin. Sie hat zwei Kinder im Teenageralter, Vinnie und Veronica, die sie seit dem Aus ihrer Ehe vor neun Monaten allein erzieht. Tom, ihren Ex-Mann, ein Zahnarzt, den sie mit 18 kennenlernte, hat sie wegen seiner extremen Alkohol-, Kokain- und Spielsucht hinausgeworfen. Dies ist schon ihr dritter Trennungsversuch. Die beiden Male davor ist sie in eine andere Stadt „abgehauen“, wie sie sagt, jetzt sei es aber „endgültig“. Sie nennt mir den Grund für die Therapie: „Ich befinde mich ständig im Überlebensmodus, lebe von Moment zu Moment.“ Nun sei sie „ausgelaugt“: „Ich mache total dicht und schlafe den ganzen Tag.“
Ohne Luft zu holen sprudelt sie heraus: Bei der Geburt ihres zweiten Kindes sei Tom völlig high im Krankenhaus erschienen und dann seien auch noch ihre Eltern völlig überraschend von der anderen Seite des Kontinents angereist, um das neue Baby zu begutachten. Das habe bei ihr laut Diagnose eine PTBS ausgelöst. Eine Woche sei sie wie in „Trance“ gewesen, „katatonisch“. Dies passt zu ihren Werten auf der Traumasymptom-Skala (TSI-2, Briere 2011), die bei Therapiebeginn in allen Hauptkriterien bis auf eines (Suizidalität) erhöht sind und Behandlungsbedarf signalisieren. Direkt nach der katatonen Episode bekam sie hochdosierte Medikamente, jetzt nimmt sie nur ein moderat dosiertes Anxiolytikum. Die Symptome ließen zwischenzeitlich nach, doch seit Toms Rauswurf leidet sie an Albträumen, Niedergeschlagenheit und Panikattacken sowie an intensiven Flashbacks im Zusammenhang mit dem Kindheitstrauma, das sie erlitten hat, als ihr Vater sie und ihre Schwester bis zum Einsetzen der Pubertät mehrmals betäubte und vergewaltigte. Wenn es Schlafenszeit war