Kapitel 1
„Ach wie gut, dass niemand weiß …“, hat meine Mutter immer sagt, wenn ich sie nach meinem Vater gefragt habe. In manchen Ohren klingt das abenteuerlich, aber das, was sie danach sagte, klang noch unglaublicher.
Als ich klein war, erzählte sie mir nette kleine Geschichten über das Leben mit meinem Vater, aber als ich älter wurde, nahm sie an, dass ich fähig war, die ganze Wahrheit zu vertragen.
Zu meinem 12. Geburtstag schenkte sie mir einen besonders hübschen Spiegel, in dem ich mich einmal genau betrachten sollte. Zur Erklärung sagte sie: „Meine süße Keira, du bist etwas ganz Besonderes, und das hast du von deinem Vater geerbt. Er war nämlich ein Außerirdischer und hat uns nur ganz kurz besucht. Deswegen wirst du jetzt auch verstehen, dass er nicht warten konnte, bis du geboren wurdest. Außerirdische haben stets enorm wichtige Missionen, mit denen sie die Erde bereisen. Die Welt ist groß, und deswegen hatte er noch andere wichtige Stationen vor sich, zu denen er eilig aufbrach.“
So weit hatte ich ihre Geschichte verstanden, bisher hatte ich meinen Vater nicht vermisst, weil ich ihn nie gekannt habe. Aber der Spiegel weckte meine Neugier.
Ich sah Mama fragend an „Was soll ich damit? Ich bin nicht sehr eitel, und betrachte mich nicht täglich Dutzende Male.“
Sie seufzte und in ihrem Blick lag etwas Tragisches. „Dein Vater hat dir etwas vererbt. Es ist der „Klick“ in deine Augen. Wenn du jemanden mit diesem besonderen Augenblick anschaust, kann dir niemand etwas abschlagen.“
Mit dieser Erklärung war ich noch nicht zufrieden. Daher fragte ich nach. „Heißt das, dass ich zaubern kann?“
„In gewisser Weise, ja“, antwortete sie. „Wenn du diesen einen besonderen Blick mit diesen leuchtenden Fünkchen in den Augen anwendest und dir gleichzeitig etwas wünscht, wirst du augenblicklich Erfolg haben. Das kann natürlich auch sehr gefährlich sein, manches Mal für dich, aber auch für die anderen Menschen. Du musst also damit sehr behutsam und sparsam umgehen, um niemandem zu schaden.“
„Hast du das einmal bei meinem Vater erlebt?“ erkundigte ich mich vorsichtig.
Erneut seufzte sie, und ihr Blick wanderte in die Ferne. „Ja, an dem Abend, als ich ihn kennenlernte.“
Später wurde mir dann klar, dass ihre Begegnung etwas Zauberhaftes gewesen sein musste. Ich beschloss, sie nicht weiter zu fragen, um ihre goldenen Erinnerungen nicht zu entweihen.
Und nun sitze ich hier im Auto und fahre nach Sandalia, um einen extrem wichtigen politischen Geheimauftrag auszuführen. Vor mir liegt eine bezaubernde Landschaft mit sanften Hügeln und hohen dunkelgrünen Bäumen.
Die Straße schlängelt sich unentwegt bergauf und bergab, und ich hätte gute Lust, eine Abkürzung nehmen. Aber mein altes Auto ist gerade mit Ach und Krach durch die Prüfung für Verkehrstüchtigkeit gekommen, daher schlage ich mir den Gedanken aus dem Kopf, querbeet über die gemähten Wiesen zu fahren.
Sicher werde ich mir mit dem Geld, dem Lohn für meinen wichtigen Auftrag, bald einen neuen Wagen kaufen können.
Der azurblaue Himmel über mir stimmt mich optimistisch. Warum sollte ich es auch nicht schaffen, diese beiden unterschiedlichen Männer dazu zu bewegen, diesen Vertrag miteinander abzuschließen?! Schließlich geht es um ein gutes Geschäft für beide Parteien, und für mich fällt eine gute Provision ab.
Das Panorama nimmt Gestalt an, auf dem nächsten Hügel entdecke ich die altertümliche Stadt, die sich zur Krönung der Bergkuppe in sanften Pastellfarben malerisch darstellt.
Ich nehme den normalen Straßenverlauf und entdecke kurz vor dem Ortseingang einen Jungen, der am Straßenrand dahinschlendert.
Sein schwarzes Haar ist vom Wind zerzaust, sein gebräuntes Gesicht von der Sonne erhitzt.
