: T. Leanne Campbell, Sue Johnson
: Emotionsfokussierte Einzeltherapie (EFIT)
: Junfermann Verlag
: 9783749504404
: 1
: CHF 35.30
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 248
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wachstum bei jedem Einzelnen fördern Die Emotionsfokussierte Therapie ist vor allem als richtungsweisende, empirisch validierte Paarintervention bekannt. Doch schon immer wird sie, besonders in der Behandlung von Depressionen, Ängsten oder Traumafolgen, auch im Einzelsetting angewandt. Wie sich im Lauf der Entwicklung herauskristallisiert hat, sind für die positiven und nachhaltigen Ergebnisse dieses Ansatzes vor allem zwei Faktoren relevant: - Erstens die gestochen scharfe Landkarte in Form der 'Bindungstheorie' genannten entwicklungspsychologischen Theorie der Persönlichkeit und - zweitens der Fokus auf die systematische Rekonstruktion des in der Sitzung auftretenden emotionalen Erlebens. Therapeut:innen erhalten eine praxisnahe Einführung in die EFIT. 'Dieses Buch ist voller Geschichten, Bilder und Informationen, mit deren Hilfe Sie in jeder Sitzung transformative Momente schaffen können. [...] Mit der genauen Landkarte in der Hand fühlen wir uns selbstsicher und kompetent und das überträgt sich auf unsere Arbeit, macht unsere Interventionen zielgenauer, führt bei unseren Klient:innen zu besseren Ergebnissen und bei uns viel seltener zu Burnout.' Susan M. Johnson& T. Leanne Campbell

T. Leanne Campbell ist Co-Direktorin des Vancouver Island Centre for EFT und der Campbell& Fairweather Psychology Group sowie Honorary Research Associate der Vancouver Island University.

1. Was ist EFIT? Wir zeigen es Ihnen!


Dieses Kapitel soll Ihnen schnappschussartig zeigen, wie der Veränderungsprozess bei einer Klientin abläuft, die durch extreme sexuelle und physische Gewalt in der Kindheit schwer traumatisiert wurde und noch immer unter den Folgen leidet. So erfüllt Henny im gleich folgenden Fallbeispiel sämtliche Kriterien für eine komplexe entwicklungsbedingte Posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS). Damit Sie sich ein Bild machen können, wie EFIT in der Praxis aussieht und vor den abstrakteren Begriffen der Theorie und Praxis erst einmal ein Bauchgefühl dafür bekommen, schauen wir uns einige Interventionen an, die die Therapeutin (Sue Johnson) mit ihr durchführt.

Hennys Portrait einer Veränderung umfasst Ausschnitte aus Sitzungen der Anfangsphase, vom Ende der Phase 1 (Stabilisierung) und schließlich aus Phase 2 (Restrukturierung, Erweiterung der Arbeitsmodelle des Selbst und des anderen), wo Henny einschneidende Veränderungen an der Organisation ihrer emotionalen Welt und an ihrem Selbstbild vornimmt. Letzteres zuerweitern ist das ultimative Ziel der EFIT, um derEinengung entgegenzuwirken, die nicht nur in der Person selbst, sondern häufig auch im Kontakt mit anderen chronisches psychisches Leid verursacht. Dazu stimmt sich die EFIT-Therapeutin in jedem Moment auf die Klientin ein, wobei sie sich an der Landkarte der elementaren menschlichen Verletzlichkeiten orientiert, die ihr die Theorie und Wissenschaft der Bindung an die Hand gibt (Johnson 2020b). Die in jeder Einzel-, Paar- oder Familiensitzung genutzte Makro-Intervention namens EFT-Tango wird in diesem Kapitel nur angerissen und neben weiteren Mikro-Interventionen im späteren Verlauf des Buchs detailliert erläutert.

Fallbeispiel: Henny


Kichernd und mit federndem Schritt betritt Henny mein Zimmer. Sie hat volle blonde Locken und trägt schwere Wanderstiefel. Sie spricht sehr schnell und geht sofort in den Kontakt zu mir. Mit ihren 50 Jahren hat sie verschiedene Berufe ausgeübt. Zurzeit arbeitet sie als Fachlektorin und Sportlehrerin. Sie hat zwei Kinder im Teenageralter, Vinnie und Veronica, die sie seit dem Aus ihrer Ehe vor neun Monaten allein erzieht. Tom, ihren Ex-Mann, ein Zahnarzt, den sie mit 18 kennenlernte, hat sie wegen seiner extremen Alkohol-, Kokain- und Spielsucht hinausgeworfen. Dies ist schon ihr dritter Trennungsversuch. Die beiden Male davor ist sie in eine andere Stadt „abgehauen“, wie sie sagt, jetzt sei es aber „endgültig“. Sie nennt mir den Grund für die Therapie: „Ich befinde mich ständig im Überlebensmodus, lebe von Moment zu Moment.“ Nun sei sie „ausgelaugt“: „Ich mache total dicht und schlafe den ganzen Tag.“

Ohne Luft zu holen sprudelt sie heraus: Bei der Geburt ihres zweiten Kindes sei Tom völlig high im Krankenhaus erschienen und dann seien auch noch ihre Eltern völlig überraschend von der anderen Seite des Kontinents angereist, um das neue Baby zu begutachten. Das habe bei ihr laut Diagnose eine PTBS ausgelöst. Eine Woche sei sie wie in „Trance“ gewesen, „katatonisch“. Dies passt zu ihren Werten auf der Traumasymptom-Skala (TSI-2, Briere 2011), die bei Therapiebeginn in allen Hauptkriterien bis auf eines (Suizidalität) erhöht sind und Behandlungsbedarf signalisieren. Direkt nach der katatonen Episode bekam sie hochdosierte Medikamente, jetzt nimmt sie nur ein moderat dosiertes Anxiolytikum. Die Symptome ließen zwischenzeitlich nach, doch seit Toms Rauswurf leidet sie an Albträumen, Niedergeschlagenheit und Panikattacken sowie an intensiven Flashbacks im Zusammenhang mit dem Kindheitstrauma, das sie erlitten hat, als ihr Vater sie und ihre Schwester bis zum Einsetzen der Pubertät mehrmals betäubte und vergewaltigte. Wenn es Schlafenszeit war