: Alicia Sommerfeld
: Künstliche Intelligenz und Rhetorik Kulturwissenschaftliche Untersuchungen der Rhetoriken Künstlicher Intelligenz
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783111199894
: Rhetorik-ForschungenISSN
: 1
: CHF 93.20
:
: Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft
: German
: 331
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Wer unsere heutige Medienwirklichkeit verstehen will, kommt nicht umhin, sich mit den Technologien rund um Künstliche Intelligenz (KI) und Algorithmen auseinanderzusetzen. Folgerichtig hat sich in jüngerer Zeit innerhalb der Geistes- und Kulturwissenschaften ein Forschungsstrang entwickelt, der diese Technologien - zumeist aus kritisch-interventionistische Perspektive - ins Zentrum rückt.

Die vorliegende Arbeit widmet sich dagegen 'postkritisch' und 'bottom-up' den gesellschaftlichen Selbstbeobachtungen im Hinblick auf die KI-Technologien im öffentlichen Diskurs und entwickelt für deren Erforschung das Programm einer Medienkulturrhetorik. Dieses Programm bringt Kulturwissenschaft und Rhetorik zusammen, um die Handlungsmöglichkeiten spätmoderner Subjekte im 'KI-Zeitalter' zu ergründen, und wird im Rahmen einer empirischen Fallstudie zur massenmedialen Berichterstattung über KI und der Auseinandersetzung mit ebendieser in den sozialen Medien am Beispiel Facebook erprobt.

Anspruch dieser Untersuchung ist es, sowohl einen Beitrag zur Weiterentwicklung kulturwissenschaftlicher Methodologie als auch für ein tieferes Verständnis unserer Kulturen zu leisten und dabei zugleich Anknüpfungspunkte für die (didaktische) Praxis zu bieten.

1 Einleitung


How are we free when we let algorithms take control?1 lautet eine Zeile des SongsFollowers des niederländisch-amerikanischen DuosArea21 aus dem Jahr 2021, in dem die Beschränkungen des Selbst in der gegenwärtigen, von sozialen Medien geprägten, Lebenswirklichkeit reflektiert werden. Eine beiläufige Frage, wie sie in vielen anderen popkulturellen und massenmedialen Erzeugnissen aufgeworfen werden könnte und wird – in Filmen, Romanen, Zeitungsartikeln, Social-Media-Postings. Sie dreht sich um die Figur desAlgorithmus und instanziiert zugleich eine Wahrheit über ebendiese:Wir Menschen haben Algorithmen die Kontrolle über unsere Freiheit übernehmen lassen. Spannend ist daran, dass ein vormals insbesondere in mathematischen und informatischen Kontexten vorkommender Begriff wie der desAlgorithmus mittlerweile auf eine Weise in den öffentlichen Diskurs migriert ist, dass er in scheinbar unbedeutenden symbolischen Versatzstücken wie demjenigen eines beliebigen Musikstücksen passant eingestreut wird, voraussetzend, dass die Rezipienten2 damit etwas anfangen können. In solchen Versatzstücken findet sich somit ein Hinweis darauf, dass „der“Algorithmus zu einer Deutungskategorie spätmoderner Gesellschaften geworden ist, die es zu examinieren gilt. Eng damit verbunden ist der oftmals im selben Atemzug genannte Begriff derKünstlichen Intelligenz (KI).

KI-Anwendungen sind heutzutage geradezu omnipräsent und finden sich in mannigfaltigen Alltagsbereichen: In der Arbeitswelt werden neben einfachen Arbeitsaufgaben zunehmend auch komplexere Tätigkeiten durch KI übernommen wie etwa das (kreative) Schreiben oder das Lösen juristischer Fälle. In der Freizeit werden Kaufentscheidungen (z. B. Amazons Empfehlungs-Algorithmus), Restaurantbesuche (z. B. Bewertungsportale wie TripAdvisor oder Yelp), aber auch Wissensbestände (zu denken wäre an Wikipedia oder Google) zunehmend durch KI-Systeme figuriert. Algorithmen werden die neuen „Gatekeeper“ von Verlagen, Beethovens unvollendete 10. Sinfonie wird durch KI „vollendet“3. In der Kriegsführung wird auf „intelligente“ Drohnen, in der Medizin auf „intelligente“ Diagnostikverfahren vertraut. Die immense Bedeutungszunahme von KI-Technologien in den letzten Jahren schlägt sich nicht nur implizit in beiläufigen Songzitaten nieder, sondern auch explizit in der öffentlichen Diskussion. Über die (Un-)Möglichkeitspotenziale von KI und Algorithmen wird leidenschaftlich debattiert. Elon Musk und Mark Zuckerberg stehen paradigmatisch für den Streit um die Zukunft der Menschheit im LichteKünstlicher Intelligenz, zwischen Dystopie und Utopie.4

Ein Blick in die Mediengeschichte lehrt, dass neue5 Technologien stets von Aneignungspraktiken begleitet werden, die über den Erfolg der Technologie und die Art von deren Implementierung entscheiden. DieForm des Mediums präfiguriert zwar bestimmte Nutzungsweisen, determiniert diese jedoch nicht. Was mit einem Medium geschieht, ist technologisch nicht vollends kontrollierbar, sondern zeigt sich erst im komplexen Wechselspiel von Kultur und Technologie, Subjekt und Objekt, Materie und Diskurs.6 Das „Neue“ und Gegenwärtige scheint dabei stets dasExzeptionelle, dasSinguläre, zu sein, das mit seinem disruptiven Potenzialdiesm