2. Bindung – die beste Überlebensstrategie
Sollten Sie von einem Ratgeber erwarten, als Erstes auf Themen wie „sich verlieben“, „Liebe machen“ oder „Kommunikation in der Paarbeziehung“ zu stoßen, müssen wir Sie leider enttäuschen. Dennoch beginnen wir direkt mit einem zentralen Thema, das uns alle als Menschen verbindet und von John Bowlby, Kinderpsychiater an der Tavistock-Klinik in London, vor 80 Jahren mit folgenden Worten umrissen wurde:
„Wer von uns würde sich nicht fürchten, wenn er allein an einem fremden Ort und im Dunkeln eine plötzliche Bewegung wahrnehmen oder ein seltsames Geräusch hören würde. Hätten wir dagegen auch nur einen tapferen Gefährten bei uns, wären wir wahrscheinlich viel unerschrockener und würden schnell wieder Mut fassen. Das Alleinsein jedoch macht uns alle zu ‚Feiglingen‘.“17
Damit fasste Bowlby in Worte, was viele Fachleute aus Praxis und Forschung zum damaligen Zeitpunkt sich nur zögerlich zu sagen trauten: dass nämlich dasBedürfnis des Menschen nach anderen Menschen das ist, was ihn ausmacht. Wir sind von Natur aus auf Gemeinschaft, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung angelegt, um die Wechselfälle des Lebens zu meistern sowie Freud und Leid miteinander zu teilen. Diese Feststellung gilt für alle Menschen – ganz gleich, welchem Geschlecht, welcher Gesellschaftsschicht oder welcher Kultur sie angehören und woher sie stammen. Für manche von Ihnen mögen sich diese Sätze, die unser elementares Bedürfnis nach Nähe anerkennen, erleichternd anhören. Für andere dagegen ist die Vorstellung, es als normal und gesund zu bezeichnen, von anderen abhängig zu sein, eher befremdlich. Wieder anderen macht die Vorstellung, abhängig zu sein bzw. dass andere von ihnen abhängig sein könnten, unter Umständen regelrecht Angst. Und vielleicht sind auch Sie selbst es gewohnt, vollkommen unabhängig zu agieren.
Haben Sie deshalb bitte ein wenig Geduld mit uns. Bevor wir uns so wichtigen Beziehungsthemen wie Kommunikation, Emotionen, Interaktionen, Sex usw. zuwenden, wollen wir uns zunächst mit den Grundlagen befassen: Als Menschen sind wir existenziell auf andere angewiesen. Und zwar nicht auf irgendwelche Menschen, sondern auf Menschen, die bedeutsam für uns sind. Nachdem Generationen von Psychotherapeut*innen die Ansicht vertraten, es seiinfantil, als Erwachsene auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen zu sein, verstand Bowlby nicht nur die ungeheure Bedeutung besonderer und nicht austauschbarer Bindungen zwischen Säuglingen und Kleinkindern und ihren Bezugspersonen,sondern auch, dass dies genauso für die Beziehung zwischen Erwachsenen und ihren Beziehungspartner*innen, nahen Verwandten und guten Freunden gilt. Tatsächlich gibt uns schon allein das Wissen, dass zumindest einige für uns wichtige Menschen in Gedanken bei uns sind, Sicherheit – unabhängig davon, wie alt wir sind. Bowlby zufolge begleitet uns das Bindungsbedürfnis „von der Wiege bis zur Bahre“.18 Mit diesem damals erfrischend neuen Gedanken gelang es ihm, das Denken in Medizin, Pädagogik und Psychologie zu revolutionieren.
Wie sieht das heute aus? Für die meisten Menschen ist es ganz selbstverständlich, sich zu schmerzhaften oder beängstigenden Untersuchungen und medizinischen Eingriffen von einem vertrauten Menschen begleiten zu lassen: Muss ein Kind im Krankenhaus behandelt werden, dürfen die Eltern selbstverständlich bei ihm übernachten. Frauen haben die Möglichkeit, sich im Kreißsaal bei der Geburt ihres Kindes vom werdenden Vater oder von anderen nahestehenden Menschen halten und unterstützen zu lassen. In Kindergärten