: Marina Jenkner
: Die Geschichtenlauscherin
: Books on Demand
: 9783756873586
: 1
: CHF 6.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 234
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Von klein auf lauscht Agnes den Gesprächen anderer Menschen, hinter denen sich ganze Geschichten auftun. So liebt sie es auch, in einer Hochhaussiedlung zu wohnen und zwischen Flurgeräuschen und Straßen-Smalltalk mehr über ihre Nachbarn zu erfahren. Glücklich nimmt sie den Job als Bürokraft in einer Psychologischen Praxis an und taucht in die Patientenschicksale ein. Doch während sie tagsüber die Lebensgeschichten der Klienten in den Computer tippen muss, sieht sie abends hilflos zu, wie ihr alter ostpreußischer Nachbar Theophil mit zunehmender Demenz seine Geschichte immer mehr verliert. Agnes selbst hält sich für langweilig und geschichtenlos. Doch ist sie das wirklich? Ein Buch über Lebensgeschichten, die gehört werden wollen. »... den Dreck von draußen muss sie abwaschen, die Geschichten von draußen nicht. Die merkt sie sich jeden Tag. Sie bleiben an ihr kleben wie der Schmutz an ihren Fingern.«

Marina Jenkner wurde 1980 in Detmold geboren und studierte Germanistik, Kunst- und Designwissenschaften und Architektur in Wuppertal. Seit 2006 arbeitet sie als freiberufliche Schriftstellerin, Filmemacherin und Werbetexterin. Am liebsten erzählt sie Geschichten von Menschen, die aus der gesellschaftlichen Norm fallen. Neben diversen Lesungsprogrammen, Kurzfilmen und Kurzgeschichten veröffentlichte sie 2003 den Langspielfilm »Blaue Ufer«, 2006 den Lyrikband »WUPPERlyrik« im Labonde Verlag Grevenbroich, 2007 das Kurzgeschichtenbuch »Nimmersatt und Hungermatt« im Verlag Frauenoffensive München und 2009 den Dokumentarfilm »Und tschüss, Hormone!«. 2019 erschien ihr Flüchtlingsroman »Die UnWillkommenen« im Größenwahn Verlag Frankfurt. 2022 legte sie die Romanversion ihres Langspielfilms »Blaue Ufer« vor. 2023 folgte der Roman »Die Geschichtenlauscherin«. Marina Jenkner ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und in der GEDOK Wuppertal. Sie war Dozentin für Kreatives Schreiben an der Junior-Uni Wuppertal und führt Lesungen und Schreibworkshops in Schulen durch. Seit 2015 betreibt sie den Kulturort »Die arme Poetin« und tritt in gleichnamigen Bühnenprogrammen auf. Mehr auf marina-jenkner.de und auf Instagram unter marinas.buch.geschichten .

Als die Märzsonne die erste Frühlingswärme brachte, wollte Agnes mit Opa Theophil einen kleinen Spaziergang machen. Gewiss würde dem alten Mann etwas frische Luft mal ganz guttun.

Schließlich konnte er noch recht sicher laufen, doch er verließ seine Wohnung konsequent nicht, sondern schuf sich stattdessen in ihr seine eigene Welt, die ihn völlig einnahm, während Agnes immer weniger Zugang zu ihm fand.

Sie ging in seine Wohnung, das Wohnzimmer war leer, Agnes sah in der Küche, im Bad und im Schlafzimmer nach, doch Opa Theophil war nirgends zu sehen. Agnes spürte, wie Angst in ihr hochstieg – vielleicht war er auf dem Balkon – sie ging zurück ins Wohnzimmer, doch die Balkontür war verschlossen. Da sah sie die Stehlampe hinter dem Sofa verdächtig schaukeln und trat einen Schritt näher. Opa Theophil hockte hinter dem Sitzmöbel, krabbelte über den Teppich und berührte mit seiner rechten Hand die Knüpfmuster.

»Was machen Sie da, Opa Theophil?«

»Ich suche das Gold.«

»Welches Gold denn? Haben Sie Schmuck verloren?«

Opa Theophil reagierte nicht, sondern suchte weiter den Teppich ab bis hin zum Fenster, dann fuhr er über die Fensterbank, griff nach etwas und hielt es hoch. »Gucken Sie sich das an. So ein schöner Bernstein.«

Erst jetzt erkannte Agnes voller Ekel, dass Opa Theophil einen toten Brummer in der Hand hielt.

»Aber das ist eine tote Fliege«, sagte sie.

»Ja«, strahlte er. »Mit Einschluss. So etwas ist sehr wertvoll.«

Agnes seufzte. »Geben Sie es mir?«

Opa Theophil sah sie misstrauisch an und schüttelte den Kopf.

»Bitte.«

Seine Augen funkelten. »Sie wollen ihn mir nur wegnehmen.«

Agnes wandte sich vo