Ryder verstand nicht, warum die Erwachsenen aufgebracht waren. Er fand den Ausblick vom Panoramafenster des Labors spannend. Dieses riesige, finstere Loch im Weltall schien alles Licht in der Umgebung zu verschlucken. Ein glühender, unregelmäßiger Ring aus hellen und dunklen Wirbeln umgab das schwarze Zentrum und erzeugte ein faszinierendes Schauspiel.
»Wir hätten den Berechnungen des Bordcomputers nicht vertrauen dürfen!«, rief Ophelia aufgebracht, raufte sich die kurzen weißen Haare und lief vor den Brutkammern, die aussahen wie riesige Eier, auf und ab. »Wir sind viel zu nah heran geflogen und haben nun keine Chance mehr, der Schwerkraft zu entkommen!«
»Hör auf, so hysterisch zu sein«, knurrte Drex und hob Ryder auf den Arm. »Du machst dem Kleinen Angst.«
»Er hat Glück, dass er noch so jung ist und nichts von der Gefahr versteht, die uns droht.« Ophelias Gesicht wurde ganz bleich. »Wir werden in diesem Schwarzen Loch sterben! Alles, was sich die letzten Menschen auf diesem Schiff aufgebaut haben, wird es bald nicht mehr geben!«
»Vielleicht ist das besser so.« Drex, der groß und breit wie ein Schrank war und pechschwarzes Haar hatte, drückte Ryder an seine Brust und strich ihm über den Rücken. »Seit zweihundert Jahren irren wir und unsere Vorfahren durch diese Galaxie, reproduzieren und modifizieren uns, um resistentere Hybriden hervorzubringen, die der Strahlung aus dem All trotzen, und haben bis jetzt keinen Planeten gefunden, auf dem wir fortbestehen können. Stattdessen müssen wir uns Tag für Tag überlegen, wie wir auf diesem Missionsschiff überleben können. Es wird Zeit, zu gehen, Ophelia, ob dir das gefällt oder nicht. Herrje, wir haben noch nicht mal die Milchstraße verlassen, obwohl wir dank der Technologie des Kaisers schneller als das Licht fliegen können! Ich sage dir, in unserem Universum gibt es keine zweite Erde.«
»Du scheinst direkt erleichtert zu sein, dass alles bald ein Ende findet!«, kreischte sie.
»Womöglich ist es aber auch ein Neuanfang«, murmelte er kaum hörbar.
Ophelia schnappte nach Luft. »Hastdu womöglich den Bordcomputer manipuliert, damit wir dem Schwarzen Loch zu nahe kommen?«
Drex knurrte bedrohlich, erwiderte jedoch nichts.
Ryder mochte nicht, wenn sich die beiden stritten. Deshalb hielt er sich die Ohren zu und starrte weiter aus dem Fenster. Die zwei waren doch so etwas wie seine Eltern, oder besser gesagt: Drex Maroon war eine Art Vater für ihn und Ophelia Blakes seine Oma, weil sie doppelt so alt war wie Drex. Den ganzen Tag lief Ryder auf den verschiedenen Stationen herum, stibitzte sich ab und zu eine süße Beere aus dem Gewächshausmodul oder sah den Soldaten zu, wenn sie trainierten. Ihre kleine Armee hatte noch nie kämpfen müssen, deshalb hatten diese Frauen und Männer auch andere Aufgaben. Zum Beispiel wurden meistens die Warrior rausgeschickt, wenn an der Außenhülle des Schiffes etwas repariert werden musste. Doch seit der Kaiser bei ihnen war, entwickelte der mit ihren Wissenschaftlern unermüdlich neue Roboter, die bereits viele gefährliche Aufgaben übernommen hatten.
Am liebsten hielt sich Ryder in der Nähe von Drex und Ophelia auf, denn sie schenkten ihm die meiste Beachtung. Drex war auch einmal ein Soldat gewesen. Doch seit ihm ein Trümmerteil bei einem Außeneinsatz das halbe Bein weggerissen hatte und er eine Prothese tragen musste, kümmerte er sich an Bord um andere Dinge. Ryder wusste nicht genau, was er tat, nur dass er sich oft in einem abgeschotteten Raum mit dem Kaiser unterhielt.
Der Kaiser war ein Außerirdischer vom Volk der Medusiner, den ihre Crew vor zwanzig Jahren gerettet hatte. Dessen flugunfähiges Schiff war durchs All getrieben. Er hatte zwar das Wissen, aber nicht die Mittel gehabt, es zu reparieren.
Seit seiner Rettung half er ihnen, wo er konnte. Ryder fand die zwei Meter große, leicht bläuliche Gestalt unheimlich und versteckte sich immer, wenn sie durch die Gänge wankte. Der Kaiser sah zwar ein bisschen aus wie ein Mensch, hatte aber sechs Arme – drei an jeder Seite – und einen langgezogenen Kopf ohne Haare. Innerhalb kürzester Zeit hatte er ihre Sprache gelernt und hier sehr viele positive Veränderungen bewirkt.
Ryders persönliche Heldin war jedoch Ophelia. Sie sorgte dafür, den Nachwuchs stärker zu machen. Denn nicht alle Menschen waren für ein Leben im All geschaffen. Die ersten Passagiere, die mit derScout – so hieß ihr Schiff – kurz vor einem globalen Atomkrieg gemeinsam mit zehn weiteren Missionsschiffen die Erde verlassen und nicht im Kryoschlaf gelegen hatten, waren nicht sehr alt geworden. Den Kontakt zu den anderen Schiffen hatten sie leider nach ein paar Jahren verloren, da sie alle in unterschiedliche Richtungen aufgebrochen waren.
Je näher die Scout diesem Schwarzen Loch kam, desto intensiver wurde die Verzerrung der Umgebung. Langsam machte das auch ihm Angst, zumal er hörte, wie Drex’ Herz aus Furcht raste. S