化け猫
WAS DU SÄST …
Stella Delaney
Triggerwarnungen befinden sich amEnde des Buches.
Rot. Dunkles, klebriges Rot.
Seine Finger zuckten. Er kämpfte gegen den Drang, die eine Hand mit der anderen zu umfassen und gegen seine Brust zu drücken wie ein verletztes Tier. Stattdessen ließ er sie hängen, als gehörten sie nicht zu ihm. Und lief weiter.
Um ihn herum herrschte gräulich-fahles Zwielicht. Zwischen hohen, dichten Bäumen kniete er sich auf den weichen Waldboden und tauchte seine Hände ins kalte Wasser eines flachen Stroms. Rote Schlieren bildeten sich, tanzten in der klaren Flüssigkeit wie Tinte in einem Wasserglas. Als er seine Finger wieder hob, waren sie sauber. Makellos. Als wäre nichts geschehen.
Er stand auf, wischte die Hände an seiner Hose ab. Drehte sich um und ging zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
Doch irgendwo im Dunklen zwischen den Bäumen waren große, leuchtende Augen, die ihm nachstarrten.
Sie hatten alles gesehen.
***
Ryan zuckte zusammen und war plötzlich hellwach. Der Raum um ihn herum vibrierte. Laute Musik, fröhliche Stimmen, bunte, blinkende Lichter, die sich wie Nadeln in seine Augen bohrten.
Für einen Moment starrte er benommen auf die dunkle, glatte Tischplatte, auf der eben noch sein Kopf gelegen und deren Kante schmerzhaft gegen seine Rippen gedrückt hatte. Zahlreiche leere und halbvolle Gläser mit verschiedenen, leuchtend bunten Flüssigkeiten standen darauf, zwischen Abdrücken und eingetrockneten Flecken. Sein Magen hob sich, rebellierte fast.
Das schwarze Kunstleder der Couch knirschte, als er sein Gewicht verlagerte,um sich aufzurichten. Er befand sich in der Kabine einer Karaoke-Bar, wie ihm der große Bildschirm verriet, auf dem noch der Text des letzten Liedes flackerte.
Aber warum war er ganz allein? Und wie zur Hölle hatte er bei diesem Lärm einschlafen können?
Die Tür der Kabine öffnete sich, und eine kleine, unscheinbare Frau kam in den Raum. Vermutlich eine Angestellte, die die Gläser abräumen und sauber machen wollte. Sie verbeugte sich kurz und sagte dann etwas auf Japanisch, das Ryan nicht verstand. Wahrscheinlich wollte sie ihn höflich darauf hinweisen, dass seine reservierte Zeit um war.
Ryan zwang ein Lächeln auf sein Gesicht, griff nach seiner schwarzen Lederjacke und stand schwungvoll auf. Zu schwungvoll. Für einen Moment drehte sich der Raum um ihn herum.
Ruhig bleiben. Einen Punkt fixieren. Atmen.
Sein Blick hielt sich am Karaoke-Bildschirm fest. Er versuchte, das Lied anhand der angezeigten Worte zu erkennen. Doch noch bevor es ihm gelang, flimmerte der Bildschirm plötzlich wie ein Fernseher mit schlechtem Empfang. Aus dem Schneesturm der Pixel formten sich vier Kanji, blutrot, auf weißem Hintergrund.自業自得
Sie pulsierten wie ein schlagendes Herz.
Ryan rieb sich die Augen. Als er sie wieder öffnete, war der Bildschirm schwarz. Oder war er das schon die ganze Zeit gewesen?
In seinen Gedanken herrschte Chaos. Erinnerungen, Gegenwart, wirre Träume – alles verschwamm miteinander und ließ ihn orientierungslos zurück.
Die Frau sprach ihn erneut an, riss Ryan aus seiner Trance. Oh Gott, sie musste denken, er sei irgendein besoffener Tourist.
»Ich bin schon weg. Einen Moment …«
Sie hielt etwas mit beiden Händen, und streckte es Ryan entgegen. Reklame? Die Rechnung? Ohne sein Zutun griff seine rechte Hand nach dem Papier. Er warf noch einen Geldschein auf den Tisch, bevor er aus dem Raum stürmte. Das Rufen der Frau ignorierte er.
Ja, er wusste es. In Japan gab man kein Trinkgeld. Es war nicht nur unerwünscht, sondern sogar eine Beleidigung, wie ihm sein Bruder schon am ersten Abend erklärt hatte.
Er hatte sich als typischer, ungebildeter Amerikaner erwiesen. AlsGaijin. Wieder einmal. Ein bekanntes Gefühl stieg in ihm auf wie brod