„Ciao“, grüße ich ihn. „Kannst du mir sagen, wo ich hier die Pension Calzone finde?“
Er hebt die dunklen Augenbrauen und überlegt einen Augenblick. „Ja, klar. Das geht hier noch eine ganze Weile geradeaus, dann zweimal links, dann wieder rechts, hinter der Bar wieder links und zweimal rechts.“ Er lächelt und seine Zähne blitzen. „Einfacher ist es, wenn du mich gleich mitnimmst, dann bin ich besser als ein Navi.“
Ich lasse ihn einsteigen und fahre langsam an. „Prima, dass ich jetzt schon einen eigenen Stadtführer habe. „Wahrscheinlich wohnst du hier.“
„Gar nicht weit weg von der Pension. Machst du da Urlaub?“
„Ich sehe mir die Gegend an“, antworte ich mit einer Umschreibung, um nicht zu lügen. „Sicher hast du gerade Ferien.“
„Certamente, ja. Endlich mal ausschlafen!“
„Und was machst du sonst noch, wenn du nicht schläfst?“
Er dirigiert mich durch die Straßen. „Fußballspielen wie alle Männer. Interessierst du dich dafür?“
Ich überlege. Vielleicht werde ich mich hier dafür interessieren müssen, wenn das hier bei allen Männern so üblich ist. „Das kommt ganz darauf an. Spielst du selbst?“
„Ja, aber nicht im Verein. Nur so mit den Freunden. Aber ab und zu schaue ich hier, wenn mein Onkel Tonio ein Heimspiel hat. Das ist ein klasse Torwart! Den musst du dir unbedingt mal ansehen, wenn du länger hierbleibst.“
„Das lässt sich bestimmt einrichten. Du meldest dich einfach bei mir, wenn er spielt, und ich schaue dann, ob es gerade bei mir passt.“
Langsam lenke ich den Wagen durch die engen Gassen, die sich durch den idyllischen Ort bis zum Ausgang mit alten kleinen Häusern und pastellfarbenen Fassaden präsentieren.
Ein paar Kleingärten schließen sich an, hinter denen sich ein breites, altes Gebäude versteckt, das vor vielen Jahren sicher einmal ein stattlicher Gutshof gewesen ist.
Auf einem Holzschild lese ich den Namen „Pensione Calzone“ und atme erfreut auf. „Angekommen!“ freue ich mich.
„Freu dich nicht zu früh!“ warnt mich der Junge. „Der alte Nero ist in letzter Zeit ein Brummbär.“
„Dann willst du bestimmt nicht mit mir hineingehen“, vermutete ich, und er nickt eifrig.
„Er verträgt sich momentan nur mit seiner Schwester, die dafür sorgt, dass die Pension weiter geöffnet bleiben kann. Anna ist sehr nett. Sie bäckt die besten Plätzchen der Welt.“
„Das ist ein Lichtblick“, finde ich und halte den Wagen an.
Der Junge springt hinaus. „Wie heißt du eigentlich?“
„Keira“, antworte ich ihm bereitwillig, „und wie kann ich dich nennen?“
„Marco, Marco der Dritte. Das ist wichtig, damit ich nicht mit meinem Vater und meinem Großvater verwechselt werde. Aber meine Freunde nennen mich Leone, den Löwen.“
„Und wie kommst du zu diesem Spitznamen?“ frage ich ihn interessiert.
„Das ist ganz blöd entstanden“, antwortet er grinsend. „Wir waren mit der Schulklasse in Venedig, da habe ich mich neben dem Löwen auf dem Markusplatz fotografieren lassen, das hat meine Freunde dann auf die Idee gebracht, dass ich Marco, der Löwe sei.“
„Finde ich gut! Ich mag diese großen Katzen. Sie haben tatsächlich etwas Majestätisches an sich. Kein Wunder, dass sie früher auch schon den Königen und anderen Regenten gefallen haben.“
Er reckt sich. „Na, gut. Dann mach ich mich mal auf den Weg. Hab noch was zu erledigen. Und viel Spaß dann mit dem alten Brummbären!“ fügt er grinsend hinzu.
„Möchtest du ein paar Cent in dein Sparschwein für deine Hilfe, oder soll ich dich lieber in den nächsten Tagen zu einem Eis einladen?“
Er schüttelt den Kopf und schmunzelt. „Nein, lass es! Es hat mir Spaß gemacht, in deinem alten Klapper-Auto zu fahren. Warum fährst du eigentlich so einen alten Wagen?“
Was für eine Frage! Sie verdient eine ausgefallene Antwort. „Ich fahre nicht gern schnell. Eine Fahrt mit einem Rennwagen wäre ein Horror für mich. Aber bei so einem alten Auto habe ich immer die gute Ausrede, dass er bei einer schnellen Fahrt auseinanderfallen könnte.“
„Hey! Du bist gut drauf! Ich kann mir vorstellen, dass du gute Ideen für meinen Onkel Tonio hast.“
„Wozu braucht er gute Ideen? Ist er in der Werbebranche?“
„Wo denkst du hin? Er versucht Geld aufzutreiben für den Fußballverein Verein, und er spendiert den ausgewählten Geschäftsleuten ziemlich viel Wein aus unserer Herstellung, damit sie spendierfreudig werden. Aber ich habe ihm immer schon gesagt, er braucht gute Argumente, das ist doch viel preiswerter.“
„Du wirst bestimmt mal ein guter Geschäftsmann“, finde ich. „Weißt du schon, was du einmal werden willst?“
„Na, das ist doch sonnenklar. Ich soll den Betrieb meines Vaters und meines Großvaters weiterführen....